Endlich. Endlich ist dieses 1921 veröffentlichte Buch wieder da. Ich habe es zitiert jahrelang, für Vorträge benutzt, in Diskussionen vorgestellt, immer hieß es: "Was? Wie heißt das? Ist das von dem Caspar Hauser- Autor? Das gibt es nirgendwo." Jetzt ist es da. Man soll es unbedingt kaufen und lesen, einen der tiefsinnigsten, ergreifendsten Essays zum nicht verebbenden Thema "Deutsche und Juden", herzzerreißend und dennoch nicht schluchzend; eine elegante Prosa-Etüde, vornehm-altmodisch im besten Sinn.

Als Jakob Wassermann sie schrieb, Erzählung auch einer Jugend in bitterster Not und brotbrechender Armut, war er Mitte 40 und schon ein berühmter Schriftsteller, einer der erfolgreichsten seiner Zeit; allein der Roman Das Gänsemännchen (1915) hatte ihm ein Vermögen eingebracht. Wenn er reiste, wurde sein eigener Salonwagen an den Zug gehängt. Wir haben es also nicht zu tun mit dem greinenden Aufmucken eines zu kurz Gekommenen. Wir haben es zu tun mit der trotzigen Melancholie eines Tiefnachdenklichen, der innerlich fast zerbrochen ist an dem kaum lösbaren Konflikt, in den die sinnlose Frage "Wer bin ich – Deutscher oder Jude?" ihn von Jugend an stürzte. Wenn schon die Magd abends an der Herdstelle den Knaben "beförderte", weil er ihren Geschichten gelauscht hatte – "Aus dir könnt’ ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!" –, dann ist das der Notenschlüssel zu einer düsteren Lebensmelodie; schon wenig später, in langen Debatten mit einem Freund, dem er seine Not eingestand, schwoll sie zu einer wahren Sinfonie der Bedrohlichkeit an, da ihm kühl bedeutet wurde, ein Leugnen tiefster Unterschiede sei vergebens: "Er sagte: Es ist umsonst. – Was? Was ist umsonst? – Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein."

Zweierlei daran ist wahrhaft schauerlich: Zum einen gibt es Momente, in denen Menschen wie Jakob Wassermann (und viele seiner Schicksalsgefährten) versucht sind zu akzeptieren, dass anders sein heißt, schlechter zu sein; deshalb nannte ich die Alternative Deutscher oder Jude sinnlos, weil mir in meinem nun auch langen Leben niemand je erklären konnte, was dies Andere ist – eine andere Nase? Schneller funktionierende Synapsen? Reden mit den Händen? Und wenn, wenn die Haare blondlockig sind und die Augen blau (was es, Wassermann erzählt von Beispielen, auch bei Juden durchaus gibt) – was dann? Sind sie anders anders? Und was, verdammt noch mal, ist schlecht, verachtens- und verdammenswert an einem schwarzlockigen Schopf, an schnellerem Witz?

Ich lasse einmal die obligate Reihe der genialen Wortmächtigen – von Moses Mendelssohn bis Kafka – außer Acht, die uns so viel an Schönheit geschenkt haben. Aber wenn es so wäre, dass beispielsweise Juden besonders begnadete Violinisten sind – von David Oistrach und Nathan Milstein zu Maxim Vengerow: haben wir ihnen nicht zu danken? Wer je des jungen Nicolaj Znaiders Vortrag von Beethovens Violinkonzert gehört hat, der weiß, was Demut ist. Warum Hohn, Häme und Hass – während man doch einem so hinreißenden Künstler ganz leise übers Haar fahren möchte?

Das zweite Moment ist noch bedrückender. Das Gift verächtlichen Urteils kann eindringen, drang auch in Wassermann ein – etwa in der Verurteilung Heines, den er zu Zeiten als "jüdisch" sieht im Nebeneinander von Ghettogeist und Weltgeist, dem er das Dichterische abspricht wegen seiner "jüdisch-talmudischen Vorliebe für das Wortspiel, das Wortkleid" und von dem er sagt: "Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in voller Naivität Deutscher. Er beklagte sich als deutscher Patriot, deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblüt und Wahl und verriet den Deutschen in sich. Auch dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität. Er war der Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt, auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, ohne Himmel und deshalb auch ohne Erde."

Diese nicht kitschfreie Anklage ist eine verquere (wohlgemerkt: später korrigierte) Selbstbezichtigung. Sie führt den qualvollen Prozess der Selbstfindung vor, eine Art Geißelung. Wem von Kind an bis ins reife – in unserem Fall fast erschwerend: auch noch erfolgreiche – Mannesalter eingehämmert wird: Du bist minderwertig, egal was du tust, egal wie tief verwurzelt du bist in deutscher Landschaft, deutscher Mythologie, der Sagen- und Märchenwelt einer Nation, deren Teil du dennoch nicht sein kannst, obwohl genährt von ihr in allen Fasern, in Psyche und Geist – der erfährt einen existenziellen Riss. Gleich eingangs benennt Wassermann die Kluft, die der Begriff "deutscher Jude" enthält, eine Fülle von Tragik, Widersprüchen, Hader und Leid. Es hat ein hoch kompliziertes Leben gebraucht voller Fährnisse, Wunden und schier unersättlichen Kunstwillens, bis er formulieren konnte:

"Es ist die Tragik im Dasein des Juden, dass er zwei Gefühle in seiner Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung. In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden Empfindungsströme muss er leben und sich zurechtfinden. Es hat sich mir bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems. Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebenso wenig einen Vorrang dadurch, dass man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, dass man Jude ist."

Es gibt keine Zeile in diesem würdig-klagenden Buch, die man ohne innere Erregung lesen kann. Es spricht ja kein Rachegott, kein Nörgler und schon gar nicht einer, der um irgendeine Gnade winselt. Es spricht – leidenschaftlich zwar, doch nie schmetternd – ein Berichterstatter. Er spricht vom deutschen Hass. "Was wollen die Deutschen?", lässt er einen (fiktiven?) Dänen fragen, der die Juden seines Landes als ehrenhaft, als verlässliche Patrioten, als eine Art Aristokratie erlebt. "Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß."