Es ist die Bühne für Stars wie U2 oder die Rolling Stones. An einem Mittwochabend im Herbst 2002 standen auf der Bühne des Madison Square Garden in New York jedoch keine Instrumente, sondern ein Bücherstapel und eine Schreibtafel. Fast jeder Platz war belegt, ein erwartungsvolles Raunen lag in der Luft. "Am Samstag gibt er Autogramme", flüsterte einer. Gleich, jubelte ein Einpeitscher auf der Bühne, werde er in Fleisch und Blut zu sehen sein. "Begrüßen Sie bitte mit einer stehenden Ovation: Robert Kiyosaki!"

Es war der erste große Auftritt als Megastar, den der untersetzte Mann mit den rosigen Wangen und der schwarzen Plastikbrille an jenem Abend absolvierte. Inzwischen war Kiyosaki in Talkshows mit Millionen von Zuschauern, etwa bei Oprah Winfrey, er hat Fanclubs in aller Welt, und er ist – Finanzberater. Kiyosaki schreibt Bücher, von denen bisher 17 Millionen Exemplare verkauft wurden und die in 38 Sprachen erhältlich sind, darunter auch in Deutsch (Reichtum kann man lernen). Sein erster Hit Rich Dad, Poor Dad ("Reicher Vater, armer Vater") steht seit mehr als 290 Wochen in den Top Ten der Bestsellerliste der New York Times. In anderen Listen ist er manchmal gleich mehrfach vertreten. "Nie zuvor hat ein einzelner Autor so die Bestsellerlisten dominiert", jubelte einmal sein Verleger Larry Kirshbaum.

Kiyosaki ist ein Finanzguru. Eine schillernde Person, der Millionen Menschen folgen. Menschen, denen er Reichtum verspricht. Menschen, die Angst haben. Kiyosaki trifft den Nerv der verunsicherten amerikanischen Mittelschicht.

"Mein Vater war ein Versager", sagt Kiyosaki brutal

"Das ist eine ganz feine Adresse", sagt Kiyosakis Pressesprecherin, als sie die schwere schwarze Firmenlimousine der Rich Dad Corporation durch Randgebiete der Wüstenstadt Phoenix steuert. Sie nimmt die Ausfahrt zu den Biltmore Estates, einer Siedlung von Anwesen, die beim Neukauf schätzungsweise zwei oder drei Millionen Dollar kosten. Ein paar bekannte Unternehmerfamilien wohnen hier, deren Namen die Pressedame beim Vorbeifahren geflissentlich fallen lässt. Am Ziel führt ein schmaler Fußweg vorbei an der Garage, in der Kiyosakis Porsches parken, vorbei am Swimmingpool, in dem sich der Meister für die Presse schon mal mit Surfbrett und Champagner ablichten lässt, hinein in Kiyosakis Besprechungszimmer mit dem schweren Holztisch in der Mitte, darauf eine fette Buddhastatue. "Was für eine große Ehre, dass Sie sich für meine Arbeit interessieren", sagt Kiyosaki zur Begrüßung. Sein Händedruck ist fest, das Lächeln liebenswürdig.

Oft schon hat er seine Lebensgeschichte erzählt, nicht zuletzt in seinen Rich Dad- Büchern. Demnach war ihm der neureiche Lebensstil nicht gerade in die Wiege gelegt worden. 1954 war Robert ein neunjähriger Junge, der in einer Zuckerplantagenstadt auf Hawaii heranwuchs, ein Lehrerssohn aus einfachen Verhältnissen und ein hoffnungslos unbegabter Schüler auf der Suche nach Orientierung. "Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für ein Versager mein Vater war", sagt Kiyosaki und antwortet auf die verdutzte Nachfrage, dass man das ruhig alles so aufschreiben könne. Der neunjährige Kiyosaki wollte den Strafpredigten dieses Vaters nicht mehr folgen und lieber vom wohlhabenden Vater eines Schulfreundes lernen, wie man reich wird. Kiyosakis selbst gewählter rich dad, der "reiche Vater", deutete ihm fortan die Welt. Er erklärte ihm zum Beispiel, dass gute Schüler eines Tages für die schlechten Schüler arbeiten werden – wenn die schlechten Schüler es nur verstehen, die Immobilien- und Aktienmärkte richtig zu nutzen. Kleine Geschichten wie diese sind der Kern der Rich Dad, Poor Dad- Literatur.

Leicht ist es nicht, sich mit Robert Kiyosaki zu unterhalten. Zunächst will er erst einmal eine Reihe düsterer Untergangsszenarien loswerden. "Die meisten westlichen Industrieländer sind bankrott", sagt er, "sie können ihre Rentner nicht mehr bezahlen, und wir stehen vor einer Zeitenwende." Also was? Solle jeder mehr Geld fürs Alter zurücklegen? Mit einer Handbewegung wischt der Meister die Frage weg: "Quatsch, der Dollar fällt und fällt, und Geld wird immer weniger wert." Aber man könne sein Geld doch so anlegen, dass es die Inflation schlägt? "Hören Sie mich an", sagt Kiyosaki nun ungeduldig und schlägt mit der Hand auf die Tischplatte. "Ich sage keinem, was er machen soll. Ich sage nur, dass die meisten Leute sich finanziellen Rat bei armen Leuten holen." Also solle man reiche Leute fragen wie ihn? "Nein, nein, nein. Ich sage nur, wenn Leute finanzielle Probleme haben, dann ist das ein Problem des Lebensstils. Kein Intelligenzproblem. Ist das denn alles so schwer zu begreifen?"

Ungehaltene Reaktionen auf Nachfragen, polternde Generalisierungen und ausweichende Antworten sind charakteristisch für Kiyosaki. In einem Punkt jedoch liefert er eine messerscharfe Analyse. Der Bestsellerautor hat schon vor Jahren begriffen, dass die amerikanische Mittelschicht eine immer stärkere Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg hat. Es ist diese Angst, die ihm seine atemberaubenden Erfolge verschafft hat.