Es ist der Höhepunkt des Buches, das Schürfungen, blutende Wunden offen legt. Wer je Fritz Kortner – unvergesslich – zornzitternden Herzens Shylocks Worte sprechen hörte: "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?", der hört sie hier noch einmal, aber aus dem Jahre 1921, da ja – wie wenig später – keiner etwas gewusst hat. Marcel Reich-Ranicki hat in seinem stillen und informativen Nachwort dargelegt, wie auch Thomas Mann nach der Lektüre des Buches sich die Ohren zuhielt und den vielleicht nicht ganz neidlos betrachteten Erfolg des Romanciers Wassermann wie einen Schutzschild vor irgend möglichen Antisemitismus schob; Thomas Mann wollte nicht wissen, was er las. Es war aber zu lesen, und inständiger kann ich nicht bitten, es jetzt und heute zu lesen, was dieser große Erzähler uns anzuhören bat; in taube Ohren:

"Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört. Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling, er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu. Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles. Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches. Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude."

Ach, für einen Moment wünschte ich, der Werbechef des Suhrkamp Verlages zu sein – Litfaßsäulen und Werbeflächen möchte ich mieten für diesen Schrei. Denn nicht unabsichtlich habe ich jetzt und heute gesagt. Ich spüre das Rüchlein wehen, es ist da, man kann es mal dingfest machen wie die Schriftstellerin Ruth Klüger, die sich sehr zu Recht weigerte, in Dresden angesichts Tausender Neofaschisten zu sprechen; man kann es analysieren, das widerliche Versteckspiel "Wir sind Antizionisten, aber keine Antisemiten"; man kann sich kopfschüttelnd verwundern, wenn jenes berüchtigte "Die sind anders" durchklingt in einer Rede des Bundestagspräsidenten Thierse, der von einer "jüdischen Synagoge" spricht, da er doch gewiss nicht spräche vom "katholischen Papst". Ich könnte viele Namen und viele ganz unzweideutige Situationen aufzählen von "Lüge, Gewissenlosigkeit und affenhafter Bosheit", wie Jakob Wassermann es nannte, "ein besonders deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß." Als Friedrich Weissler, evangelischer Christ jüdischer Herkunft, Mitarbeiter der Bekennenden Kirche, 1937 ins KZ Sachsenhausen kam, sollte er sich auf den Appellplatz stellen und rufen: "Ich bin ein Jude!" Er aber rief: "Ich bin ein Mensch!" Kurz darauf war er ermordet.