DIE ZEIT: Sie fahren zur Siegesfeier am 9. Mai nach Moskau, Ihre Kollegen aus Litauen und Estland nicht. Ist die Solidarität zerbrochen?

Vaira Vike-Freiberga: Unser Verständnis der Geschichte hat sich um kein Jota verändert. Alle drei baltischen Länder erkennen im 9. Mai einen düsteren Tag, der den Fortbestand der Okkupation durch Stalins Sowjetarmee bedeutete. Zugleich brachte das Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Fall des Naziregimes ganz Europa Erleichterung.

ZEIT: Darf man Hitler und Stalin gleichsetzen?

Vike-Freiberga: Ich finde es ziemlich merkwürdig, dass Menschen es für nötig halten, Grade von Unmenschlichkeit gegeneinander abzuwägen. Das ist wie die Produktion von Atomwaffen, wenn bereits jedes Land den Overkill erreicht hat. Was machen ein paar zusätzliche Bomben dann noch aus? Ein Unterschied zwischen Hitler und Stalin lag darin, dass die Deutschen das Töten zu einer möglichst schnellen Technologie entwickelten. Stalin dagegen verschleppte die Menschen zum Arbeiten in Minen, wo die abnehmenden Brotrationen sie einem langsamen und schmerzvollen Tod aussetzten. Das Ergebnis war dasselbe.

ZEIT: Fühlen Sie sich von den alten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verstanden?

Vike-Freiberga: Ich habe von vielen der europäischen Staatschefs schriftliche Antworten auf meine Erklärung erhalten, die ihr Verständnis bestätigen. Aber ich würde auch gerne sehen, dass viele Länder ihre Schulbücher im Sinne einer nicht zu einseitigen Erklärung der Geschichte überprüfen. In Westeuropa ist beispielsweise die Invasion in der Normandie ein wichtiges Ereignis, während nur wenig über die Ostfront und das Schicksal der Länder unter dem kommunistischen Joch gesagt wird. Die Alliierten schauten dem geschenkten Gaul nicht ins Maul und nahmen Stalins Kampf gegen die Deutschen an der Ostfront als willkommene Unterstützung an. Die Legitimität seiner Macht und Menschenrechte spielten da keine Rolle. Die Konferenzen von Jalta und Teheran zogen die Rechte der Völker nicht in Betracht, die auf Stalins Wunsch unter dem Einfluss der Sowjetunion verblieben.

ZEIT: Was erwarten Sie von Präsident Putin?