Gleich nach dem 60. Jahrestag der deutschen Kapitulation will die ARD das "Fernsehereignis des Jahres" ausstrahlen: ein Dokumentarspiel über Hitlers Freund, Architekten und Rüstungsminister Albert Speer. Doch der dreiteilige Film mit dem reißerischen Titel Speer und Er, der am 9., 11. und 12. Mai jeweils zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr läuft, stellt Speers Rolle im "Dritten Reich" verzerrt dar. Das liegt einerseits an dem problematischen Genre des Dokumentardramas, einer Mischung aus Spielszenen und authentischem Filmmaterial, vor allem aber an dem publikumswirksamen Fokus, den Drehbuchautor und Regisseur Heinrich Breloer auf das persönliche Verhältnis zwischen der Titelfigur und ihrem "Führer" richtet. Wie die historische Gestalt Adolf Hitler im Titel bereits ins Übermenschliche, Legendäre entrückt wird, so bleibt auch bei der stundenlangen Darstellung seines Gefolgsmannes vieles unscharf, manches ganz unberücksichtigt.

Wir erfahren nichts über den virtuosen Machtmenschen Speer, der sich im NS-Herrschaftssystem wie kaum ein anderer durchzusetzen wusste und der schon als Hitlers Architekt, aber erst recht als Rüstungsminister alle Konkurrenten ausstach. Bei Breloer bleiben seine Rivalen Goebbels, Göring, Himmler und Bormann bloße Randfiguren. Umso mehr Raum wird dem Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg 1946 eingeräumt: Speer in der Zelle, Speer vor Gericht, laufend Rückblenden in die Zeit vor 1945. Mit riesigem Aufwand hat man die historische Szenerie originalgetreu rekonstruiert, den Nürnberger Gerichtssaal ebenso wie das "Führer"-Arbeitszimmer der Neuen Reichskanzlei. Überhaupt: die Dominanz der Architektur! Langsame Kameraschwenks über effektvoll illuminierte Modelle von Berlin-Germania hinweg. Dazu in andächtiger Stimmung Sebastian Koch als Albert Speer und Tobias Moretti als Adolf Hitler ("Speer, Sie sind ein Genie!").

Das Übermaß an opulenten Bildern erinnert peinlich an Speers Ästhetik des Größenwahns. Für die Spielszenen, zu denen keine historischen Filmaufnahmen existieren (etwa die Vieraugengespräche mit Hitler oder die Spandauer Haftjahre), benutzt Breloer fatalerweise die Vorgaben, die Speer als sein eigener Zeitzeuge lieferte. Dessen "Verdunklungsversuche" wirken bis in die Schlüsselszenen des Films hinein: etwa die berüchtigte Posener Rede des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, vom 6. Oktober 1943, als er sich offen zum Judenmord äußerte und dabei Speer persönlich ansprach – Beweis genug, dass Speer unter den Zuhörern gesessen haben muss. In der Filmsequenz jedoch schaut Himmler (Florian Martens) in einen düsteren, spärlich beleuchteten Saal, in dem die einzelnen Naziführer nur schemenhaft wahrzunehmen sind, sodass offen bleibt, ob Speer anwesend war.

Um seine Lebenslüge zu retten, nichts von der Judenvernichtung gewusst zu haben, hatte Speer in den siebziger Jahren behauptet, er sei bei Himmlers Rede nicht mehr in Posen gewesen. Der ehemalige Referent des Posener Gauleiters, Harry Siegmund, der es in der Bundesrepublik zum Ministerialrat brachte, kam ihm mit der Erklärung zu Hilfe, der Saal im Posener Schloss sei damals "romanisch" beleuchtet gewesen und Himmler habe nicht sehen können, dass Speer gefehlt habe. Tatsächlich hatte die Tagung aber gar nicht im neoromanischen Schloss, sondern im Rathaus stattgefunden…

Auch bei Breloer zeigt sich nun der Erfolg der Speerschen Spurenverwischungen. Historische Zusammenhänge werden manchmal zwar angedeutet, aber nicht erklärt. So fehlt der direkte Bezug der Architekturplanungen zu den jeweiligen außenpolitischen Grundsatzentscheidungen Hitlers. Speer wurde 1937 bekanntlich mit dem Umbau Berlins betraut, weil Hitler fest entschlossen war, seine Eroberungspolitik zu forcieren, und je größer die späteren militärischen Erfolge, desto gigantischer wurden die architektonischen Vorhaben – bis 1941 fast alle deutschen Großstädte in das Umbauprogramm einbezogen waren. Die Forcierung der Planungen 1940/41 hing wiederum mit den Vorbereitungen für das "Unternehmen Barbarossa", den Angriff auf die Sowjetunion, zusammen, die Hitler bis Ende des Jahres 1941 erobern wollte – und damit zugleich das Millionenreservoir von Arbeitssklaven für die gigantischen Bauprojekte erschließen.

