Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Schlachtenkino inzwischen selbst zur Schlacht geworden ist. Unstrategisch, aber mit Wucht rumpeln die Kohorten des Mainstream-Kinos auf uns zu. Seit Monaten wird auf schwitzenden Rössern vorwärts in die Vormoderne gedonnert, von Troja zu Alexander, von König Arthur zu Königreich der Himmel. Die Waffen dieses Kinos sind so einfach wie effektvoll: schicksalsschwangere Zeitlupen und Überblendungen, knallende Schnitte, Chöre und Dolby-THX. In seiner Überbietungsrhetorik liegt auch schon die seltsame Tragik des neueren Schlachtenfilms: Pathetisch bis zum Platzen, trampelt er mit großem Gestus über die fremden Kulturen, Mythen und archaischen Welten, von denen er doch eigentlich erzählen will, hinweg.

Nun hat Ridley Scott nach Gladiator seine Heerscharen erneut in Stellung gebracht. In Königreich der Himmel erzählt er die Geschichte eines jungen französischen Kreuzritters (Orlando Bloom), der auszieht, im Heiligen Land seinen verlorenen Glauben zurückzugewinnen. Balian, der junge Schmied aus der Provinz, hat Frau und Kind verloren. Gemeinsam mit seinem lange vermissten Vater (Liam Neeson) folgt er dem Strom der gottesfürchtigen Krieger, religiösen Eiferer und Glücksritter, die das wankende Jerusalem vor der muslimischen Übermacht schützen wollen. Im Morgenland wird er zu wahrer Heldengröße reifen, einem guten König dienen, das Herz einer schönen Prinzessin gewinnen und Jerusalem gegen den Ansturm des Sarazenenheeres verteidigen.

Zu Zeiten, da die Welt vor Islamisten erzittert, in den europäischen Ländern erbitterte kulturelle Abgrenzungsdebatten geführt werden und ein amerikanischer Präsident die Kreuzzugsmetapher schon beim Morgenkaffee im Munde führt, mag es eine kluge Idee sein, einen Historienfilm über die frühe Konfrontation von muslimischer und christlicher Kultur zu drehen. Und doch zeigt sich schon in den ersten Filmminuten, wenn sich die Kreuzritter einer Hand voll Wegelagerer erwehren müssen, wie Ridley Scott die Substanz an den Schauwert verrät. Der kurze, aber vehemente Kampf der Guten gegen die Halunken ist effektvoll fotografiert. Pfeile surren in Kehlköpfe hinein, Gliedmaßen klatschen auf den feuchten Waldboden, und ein Schädel wird in gedehnter Großaufnahme gespalten. Wie ein Fels steht Liam Neesons Ritter Godfrey von Ibelin im Getümmel – und schwingt seinen Zweihänder, als sei’s ein Karnevalsschwertchen.

Ist es klein kariert, einem Regisseur, der seine Schauspieler nicht in der Handhabe ihrer kiloschweren Waffen unterweisen lässt, mangelndes Interesse an der historischen Epoche vorzuwerfen? Doch so laut Ridley Scott sein Regie-Besteck hier klappern lässt, so großspurig der inszenatorische Gestus der einzelnen Szenen auftrumpft, so hohl tönt es immer wieder aus dem Innern seines Films heraus. Königreich der Himmel schickt einen französischen Schmied ins Jerusalem des Jahres 1186 und interessiert sich keinen Deut für die Begegnung von fremdem Blick und orientalischer Lebenswelt. Bedenkt man, wie detailversessen Scott in seinem stilbildenden Science-Fiction Blade Runner den Alltag einer Zukunftsmegalopole visionierte, scheint es geradezu befremdich, wie blass das mittelalterliche Jerusalem in seinem Kreuzritterfilm wirkt. Zwar lässt Scott seine Helden vom friedlichen Miteinander der Kulturen schwadronieren, doch von den konkreten Werten und Weltanschauungen, die in der christlich und muslimisch geprägten Stadt aufeinander trafen, erfährt man nichts.

Gibt es an der christlichen Front wenigstens noch ein kleines Knallchargen-Arsenal von niederträchtigen Fürsten, intriganten Höflingen und korrupten Schranzen, bleibt auf muslimischer Seite nur der hoffnungslos humane Quoten-Araber: Bis zuletzt müht sich Saladin, der edle Sultan mit den Korkenzieherlocken, den Religionskrieg zu vermeiden. Indessen wandelt die mit beeindruckenden Kajalbalken versehene Eva Green (immerhin Schwester des Königs von Jerusalem) so unzeremoniell durch Paläste und Brokatboudoirs, als habe es Heidi Klum mit einer neuen Lifestyle-Sendung in den Orient-Dekor verschlagen.

Bei der finalen Schlacht um die Heilige Stadt lockt Ridley Scott noch mit dem einen oder anderen militärstrategischen Kleinod. Doch die umstürzenden Katapulte, schwingenden Rammböcke und berstenden Stadttore wirken nur mehr wie das blinde Aufbäumen eines Historienfilms, der episches Erzählen fortwährend mit einer Art visuellem Bodybuilding verwechselt.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich mit Ridley Scott ein weiterer Regisseur, der durchaus zu mehr imstande wäre, an der Historie verhoben hat. Angesichts des tollen Kriegsspielzeugs, der großen Logistik und einer durch Computereffekte schier unbegrenzten Narration scheinen selbst Regie-Individualisten wie Scott und Oliver Stone nicht mehr in der Lage, auf den Feldherrenhügel zu steigen – und die Sicht frei zu räumen für ihre ureigene Vision. Für den Blick auf eine Epoche, ihre historische Textur und ihre Figuren. Wenn sich die großen Epen nicht mehr für ihre eigentliche Basis interessieren, dann helfen auch die schönsten Schauwerte nichts. Erinnern wir uns: Schon damals, beim Ritter-und-Prinzessin-Spielen, wenn die Brustpanzer aus Alufolie und die Schleppen aus der alten Ado-Gardine gebastelt waren, bestand das eigentliche Problem in der Erfindung einer halbwegs über den Nachmittag und die dramaturgischen Vorgaben der Wohnzimmereinrichtung tragenden Handlung.

Im derzeitigen Schlachtenkino hingegen werden die Schauplätze, Epochen und Protagonisten zu reinen Platzhaltern. Ob sich König Arthur gemeinsam mit Hektor und Menelaos an den Tisch der Kreuzritter setzt, ist eine Frage der reinen Plot-Fantasie, und die Schlacht um Jerusalem könnte auch der Kampf um Buxtehude sein.