Niemand kann bestreiten, dass der cineastische Mythos von Cannes in den vergangenen Jahren von einer schleichenden Musealisierung heimgesucht wurde. Dass die alljährlich zum großen Veteranentreffen aufmarschierenden Autoren eine inzwischen reichlich absehbare Gediegenheit verbreiten. Auch diesmal hat man sich mit Jim Jarmusch, Lars von Trier, Atom Egoyan, Wim Wenders, Michael Haneke und David Cronenberg eine Art Bayern München der Kinowelt an die Côte d’Azur geladen. Kein Zweifel, Cannes ist starr, autoritär, exklusiv, arrogant – und dennoch das wichtigste Kinofestival der Welt.

"Cannes ist Cannes", sagt Christoph Hochhäusler. Dabei wird der Regisseur nicht einmal über den roten Teppich paradieren. Geschweige denn im Blitzlichtgewitter an der legendären Galatreppe die große Smoking-Pirouette drehen. Hochhäuslers Film Falscher Bekenner, der deutsche Beitrag zum Festival, läuft nicht im Wettbewerb, sondern in der Nebensektion "Un Certain Regard". Und es ist wichtig, einmal in Cannes dabei zu sein. Einmal Teil einer Festival-Atmosphäre zu werden, die sich auf immer noch einmalige Weise für cineastische Statements, für wahnwitzige Bildsprachen, für die ureigenen Ausdrucksmittel des Kinos begeistern kann.

Die Franzosen schwärmen von der "deutschen Nouvelle Vague"

"In Deutschland", sagt Hochhäusler, "erwartet man von einem Film vor allem Inhalte. Auch der ganze Diskurs ums Kino dreht sich um Inhalte. In Frankreich hingegen hat das Bildliche einen anderen Stellenwert, gibt es eine völlig andere Tradition des Sehens." Eine, die auf der einfachen Erkenntnis beruht, dass Kino da beginnt, wo sich etwas nicht mehr nur durch Sprache mitteilen lässt. Dabei geht es nicht um abgedrehtes Cineastentum oder ätherische Autorenwurschtelei, sondern um Filme, die sich gerade durch ihre konsequente Form in eine Wirklichkeit und ihre Wahrnehmung begeben.

Christoph Hochhäuslers Film steht in genau dieser Tradition. Falscher Bekenner ist die präzise Zustandsbeschreibung eines Jugendlichen, der bei seinen Eltern lebt und eine Lehrstelle sucht. Er hat sich eingerichtet in einer Zwischenexistenz. Zwischen Suche und Lethargie, Anpassung und Verweigerung, Selbstversunkenheit und hilflos absolvierten Bewerbungsgesprächen. Wie ein Vorhang senkt sich die Stimmung des jungen Helden über die Bilder. "Dieses Schwimmen, dieser Schleier", sagt Hochhäusler, "ist für mich kennzeichnend für eine ganze deutsche Generation. Eine Generation, die in einem schwammigen, undefinierten, diffusen Zustand lebt." Einmal, während eines familiären Sonntagsessens wirkt der Sohn unendlich verloren inmitten der zwanghaft munteren Satzfetzen der anderen. Zugleich gibt es eine diffuse Sehnsucht nach Aktion, nach Ausbruch und Leben. Vielleicht aus Langeweile, vielleicht, um endlich wahrgenommen zu werden, beginnt Hochhäuslers Held, anonyme Schreiben zu verfassen, in denen er sich als Attentäter bekennt: Er gibt vor, am Unfall eines Bankmanagers Schuld zu sein oder einen Brand gelegt zu haben.

Falscher Bekenner erzählt von der seltsam belegten Stimmung in einer ereignislosen Vorstadt-Provinz. Die Reihenhaussiedlung in Mönchengladbach, die Autobahnauffahrten, die Wohnzimmer voller liebevoll ausgesuchter Möbelhausware ergeben eine Art filmische Quintessenz der Bundesrepublik.

Es wird wenig gesprochen in diesem Film. Beredt ist vielmehr die Position eines Körpers im Bild, ein Gang, eine von fern betrachtete Geste. Und manchmal hallt eine Einstellung noch lange in der nächsten nach.