Es gibt etwas Neues unter der Sonne, und wir haben es kommen sehen. Schon 1979 schrieb Wolfram Siebeck im Magazin dieser Zeitung, dass ein Picknick nur dann richtig Freude macht, wenn man seine Vorbereitung den Profis überlässt. Für den Hausgebrauch kochen ist schon schwer genug. Aber dann auch noch so, dass es Stunden später lauwarm vom Pappteller schmeckt?

Der Rat schien vergebens. Die Leute wollten nicht hören. Sie picknickten ja gerade aus Protest gegen den vermeintlichen Nepp in der Ausflugsgastronomie. Da konnten sie schlecht die ausgebooteten Wirte um eine Pastete oder ein Stück Roastbeef angehen. Und so ereigneten sich Szenen im Grünen, denen kein Manet etwas Schönes hätte abgewinnen können. Familien kauerten auf Autodecken um quietschbunte Kühltaschen, ließen die Thermoskanne mit dem Nescafé kreisen und schaufelten aus mayonnaiseverschmierten Tupperdosen den unvermeidlichen Kartoffelsalat. Kein Wunder, dass das Picknicken aus der Mode kam. Doch nun scheint die Zeit reif für eine Renaissance. Die deutschen Hotels und Restaurants jedenfalls halten neuerdings viele bunt bestückte Körbe bereit. Von vier der schönsten haben wir genascht.

Selleriebowle zu Ehren Einsteins
Restaurant Liebermanns, Berlin

In Berlin-Kreuzberg gibt es eine Picknickwiese, die man nur durch eine Sicherheitssschleuse erreicht. Sie gehört zum Jüdischen Museum und ist jedermann frei zugänglich, aber eben erst, nachdem man glaubhaft machen konnte, dass man nichts Gefährliches bei sich trägt. Wenn dabei auch die Brotmesser und Korkenzieher der Selbstverpfleger konfisziert würden, käme es Roman Albrecht nur gelegen. Er leitet das Restaurant Liebermanns im Museum, das tagsüber die Besucher versorgt und abends Veranstaltungen betreut, aber gern bekannter werden möchte. Der hauseigene Picknickkorb ist da eine gute Visitenkarte. Koscheres Picknick? Nicht ganz, sagt Albrecht: "Wir nennen es kosher style. Wenn es koscher sein sollte, müssten wir einen Rabbi in der Küche haben, der entscheidet, wie oft welcher Teller in die Spülmaschine gehört." Auch so ist es für einen Koch, der kein Jude ist, schon Umstellung genug. Trotzdem schwärmt Albrecht vom Reichtum der israelischen Kochkunst, die orientalische Tradition mit den Einflüssen der europäischen Zuwanderer verbindet.

Er entnimmt dem Weidenkorb eine Portion Humus, Kichererbsenbrei. "Das heißt so, weil es aussieht wie die israelische Erde. So ziemlich das älteste Essen, das es überhaupt gibt." Dann marinierte Artischocken, Auberginenkaviar, Tabouleh mit Granatapfel und vieles mehr. Die Grundausstattung des Liebermanns-Picknicks ist vegetarisch, aber nach Belieben anzureichern. Die eine oder andere Überraschung gibt es ohnehin – zuletzt etwa eine durchaus aparte Selleriebowle zu Ehren Albert Einsteins, der sie nach Albrechts Recherchen in entbehrungsreichen Jahren gern trank.

Mit dieser Kost fläzt man sich auf dem makellos gepflegten Rasen des Jüdischen Museums mit Blick auf den alten und den neuen Trakt und auf die Kreuzberger Bausünden der siebziger Jahre. Die Vögel singen, der Stadtlärm schweigt. Studenten dösen in der Sonne. Israelische Schulklassen in Daunenjacken staunen über die unverhoffte Heiterkeit eines Berliner Frühlings. Und auch wenn Daniel Libeskind das so vielleicht nicht ganz vorgesehen hat, fühlt sich der Picknicker doch als erwünschter Kontrapunkt zur Strenge seines Bauwerks, als ein bescheidener Beitrag zur Entkrampfung einer schwierigen Beziehung.

Ostalgie bei Broiler und Pelleiern
Borchard’s Rookhus, Wesenberg

"Hier kannst du ein Kind umbringen", bemerkt ein Hotelgast, was, hoffen wir, heißen soll: Die Gegend ist ruhig. Und was immer man von solchem Humor halten mag – er beschreibt treffend, was den Müritz-Nationalpark in der Mecklenburgischen Seenplatte attraktiv macht. Kiefern und Buchen, Sandböden, Schilf und Moore beherrschen die Landschaft. Die wenigen Ortschaften heißen Klein Quassow oder Kakeldütt, und die wenigen Züge hupen ins Leere, wann immer sie einen der Fahrradwege kreuzen.