Das Gedächtnis spielt uns die närrischsten Streiche, aber wenn sich der Autor dieser Zeilen nicht irrt, dann ist ihm der so genannte deutsche Gruß niemals mehr zu Ohren und vor Augen gekommen, seit er sich vor genau 60 Jahren als PoW (prisoner of war) in einem Lazarett in Aichach an der Donau wiederfand.

Keinem der heimathungrigen Kameraden in den Revierstuben und hernach in den Massenlagern, nicht einmal den härteren Knaben von der Waffen-SS, erst recht keinem der Offiziere entfuhr (gegen die bessere Absicht) unversehens jenes "Heil Hitler!", das nach zwölf Jahren zur Volksgewohnheit geworden zu sein schien. Wohl rissen die Herren die Hacken ihrer Stiefel zusammen – sofern sie noch welche hatten –, wenn sie vom amerikanischen Kommandanten herbeizitiert wurden. Aber sie legten schneidig die Hand an den Mützenrand, wie es der militärischen Übung bis zum 20. Juli 1944 entsprach, ehe der Führergruß für die gesamte Wehrmacht zur Pflicht wurde. Der Verzicht auf den gereckten NS-Arm brauchte keine Verabredung: Er vollzog sich wortlos.

Auch in unserem Städtchen am Neckar widerfuhr, wie der Autor nach seiner Heimkehr registrierte, keinem der Volksgenossen, keinem der Blockwarte, keinem der Ortsgruppenleiter, keinem der SA-Männer jemals das Ungemach, dass er – ein Opfer mechanischer Reaktion – die Hand stramm aus der Schulter nach vorn warf, wenn er einem der einstigen Vorgesetzten über den Weg lief. Auch der Buchhändler Z., der dem vermuteten Regime-Gegner mit seiner ruckhaft-entschlossenen Handerhebung und den spitzen Fingern stets die Augen auszustechen drohte, vor allem dem Herrn Dekan, der vom fetten Kreisleiter oft genug als "Volksfeind" und "Landesverräter" geschmäht worden war – selbst dieser NS-Mustermann entbot dem Pfarrer der bekennenden Christen nun plötzlich einen "Guten Tag", wenngleich mürrischen Tones. Aus den Auslagen seines Buchladens waren die Kolbenheyers und Hans Grimms, die Will Vespers und Edwin Erich Dwingers, ja selbst Reclams Nietzsche-Hefte verschwunden, zu schweigen von des Führers Kampfbuch und Baldur von Schirachs gesammelten Hymnen.

Zwölf Jahre lang war dem Führer Tag für Tag millionenfach das Heil gewünscht worden. Nur in Süddeutschland bestanden manche auf dem landesüblichen "Grüß Gott!" oder dem maulfaulen "Pfuet di"; andere murmelten Unartikuliertes und winkelten, wenn sie nicht anders konnten, für eine Sekunde schlappsig den rechten Arm an (wobei sie sich, zur Rede gestellt, auf den "Führer und Reichskanzler" berufen konnten, der es bei eiligen Begegnungen nicht anders gehalten hatte).

Nicht, dass der römisch-faschistische Gruß, der unversehens zum deutschen mutierte, in allen Winkeln der Volksgemeinschaft ohne eine Prise Spott akzeptiert worden wäre. Zu vorgerückter Stunde fragte mancher Skeptiker einen Bruder im Zweifel, ob er den deutschen Ärztegruß kenne. Nein? "Heil Hitler!" Aber bitte: "Heil du ihn!" Und auf dem Schulausflug (wenn’s nicht beim "Heimabend" der Pimpfe war) sangen die aufmüpfigen Spitzbuben: "Es lagen die alten Germanen zu beiden Seiten des Rheins / Sie lagen auf Bärenhäuten und tranken immer noch eins … / Da trat in ihre Mitte ein Römer mit deutschem Gruß / ›Heil Hitler!‹ Ihr alten Germanen, ich bin der Ta-acitus…" Die Älteren flüsterten (bis 1938) mit einem halb verlegenen Grinsen, der Bäckerjunge habe vor dem Pessach-Fest stets pünktlich bei der zarten alten Dame im dritten Stock geklingelt: "Heil Hitler!, Frau Cohn, hier sind die Matzen…"

"Mein Kampf" war auf einmal wie vom Erdboden vertilgt

Dennoch: Es bleibt ein Rätsel, wie es zuging, dass sich ein so genanntes Kulturvolk samt seinen "gebildeten Schichten" über Nacht ein Ritual zu Eigen gemacht hatte, das jedem vernünftigen Bürger fremd, ja lächerlich erscheinen musste. Wohl trifft es zu, dass die Dichter sich seit Shakespeares Zeiten ("All hail, Macbeth! Hail to thee…") gelegentlich des germanischen Zurufs entsannen, doch erst im nationalen Rausch der Befreiungskriege wurde die entlegene Formel patriotisch aufgeladen. "Heil fester Stein vom festen Steine! / Heil stolzer, freier, deutscher Mann", sang Ernst Moritz Arndt, und Richard Wagner ließ das "Heil" in mächtigen Chören erschallen.

Von links brach nach dem Ersten Weltkrieg der kämpferische Gruß "Rot Front!" (mit gereckter Faust) in den deutschen Alltag – doch immerhin nicht "Hoch Lenin!", "Hoch Stalin!", "Hoch Thälmann!". Der götzendienstliche Bezug auf den "Führer", der sich so gern als der tapfer-bescheidene kleine Gefreite aus den Schützengräben der Westfront stilisierte, war umso absurder. Doch das Volk erlag damals genauso widerstandslos dem primitiven Zauber, wie er im Frühjahr 1945 verflog. Kein Führergruß mehr, auch kein "deutscher". Die Hakenkreuzflaggen verschwanden. Auch das autobiografische Bekenntnis- und Programmbuch des "Führers", das im Jahre 1943 in einer Auflage von nahezu zehn Millionen Exemplaren verbreitet war: Mein Kampf war wenige Tage nach dem Waffenstillstand wie vom Erdboden vertilgt; auf den Dachboden oder ins hinterste Kellerloch verbannt, samt HJ-Dolch und Mutterkreuz im Schrebergarten vergraben – es war, als hätte es das (leider) "ungelesenste Buch" seit Gutenberg niemals gegeben.