Wieder mal 5000 Quadratmeter Edelstahl gebogen und 180000 Klinkersteine vermörtelt, und wenn das kein echter Frank Gehry geworden ist, dann liegt Herford auch nicht an Aa und Werre.

MARTa heißt das neueste unter den neuen Kunsthäusern dieser Jahre. Marta, das klingt nett, ein bisschen schürzenkittelig, aber Marta ist was ganz Spezielles. Eine kunstvoll skulpturierte Kunstanlage – wie ein Schildkrötenpanzer, der weich geworden, aus der Form geraten ist und sich in mächtigen Kavernen verwölbt hat. Andere rühmen die Wellenstruktur, die die Fließbewegung des Verkehrs auf der – gut übersichtlichen – Goebenstraße abbilde. Das ist kühn.

Kühne Häuser sind meist von so genannten Stararchitekten entworfen. Und Frank Gehry, der Bauplastiker aus Kalifornien, musste es schon sein, wenn man sich in der bis dato kulturunverdächtigen Stadt Herford anschickt, "die widersprüchlichen Beziehungen zwischen Kunst und Wirtschaft zu benennen und neu zu bestimmen". Während an Benennung und Bestimmung noch gearbeitet wird, steht jetzt schon einmal ein Lokal zur Verfügung, das vielleicht nicht ganz das Zeug hat, zur Ikone der neueren Architekturgeschichte zu werden, aber immerhin so spektakulär geraten ist, dass die Klärung der Beziehung zwischen Kunst und Wirtschaft doch noch einen Aufschub verträgt.

Um das denkmalgeschützte Betriebsgebäude der ehemaligen Firma Ahlers aus den fünfziger Jahren hat Gehry eine Kette grottenähnlicher Apsiden gelegt, die mit ihren gestauchten Zylinderköpfen durch die glänzende Stahlhaut drücken, dass es aussieht wie dicke Schlote auf einem verbogenen Schiffsrumpf. Wo die Wände aufhören und das Dach beginnt, ist von außen so wenig zu entscheiden wie im Innern. Es sind höhlenartige Säle, in die man vom geduckten Foyer aus gelangt. Keiner ist wie der andere, und alle sind sie doch ähnlich, unregelmäßig, fensterlos, mit Lichtschacht hoch oben. Auf der einen Seite das Forum ("für Kultur, Veranstaltungen und Präsentationen"), auf der anderen Seite das Museum ("für Kunst und Design"), im Altbau, den Gehry in einem Akt amerikanisch verstandenen Denkmalschutzes vollständig unter einer Holzverkleidung verschwinden lässt, das Zentrum ("für Kompetenz und Information"). Denn MARTa steht für M wie Möbel, ART wie Kunst und a wie Ambiente.

Ursprünglich sollte es ein "Haus des Möbels" werden. Das war mal Wolfgang Clements Idee, als er noch in Nordrhein-Westfalen residierte und sich um den Wirtschaftsstandort Ostwestfalen/Lippe sorgte. Als die Planer aber dann Jan Hoet beriefen, den Belgier, dem 1992 die munteren Künstler der documenta9 gehorchten, war rasch klar, dass die Zukunft größer, weiter, möbelärmer würde. Nun obliegt dem künstlerischen Direktor der Aufbau einer hauseigenen Sammlung Gegenwartskunst. Daneben arbeitet er an "innovativen bildenden und medialen Ausdrucksformen im Sinne des Bauhauses". Und zur Eröffnung zeigt er (my private) Heroes, einen objektreichen Essay zum Bild des Helden in der Kunst, wozu die 99. Sonderausgabe des Herforder Kreisblatts vom 23.September 1914 geradeso gehört wie Joseph Beuys’ Plakat La rivoluzione siamo noi und eine signierte Autogrammkarte von Jan Ullrich.

Der Installationskünstler Guillaume Bijl steuert praktische Einbaukästen bei, weil auf die wogenden Wände kein rechter Verlass ist. Mit mehr als ein paar Metern planer, beruhigter Fläche sollte der MARTa-Besucher, wenn er den Blick vom geschliffenen Betonboden hebt, nicht rechnen. Und da der konkav geformte Malgrund noch nicht erfunden ist, wird der ideale Hauskunstgegenstand eher von schmiegsamer Stofflichkeit sein. Oder aber es bilden sich neue Lascaux-Talente, die ihre Bilder direkt auf die Gehryschen Zwickel und Überhänge bringen. Wie die kapitale Leihgabe ans Haus, die Bilder des Bielefelder Verlegers Karl Kerber, der mit eindrücklichem Eigensinn die stilleren, weniger schrillen Positionen der achtziger und neunziger Jahre gesammelt hat, hier heimisch werden kann, bleibt ziemlich unvorstellbar. Eine Minimalauswahl ist fürs Erste im Forum untergebracht, wo demnächst trendige Firmen zu Produktpräsentationen laden werden.

Sagen wir so: An seinen dekonstruktivistischen Standard – siehe Bilbao (Guggenheim), siehe Weil am Rhein (Vitra) – reicht Frank Gehry diesmal nicht ganz heran. Dazu sieht MARTa doch zu gestückelt, ein wenig zusammengeklebt, nicht ganz aus einem Guss aus. Und den auffahrenden Linienschwüngen mit ihren mancherlei handwerklichen Knicken und Dellen gebricht es doch sichtlich an Matissescher Eleganz. Vollends störend sind die schwarzen Füßchen, auf denen die himmelhochstrebenden Höhlenräume balancieren müssen, lüftungshalber. Ansonsten hat die museale Hardware aus 5000 Quadratmetern Edelstahl und 180000 Klinkersteinen als "Ereignis" zu gelten. Die zugehörige Software wird noch entwickelt.