Nur wenn sich die Gesellschaft in ihrer großen Mehrheit – und damit auch die großen Volksparteien – über Wege und Ziele verständigen, kann die überfällige Modernisierung unseres Bildungswesens gelingen. Wie in der Rentenpolitik ist in der Bildungspolitik eine Verlässlichkeit gefordert, welche Regierungswechsel von der Union zur SPD und umgekehrt überdauert.

Ein solcher Konsens jedoch verlangt Klarheit. Er ist nur dann erreichbar, wenn beide großen politischen Lager auch ihre eigenen Verirrungen und Versäumnisse der Vergangenheit aufarbeiten und nicht liebevoll gepflegte Mythen einfach weitertradieren. Weder die Union noch die SPD haben bislang gewagt, Versäumnisse und Fehler der eigenen Bildungspolitik und damit die Gründe für den Modernitätsrückstand des deutschen Bildungssystems aufzuarbeiten. Deshalb hier ein kritischer Rückblick aus sozialdemokratischer Sicht.

Parteiübergreifend hatten in den Siebzigern Bildungspolitiker und Erziehungswissenschaftler den Anschluss an die internationale Modernisierung verschlafen. In der Tradition der deutschen idealistischen Pädagogik beschäftigte man sich viel mit der Definition von Bildungsbegriffen und der normativen Legitimation von Bildungszielen und Bildungsinhalten (was sollen die Kinder in der Schule lernen?), nicht aber mit der Erfassung der Bildungsrealität (was lernen sie tatsächlich?). Empirische Bildungsforschung fand in den Fakultäten für Pädagogik kaum statt. Die Notwendigkeit, regelmäßig Bildungsergebnisse zu erfassen, wurde nicht gesehen. So war deutsche Bildungspolitik in allen Lagern mangels empirischer Fundierung lange Zeit eine "Bildungspolitik im Blindflug", geprägt durch Mythen und Romantizismen. Auf der linken Seite lauteten sie vereinfacht so: Je integrativer das System, desto besser die Ergebnisse, desto fröhlicher die Kinder, desto demokratischer das Gemeinwesen.

Nun sollte man annehmen, dass damit im Pisa-Zeitalter Schluss wäre. Aber weit gefehlt. Keine SPD-Konferenz, kein regionaler Parteitag, auf dem zurzeit nicht wieder die vermeintlichen Heilsgewissheiten verkündet würden. Von Franz Müntefering über Edelgard Bulmahn und Heide Simonis bis zum Unterbezirksdelegierten aus Köln oder Frankfurt. Da feiern manche Mythen eine fröhliche Auferstehung, was prompt Kulturkämpfe nach dem Muster früherer Jahrzehnte nach sich zieht und nichts anderes als Blockaden bewirkt.

Auch die Konservativen müssen Ideen von gestern überwinden

Nun hat es auch und gerade im konservativen Lager genügend Verirrungen und Versäumnisse gegeben. Bei der FDP kann man nach dem Abtreten der Generation um Hildegard Hamm-Brücher nicht mehr ernsthaft von einer bildungspolitischen Konzeption reden. Die unreflektierte Übertragung marktradikaler Prinzipien auf den Bildungsbereich ist eher ein intellektuelles wie gesellschaftspolitisches Armutszeugnis. CDU und CSU schleppen eine Vielzahl von vormodernen Ideologismen mit sich, sodass sie allen Anlass haben, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Exemplarisch sei hier verwiesen auf die voraufklärerische Einteilung der Kinder und Jugendlichen in praktisch und theoretisch Begabte und eine an diese Einteilung anschließende Unterscheidung von volkstümlicher (Hauptschule) und höherer Bildung (Gymnasium), die bis heute nicht überwunden ist. Zu nennen sind weiter der jahrzehntelange Kampf gegen die Ganztagsschule unter der Parole der Verteidigung der christlichen Familie und die Verteufelung von Schulautonomie als Schritt zur Beliebigkeit oder von Gruppenarbeit als Ausdruck einer sozialistischen Kollektiverziehung. Wenn eine gemeinsame Entwicklung des Bildungssystems erfolgreich sein soll, haben konservative Vertreter noch viel zu tun.

Bei der SPD liegen die Dinge komplizierter als bei den konservativen Parteien. Ihre traditionellen normativen Orientierungen, etwa von umfassender Bildung für alle Kinder, unabhängig von der sozialen Herkunft, von der Schule als einem kindgerechten Lebensraum, in dem Mitmenschlichkeit und Demokratie gelernt werden, sind zeitlos modern. Auf dieser Basis hat die SPD zweifellos Erfolge zu verzeichnen: Die Bildungsexpansion seit den sechziger Jahren und damit den Zugang zu Abitur und Studium nicht nur für Privilegierte, die Chancengleichheit der Geschlechter, die Öffnung im traditionellen Fächerkanon, die Aufwertung beruflich orientierter Bildungsgänge, eine stärker auf Partnerschaft ausgerichtete Schulkultur darf sich die Sozialdemokratie zuschreiben.

Während aber grundlegende Orientierungen der Sozialdemokratie für das Bildungswesen Gemeingut wurden, ließ sie – im Glauben, noch immer an der Spitze des Fortschritts zu stehen – eine problematische politische Praxis in vielen von ihr regierten Ländern zu und verirrte sich auch in zentralen programmatischen Leitsätzen. So steht eine gründliche Aufarbeitung von Problemzonen wie den folgenden in der SPD bis heute aus: