Wir Deutschen leiden darunter, dass wir im Ausland nicht geliebt werden. Wenn uns die Nachbarn den Spiegel vorhalten oder wenn sich gar herausstellt, dass es sich um einen Zerrspiegel handelt, reagieren wir enttäuscht und verärgert. Wie ungerecht die Welt doch ist. Da haben wir doch fast 60 Jahre lang stabile Demokratie vorgelebt, uns als unkriegerische Nation empfohlen und die Schandtaten der Vergangenheit ausführlich bereut.

Großbritanniens Presse scheint es besonders auf uns abgesehen zu haben. Gerade erst musste sie sich angesichts der Wahl eines deutschen Papstes von unserer Bildzeitung scharf rügen lassen. Nun lässt sich schwerlich bestreiten, dass die Briten ihren lange Zeit einsamen, letztlich erfolgreichen Widerstand gegen Hitlerdeutschland gerne und ausgiebig feiern und dass bei diesen Partys der deutsche Buhmann zwangsläufig Dauergast ist. Thomas Matussek, Deutschlands Botschafter in London, hat Recht, wenn er die Briten in unmissverständlichen Worten darauf aufmerksam macht, dass eine allzu obsessive Beschäftigung mit der Nazivergangenheit dazu führt, den Blick aufs moderne, demokratische Deutschland zu verstellen, mit unerfreulichen Konsequenzen für die Beziehungen zwischen beiden Völkern. Viele junge Briten wachsen mit einem Deutschlandbild auf, das nur um Nazis und den Weltkrieg kreist.

Dazu gibt es in linksliberalen wie konservativen Kreisen Großbritanniens genug Zeitgenossen, die keine besonders erbaulichen Gefühle hegen für unsere Nation. Sie glauben, die Deutschen seien spezifisch anfällig fürs Böse – die Autorin Martha Gellhorn schrieb Mitte der neunziger Jahre, die Deutschen hätten wohl ein Gen locker. Es gibt viele, die unserer friedlichen Metamorphose nicht so recht trauen. Das kann man bedauern oder gar empörend finden. Doch sollten wir nicht übersehen, dass in Deutschland ähnliche Zweifel ganz und gar nicht unbekannt sind. Das Projekt europäischer Integration, das unsere Eliten mit einem manchmal beängstigend naiven Enthusiasmus umarmt haben, entsprang nicht zuletzt der Absicht, die unruhige Nation in der Mitte des Kontinents, einem Gulliver gleich, fest in ein Netz von supranationalen Verträgen einzubinden. Sicher ist sicher.

Bezeichnend war es, dass sich ein Teil des linken Milieus gegen die Wiedervereinigung stemmte und immer wieder Selbstzweifel an der eigenen Nation äußerte. Sie gipfelten in dem Ruf "Nie wieder Deutschland", der in der "autonomen" Szene Berlins erklang, aber in milderer Variante auch anderswo zu vernehmen war. Günther Grass führte gegen die deutsche Einheit beinah identische Argumente an wie sie von Margaret Thatcher zu vernehmen waren. Im Extremfall wirkten deutsche Zweifel an der mentalen Stabilität der eigenen Nation wie eine bizarre Umkehrung des Wahns vom auserwählten Volk. Die Nazi-Ideologie hatte uns zur überlegenen Spezies verklärt; manche Zeitgenossen drohen ins andere Extrem zu verfallen.

Was Skepsis oder Furcht gegenüber Deutschland betrifft: Die Briten, mit ihrer Tradition von Meinungsfreiheit und einer besonders freien, oft zügellosen Presse, sprechen nur aus, was viele unserer Nachbarn denken. Um Deutschland herum leben viele Nationen, die uns misstrauen und nicht sonderlich schätzen. Gleich, ob unser Sündenfall, Nationalsozialismus und Holocaust, spezifischer nationaler Disposition entsprang, die sich aus Geographie und Geschichte ableitet, oder ob die dunkelste Phase unserer Vergangenheit durch die human condition, die menschliche Natur in Kombination mit ökonomischen, sozialen und politischen Faktoren zu erklären ist, die auch andere Völker verführen könnten – wir müssen lernen, mit dem Ballast der Geschichte zu leben.

Weshalb wir als erstes die illusionäre Hoffnung aufgeben sollten, 60 Jahre seien eine lange Zeit. Geschichtlich handelt es sich um eine kurze Episode; die Vorstellungen von Völkern übereinander wurden dagegen über Jahrhunderte geformt. Zudem werden große Nationen von ihren Nachbarn selten geschätzt. Wir Deutschen haben nun einmal viele Nachbarn mit vielen schlechten Erinnerungen. Vor allem sollten wir aufhören, so dringend geliebt werden zu wollen. Zuneigung lässt sich nicht erzwingen und enttäuschte Hoffnungen schaffen am Ende nur Frustration. Was uns noch weniger angenehm macht. Besser ist es, von den Franzosen zu lernen. Die scheren sich wenig darum, ob man sie mag oder nicht. Selbst wenn wir so weit nicht gehen können: Es ist allemal ratsam, gelassener zu werden, zumal die Zahl der Gedenktage, die an unsere Vergangenheit erinnern, gewiss nicht abnehmen wird.