»Ich denke viel Unsinn« – Seite 1

DIE ZEIT: Mister Hornby, Sie beschäftigen sich in vielen Ihrer Bücher mit dem Prozess des Erwachsenwerdens, besonders von Männern, die nicht älter werden wollen. Da ist der Fußballfan in Fever Pitch, der Musikliebhaber in High Fidelity oder der Frauenjäger in About a Boy

Nick Hornby: Wobei mich weniger die Frage interessiert, wie man erwachsen wird. In unserer Gesellschaft sind alle Indikatoren dafür verschoben worden. Ich glaube nicht, dass sich die Generation meines Vaters damit beschäftigen musste. Die meisten verließen die Schule mit 16 Jahren. Mein Vater kam aus einer armen Familie, sein erster Job war Bürobote. Dann, im Laufe meiner Kindheit und Jugend, machte er Karriere und wechselte die Schicht, von der working class zur middle class. Früher sind die Schritte automatisch früh passiert, Job, Ehe, Kinder. Heute gilt das nicht mehr. Selbst Arbeiterkinder werden ermutigt, länger in die Schule zu gehen, das College zu besuchen. Frauen wollen ihre Kinder heute später. Sehen Sie doch nur uns drei an, wie wir hier sitzen. Nichts an uns lässt auf ein erwachsenes Leben schließen: Sie tragen Jeans…

ZEIT: …und Sie Turnschuhe…

Hornby: …und niemand wird mich auf der Straße deswegen merkwürdig ansehen.

ZEIT: Fühlen Sie sich dabei wohl?

Hornby: Ja, schon, aber was ich sagen will: Weil die Äußerlichkeiten nichts mehr aussagen, müssen wir in unserem Inneren erwachsen werden. Welche Musik sollen wir hören, wenn Bob Dylan 60 ist und wir ihn unser ganzes Leben lang gehört haben?

ZEIT: Fühlen Sie sich heute erwachsen?

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Hornby: Ich erinnere mich an einen merkwürdigen Tag, als ich anfing, mit dem Schreiben Erfolg zu haben. Mein erster Termin war morgens mit einem Fernsehteam. Für diesen Beitrag sollte ich aus der U-Bahn steigen…

ZEIT: Wenn Schriftsteller vom Fernsehen porträtiert werden, müssen sie das immer tun. Die U-Bahn-Treppen runter, rein in den Zug, melancholisch aus dem Fenster gucken…

Hornby: Exakt! Diese Klischees! Um aus dem Zug steigen zu können, musste ich erst in einen anderen Zug einsteigen, eine Station weiterfahren, wieder zurück. Das Ganze machte ich viermal, und die Fernsehleute sagten immer nur: »Einmal noch!« Nach zwei Stunden meldeten sie sich kleinlaut: »Wir haben festgestellt, dass sie in zwei verschiedene Zugtypen ein- und aussteigen. Sie steigen in einen neuen Zug ein und aus einem alten aus!« Es stellte sich heraus, dass nur jeder vierte Zug der gleiche Bautyp war. Das war der Vormittag.

ZEIT: Der Nachmittag war spannender?

Hornby: Ich hatte die Aufgabe, 1000 Exemplare meines Buchs zu signieren. Plötzlich musste ich lachen: Das ist jetzt erwachsen? Ich hatte den Tag mit Dingen verbracht, die ich nicht tun wollte. Ich hatte mein Leben lang davon geträumt, Schriftsteller zu werden. Jetzt war ich es, und meine Arbeit war stumpfsinniger als alles, was ich jemals getan hatte.

ZEIT: Ihre Jugend war vorbei.

Hornby: Ich musste das akzeptieren. Aber natürlich hat das Erwachsenwerden viel mit Kinderkriegen zu tun. Die Geschichte mit der U-Bahn ist mir deshalb so wichtig, weil ich an diesem Tag akzeptieren musste, dass dies von nun an zu meinem Leben gehören würde. Du willst Schriftsteller werden? Dann akzeptiere, fürs Fernsehen U-Bahn zu fahren. Früher konnte ich die Verantwortung immer von mir wegschieben, schließlich tat ich nicht, was ich tun wollte.

»Ich denke viel Unsinn« – Seite 3

ZEIT: Hören Sie Musik heute anders als mit 20?

Hornby: Ich glaube, der große Unterschied ist Wissen. Und meistens ist Wissen schlecht, wenn es um Popmusik geht. Sie erkennen jedes Sample in einem neuen Popsong, und Sie kennen natürlich die bessere Version eines Songs.

ZEIT: Hat sich Ihr Fußball-Geschmack verändert?

