DIE ZEIT: Sie sitzen als rational denkender Wissenschaftler in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Ist das kein Widerspruch?

Wolf Singer: Die Akademie ist ja kein religiöses Gremium, da sind Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten vertreten – Agnostiker, gläubige Christen, Skeptiker. Die 80 Akademie-Mitglieder werden zwar vom Papst auf Lebenszeit ernannt, aber von den Fachwissenschaftlern vorgeschlagen, also nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewählt. Im Vatikan führt die Akademie ein relativ autonomes Dasein. Aus der Akademie kenne ich auch den früheren Kardinal Ratzinger, der vor wenigen Jahren Mitglied der Akademie wurde und aus derselben Gegend kommt wie ich.

ZEIT: Welche Aufgaben hat die Akademie?

Singer: Sie soll den Papst und den Vatikan in wissenschaftlichen Fragen beraten; darüber hinaus soll sie wissenschaftliche Arbeit leisten und Forschung fördern. Es gibt einmal im Jahr ein Treffen aller Mitglieder, daneben finden thematisch zentrierte Workshops statt – etwa zur Fortpflanzungsmedizin, zu ethischen Fragen am Beginn und Ende des Lebens, zur Kosmologie oder zur Bildung. In die Amtszeit des letzten Papstes fielen zwei wichtige Entscheidungen: 1992 hat Johannes Paul II. Galileo Galilei rehabilitiert; 1996 akzeptierte er offiziell die Evolutionstheorie…

ZEIT: …die die Kirche lange abgelehnt hatte.

Singer: Johannes Paul II. erklärte damals anlässlich einer Akademie-Tagung, Darwins Lehre sei durchaus mit dem christlichen Glauben vereinbar. Auch wenn der menschliche Körper seine Existenz der biologischen Evolution verdankt, beseelt wurde er unmittelbar von Gott.

ZEIT: Dieser Dualismus muss doch für Sie als Hirnforscher höchst befremdlich sein.

Singer: Er ist als Theorie schwer zu widerlegen. Die Kurie sagt bei Konflikten zwischen dem wissenschaftlichen und dem religiösen Weltbild: Wir haben zwei Wissensquellen – zum einen die menschliche Vernunft, zum anderen die Offenbarung. Und da die Wissenschaft stets nur begrenzte Einsicht liefert, hat die Offenbarung das Primat.

ZEIT: Dass die menschliche Vernunft begrenzt ist, belegt ja auch die Hirnforschung.

Singer: Sicher, alles Wissbare hat Grenzen. Die Wissenschaft erklärt die Welt nie vollständig. Das fängt schon beim Urknall an – was war davor?