Es war Speers Idee, die Berliner Juden aus ihren Wohnungen zu vertreiben

Thematisiert wird im Film immerhin Speers "Judenpolitik" in Berlin, über die wir durch die Forschungsarbeit der Berliner Historikerin Susanne Willems Bescheid wissen. Es war Speer, der 1938 auf die Idee kam, Berliner Juden aus ihren Wohnungen zu vertreiben, um "arische" Berliner aus jenen Quartieren "umzusiedeln", die er für die Großbauten in Mitte abreißen ließ. Von Herbst 1941 an erstellte seine Umbaubehörde gemeinsam mit der Gestapo die Listen der Berliner Juden, die in den Osten deportiert und umgebracht wurden. Leider blendet Breloer nur den Bauplan für Auschwitz-Birkenau ein, den die SS im Rüstungsministerium eingereicht hatte, nachdem Speer im September 1942 das Baumaterial in Höhe von 13,7 Millionen Reichsmark genehmigt hatte. Wünschenswert wäre gewesen, die ungeheuerlichen Zusammenhänge, die Speer als Helfershelfer und Drahtzieher des Holocaust überführen, detaillierter darzustellen.

Auffallend ist, dass Speer überwiegend als Baumeister des Größenwahns auftritt, als Rüstungsminister dagegen kaum – dabei stieg er doch zwischen 1942 und 1945 zum einem der mächtigsten Naziführer auf. Wir erfahren nicht, dass die Rüstungsproduktion im Sommer 1944 ihren Höhepunkt erreichte, nichts über Speer als den (neben Goebbels) wichtigsten Motor des "Totalen Krieges", nichts über seine enge Zusammenarbeit mit der Großindustrie, nichts über seine Führungsrolle bei der Ausplünderung der besetzten Gebiete. Größerer Raum wird im Film allerdings der Untertageverlagerung der VWaffenproduktion im thüringischen KZ Mittelbau-Dora gegeben, wo zwischen Ende 1943 und Frühjahr 1945 etwa 20000 Häftlinge unter mörderischen Bedingungen starben. Dort, in den Stollen des Bergwerkes, gelangen Breloer die eindrucksvollsten Bilder seiner filmischen Rekonstruktion, die uns das Ausmaß des Leidens in diesem Inferno erahnen lassen. Dass die Zustände im KZ den historischen Speer kalt ließen, wissen wir aus dessen Briefen nach der Besichtigung der Anlage. Breloer lässt die zynischen Speerschen Kommentare ("eine Fabrik … selbst für amerikanische Verhältnisse unübertroffen") von seinem Speer-Mimen sprechen. Doch auch hier fehlt der größere Zusammenhang: Mittelbau-Dora war (schrecklich genug) nur ein Projekt, tatsächlich gab es unzählige. Speer war es nämlich gelungen, die Terrormaschinerie der SS seinem Machtbereich anzugliedern, indem er im Herbst 1942 einen entscheidenden Sieg über Himmler errang: Obwohl der Reichsführer SS Rüstungsbetriebe in die KZs hineinverlagern wollte, entschied Hitler auf Speers Vorschlag hin, die Häftlinge vor Ort in der Industrie einzusetzen. Deshalb breiteten sich in den folgenden Jahren die Außenlager der KZs wie ein Spinnennetz über den deutschen Machtbereich aus. Ende 1944 waren von insgesamt 600000 KZ-Häftlingen 480000 im Speerschen Rüstungsimperium eingesetzt, 140000 bei unterirdischen Verlagerungsprojekten, 130000 bei Bauprojekten der Organisation Todt (Chef: Albert Speer) und 230000 bei der Industrie.