Es könnte eine leuchtende Nachtaufnahme von Las Vegas sein. Ein Satellitenfoto, das die ganze elektrisch flirrende Strahlkraft der Stadt als rote Wärmepunkte festhält, die, je weiter man ins Zentrum blickt, zuerst gelb, dann grün und schließlich blau werden. Es könnte sich aber auch genauso gut um eine Karte von Las Vegas handeln, die von unten angezündet wurde und die sich nun schon an den Rändern rötlich verfärbt, in der Mitte bereits drei große blaue Löcher davongetragen hat.

In gewisser Weise trifft beides zu. Die Grafik, die Matt Wray vor sich in seinem Büro der Universität von Las Vegas liegen hat, ist eine Art Selbstmordthermometer von Las Vegas. Sie zeigt die Orte der Stadt, an denen sich die Menschen am häufigsten das Leben nehmen. 296 Menschen haben sich 2003 in Las Vegas getötet, achtmal so viele haben den Versuch überlebt. Damit hat Las Vegas eine der höchsten Selbstmordraten in den USA. Die Frage, die sich der Soziologe Matt Wray seit einiger Zeit stellt: Gibt es etwas an Las Vegas, das die Menschen dazu bringt, sich zu töten, oder zieht Las Vegas Menschen an, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen? Zieht die Stadt schwache Menschen an, oder macht die Stadt die Menschen schwach? "Heute erklären wir Selbstmord fast immer mit Hilfe der Psychologie, aber ich glaube, dass jeder noch so private Akt soziale Ursachen hat." Matt Wray ist 40 und vor dreieinhalb Jahren mit seiner Familie aus Kalifornien gekommen. "Von der Antwort auf diese Fragen kann man viel für die Zukunft lernen", sagt er. "Die Städte in den alten Industrienationen werden zunehmend auf Unterhaltung, Konsum und Dienstleistungen setzen." Er ist sich sicher, dass schon bald viele Städte wie Las Vegas aussehen werden. Denn Las Vegas’ Wirtschaft hat Erfolg.

Gordon Smith jr. kam mit dem Bus. Am 15. Mai, jenem Tag, an dem Las Vegas seinen 100. Geburtstag feiert, wird es zehn Jahre her sein, dass der schmale Gordon mit seinen beiden schmalen Söhnen in einem Greyhound-Bus aus Michigan nach Las Vegas kam, um am Erfolg teilzuhaben. 43 Jahre war er damals, die Kinder sieben und acht. Die Ehe hatte nicht gehalten, die Mutter wollte die beiden Söhne nicht, Gordon Smith verlor bei einem Unfall ein Ohr und dann seinen Job als Dachdecker. Der Autoindustrie in Michigan ging es schlecht, es wurde weniger gebaut, Gordon Smith wurde nicht mehr gebraucht. Las Vegas sollte für ihn und den Rest seiner zerbrochenen Familie wie für so viele andere auch, die Rettung sein.

Seit 17 Jahren geht es der Stadt in Nevada so gut wie kaum einer anderen in Amerika. 29 Millionen Besucher kamen vor zehn Jahren, im vergangenen Jahr waren es 37 Millionen. Immer mehr Betten müssen gemacht werden, Cocktails geschüttelt, Tische gedeckt, Autos geparkt, Spülmaschinen geräumt, Steaks gebraten und Black-Jack-Karten gegeben werden. Die Stadt ist der Testwagen eines postindustriellen Kapitalismus, der keine Güter mehr produziert, sondern ausschließlich Erlebnisse, der die angesammelten Sehnsüchte des Industriezeitalters aufnimmt, Reisen, Freiheit, Luxus, und sie für einen kurzen Moment erfüllt. Las Vegas gibt seinen Besuchern für ein Wochenende das, was sie sonst nicht haben können. Die Stadt gibt den Besuchern New York ohne Obdachlose, sie gibt ihnen klimatisierte Pyramiden und ein Paris, das den Service und die Freundlichkeit Amerikas bietet.

Aber was gibt Las Vegas seinen Bewohnern?

Oscar Goodman ist der Bürgermeister von Las Vegas. Als Strafverteidiger der alten Las-Vegas-Mafia ist er berühmt geworden, weshalb er es sich auch nicht nehmen ließ, sich in dieser Rolle in Martin Scorseses Casino selbst zu spielen. Goodman sitzt in einem Büro, das mit den vielen Plüschtigern aussieht wie die Garderobe von Siegfried und Roy. "Wenn in 2000 Jahren Archäologen nach Las Vegas kommen und zu graben beginnen", sagt der Bürgermeister, "dann werden sie nicht wissen, wo sie sind, denn sie werden die ganze Welt finden, Paris, New York, Ägypten, Star Wars. Das macht uns keiner nach." Las Vegas ist eine Stadt ohne Geschichte, die sich lieber neu erfindet, als zurückzuschauen. Genau das suchte auch Gordon Smith. Eine Stadt, die ihn nicht an ihn selbst erinnerte, die ihn ablenkte, auf andere Gedanken brachte und ihm vor allem einen Job schenkte. Gordon Smith wollte ein neues Leben.

Damals, vor zehn Jahren, als Gordon mit seinen Söhnen aus dem Greyhound-Bus stieg, wohnten in Las Vegas eine Million Menschen. Die haben im selben Jahr das Hard Rock Cafe-Casino gebaut, im Jahr darauf den Stratosphere Tower, das New York New York und das Monte Carlo, 1998 das Bellagio, 1999 das Mandalay Bay, das Paris und Venetian. Am 28. April, dem Geburtstag seiner Frau, haben sie für Steve Wynn das 28 Milliarden teure Wynn Las Vegas fertig gestellt. Das teuerste Casino der Welt, mit einem 18Loch-Golfplatz, 22 Restaurants und einer Ferrari- und Maserati-Vertretung. Heute zählt die Stadt 1,8 Millionen Einwohner, und jeden Monat kommen 5.000 neue. Das macht Las Vegas zur am schnellsten wachsenden Stadt Amerikas. Die Arbeitslosenrate liegt bei 3,5 Prozent; alles, was darunter liegt bedeutet, dass Arbeitgeber keine Arbeiter finden; alles, was darüber liegt, dass Arbeiter keine Jobs finden. "Besser als 3,5 Prozent geht es nicht", sagt Keith Schwer, Ökonom an der Universität von Las Vegas. Wer es unter solchen Umständen im Leben nicht schafft, der schafft es nirgendwo. Las Vegas hat New York auf den Kopf gestellt: If you can’t make it here, you can’t make it anywhere.

Wenn Gordon Smith abends ausgeht, dann erzählt er gern. Seine Geschichten handeln von Vietnam und seiner Zeit als Fremdenlegionär. Afrika, Südamerika, immer gefährliche Jobs, immer geheime Jobs, immer ohne Papiere, immer für den, der am meisten zahlte, große Unternehmen, die Regierung. Das Geld hat er in Puerto Rico am Strand versoffen oder beim Spielen verprasst. Wäre das nicht passiert, hätte er schon längst zwei Häuser gekauft, sagt er dann und klopft auf die Theke. Was von alledem stimmt und was nicht, ist schwer zu sagen. Neben dem Fernseher, auf einer der Musikboxen, liegt eine Vietnam-Veteranenkappe wie eine Trophäe, vom Rest der Geschichten gibt es keine Spuren.