Riga

Der baltische Leidensweg führt an großformatigen Fotos von Hitler und Stalin vorbei direkt in den Gulag. Die nachgebaute Lagerbaracke mit zwei Schlafetagen aus rohem Holz, an dem die Haare der Gefangenen im sibirischen Winter festfroren, steht am Eingang des Okkupationsmuseums von Riga. Sie symbolisiert die zentrale Erfahrung Litauens, Lettlands und Estlands im 20. Jahrhundert: Unfreiheit, Erniedrigung und Tod. Der nationale Überlebenswille hat als Brief, der mit roter Tinte in der lettischen Landesfarbe auf Taiga-Birkenrinde geschrieben wurde, in die Vitrinen des Museums gefunden. Mehr als 100000 Menschen deportierten die Sowjets in den vierziger Jahren allein aus Lettland in Viehwaggons zu den Minen und Arbeitslagern hinter den Ural. Zurückblieben mit Abschiedszetteln übersäte Bahngleise. Die sowjetischen Verbrechen im Baltikum waren auf der freien Seite des Eisernen Vorhangs kaum bekannt. Jetzt drängen sie ins historische Gedächtnis Europas vor.

Seit Jahrzehnten haben es die Staaten Westeuropas vermocht, ihre gewalttätige Geschichte des vergangenen Jahrhunderts in einem Mechanismus aus Schuldbekenntnis, Reue, Versöhnung und auch Verschweigen auszubalancieren. Doch das Gleichgewicht wankt, seit Polen und die baltischen Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Geschichte frei aufzeichnen können. Sie fordern mit der Rückendeckung der EU- und Nato-Mitgliedschaft ihr historisches Recht vor allem von Russland ein. Sie verärgern Moskau und verstören die alteingesessenen EU-Länder. Denn die Prismen ihrer Geschichtsbetrachtung sind der Hitler-Stalin-Pakt, in dem die Diktatoren Polen und das Baltikum untereinander aufteilten, und die Siegerkonferenzen von Jalta und Potsdam. "Unser Land ist von den Deutschen und den Sowjets zweimal vergewaltigt worden – mit dem Segen der alliierten Kräfte", betont ein lettischer Diplomat. "Die Geschichte ist für uns nicht Selbstzweck, sondern der Schlüssel zu unserer Identität und Staatsbildung. Wir fordern Wissen, Reue und Verständigung."

Der europäische Konflikt um die Interpretationshoheit über den Weltkrieg erreicht am 9. Mai einen Höhepunkt. Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Staatschefs von mehr als 50 Ländern zu einer gloriosen Siegesfeier nach Moskau eingeladen. Das Begleitprogramm aus blutrotem Feuerwerk, Veteranenmarsch und patriotischen Gesängen dient der inneren politischen Sinnstiftung in bester Tradition der Bolschewiken. Die hatten bereits die Feiern der Oktoberrevolution zu einem mit Mythen geschmückten Gesamt-Happening inklusive nachgestelltem Sturm auf den Winterpalast perfektioniert. Der Sieg im Zweiten Weltkrieg ist das einzige sowjetische Geschichtsereignis, das keinem grundsätzlichen Zweifel unterliegt. Doch Putin möchte den sowjetischen Triumph feiern und dabei die Verbrechensregister des kommunistischen Systems ignorieren. Seit Wochen warnen Russlands Außenpolitiker vorsorglich davor, aus der Sicht einer Opfernation "die Geschichte umzuschreiben".

Die baltischen Staaten, die 1940 von der Roten Armee, 1941 von Hitlerdeutschland und 1945 wieder von den Sowjets besetzt wurden, schienen 2005 von neuem zum Spielball der Großmächte zu werden. Auf der einen Seite drängten die Amerikaner auf eine Anreise der baltischen Präsidenten, um Moskau nicht zu verdrießen. Russland startete andererseits seine bewährte Drohkampagne. Während die Präsidenten Litauens und Estlands absagten, entschloss sich Lettlands Staatsoberhaupt, Vaira Vike-Freiberga, den 9. Mai zu nutzen: Sie möchte in Moskau der russischen Opfer gedenken und gleichzeitig der Welt erklären, dass das Ende des Zweiten Weltkriegs für die Balten auch ein Tag der Trauer über das knapp halbe Jahrhundert der folgenden sowjetischen Okkupation ist.

Als Eiserne Lady der Vergangenheitsbewältigung verdammte Vike-Freiberga in einer Erklärung "die brutale Okkupation Lettlands durch das totalitäre Reich der Sowjetunion". Von Moskau fordert sie die Verurteilung des Hitler-Stalin-Pakts, der sowjetischen Besetzung und der Deportationen. Aus Kreml-Sicht kratzt das an Russlands Großmachtaura, auch fürchtet man Entschädigungsforderungen. Vike-Freiberga schenkte Putin obendrein während der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ein lettisches Geschichtsbuch in russischer Sprache. "Wir tun das Unsrige, um die Geschichte aufzuarbeiten", sagte sie Putin. "Lassen Sie uns darüber sprechen." Die russischen Diplomaten gingen daraufhin, erzählt ein lettischer Kollege, "wie Raketen in die Luft".

Auch Polens Präsident Alexander Kwa™niewski fällt Moskau mit der Forderung lästig, die Hinrichtung von 22000 polnischen Offizieren und Intellektuellen 1940 als Völkermord anzuerkennen. Russische Staatsanwälte hatten im vergangenen Jahr ihre Ermittlungen zum Massenmord von Katyn einge-stellt. Von 100 Bänden Untersuchungsmaterial steht den polnischen Kollegen nur ein Drittel zur Verfügung. Der Rest bleibt russisches Staatsgeheimnis. Als Retourkutsche gegen Kwa™niewski lobte Russlands Außenminister Sergej Lawrow die Konferenz von Jalta als Versuch, "Polen stark, frei und demokratisch" zu machen. Präsident Putin unterzog den Hitler-Stalin-Pakt einer Neuinterpretation: Die Sowjetunion habe ihn "mit dem Ziel ihrer Sicherheitsinteressen" gleichwohl unterschreiben müssen.

Schweigen über die Schicksale Abertausender deportierter Balten