Hornby: Das ist eine andere Geschichte. Im Profi-Fußball hat sich seit 1995, als ich Fever Pitch schrieb, mehr verändert als in den 100 Jahren zuvor. Die Fans meines Clubs Arsenal London können sich am wenigstens beschweren. Kein Arsenal-Fan hat je so guten Fußball seiner Mannschaft gesehen wie wir in den letzten fünf Jahren, mit Spielern wie Thierry Henry! Gleichzeitig ist die Atmosphäre im Stadion viel weniger intensiv als früher.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Hornby: Zum Teil natürlich, weil es heute viel zivilisierter zugeht. Ich wusste früher gar nicht, wie unzivilisiert die Stimmung in den Stadien war. Die Fans verschmolzen zu einem Organismus, der nur schwer zu kontrollieren war. Das ist vorbei, seitdem es nur noch Sitzplätze gibt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist schon gut so, weil es nicht mehr so gefährlich ist. Der entscheidende Unterschied ist, dass es früher merkwürdig war, wenn ich einen Fußballspieler, den ich aus dem Stadion kannte, plötzlich im Fernsehen sah. Heute kommt es mir merkwürdig vor, wenn ich den realen Thierry Henry vor meinen Augen spiele sehe, weil Stars wie er durchinszenierte Medienfiguren sind, die einem nicht wie echte Menschen vorkommen.

ZEIT: Sie jammern ja! Sie trauern wie viele Erwachsene den guten alten Zeiten hinterher.

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Hornby: Vielleicht, hm, vielleicht. Aber von guten alten Zeiten kann bei Arsenal nicht die Rede sein. Die alten Zeiten waren furchtbar schlecht.

ZEIT: Damit Arsenal London nicht ganz unschlagbar ist, haben wir euch unseren Torwart Jens Lehmann geschickt.

Hornby: Sehr lustig, meine Herren! Viele Arsenal-Fans verwirrt er. Niemand hält ihn für einen großartigen Sportler, weil er sein Team jederzeit ein Tor kosten kann. Das Problem ist doch, dass mein Land sich nicht für Torhüter interessiert. Auf dem College war ich Mannschaftskapitän des ziemlich schlechten Reserveteams, und niemand wollte sich ins Tor stellen. Es kam also zum ersten Spiel, in dem ich Kapitän war. Wir liefen auf den Platz, elf Mann, aber wir hatten noch immer keinen Torhüter. Also ging ich von Spieler zu Spieler und fragte, aber jedesmal bekam ich zur Antwort: »Fuck off, Nick!« Der Erste, der zögerlich war und nicht sofort nein sagte, musste ins Tor. Und da stand er am Ende der Saison immer noch. Jens Lehmann erinnert mich sehr an diesen Spieler.

ZEIT: Mister Hornby, Sie haben einmal gesagt: »Ich wollte nie einer dieser Männer werden, von dem sich eine Frau scheiden lassen will.« Doch genau so ist es gekommen.

Hornby: Stimmt, ich habe mich nie in der Kategorie »geschieden« gesehen. Ich konnte nicht ahnen, welche Zwänge und welcher Druck in einer Ehe entstehen können. Ich will mich nicht mit meiner speziellen Situation herausreden, aber wir haben einen schwerbehinderten Sohn, Danny, und es ist von heute aus betrachtet ein Segen, dass wir in verschiedenen Häusern wohnen. Meine Exfrau und ich wohnen nicht weit voneinander entfernt, so kann Danny mehrmals am Tag das Haus wechseln, was für alle etwas Entspannung bringt. Mittlerweile hat Danny zwei Geschwister, und ich glaube, es ist gut für ihn, Geschwister zu haben – und sie oft, aber nicht immer zu sehen. Wir alle sind heute glücklicher als zu Zeiten unserer Ehe, aber trotzdem wünschte ich mir, kein geschiedener Mann zu sein. Ich glaube, richtig unangenehm wird es, wenn Sie mehrere Ehen hinter sich haben, wenn Sie Ihre Fehler wiederholen. Da stehe ich noch ganz gut da, oder?

ZEIT: Ihre Bücher drehen sich oft um die Frage: Wie gelingt es uns, unser eigenes Leben zu verstehen?

Hornby: Es geht mir darum, dass meine Figuren am Ende des Buchs begreifen, wie sie in die Situation gekommen sind, in der sie sich am Anfang des Buchs befunden haben. Ich nehme sie mit auf eine Reise, in der sie sich verändern und hoffentlich etwas dazulernen.

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ZEIT: Wenn alle Ihre Figuren aus Ihren Romanen sich bei einer Party treffen würden, was würde passieren?

Hornby: Na ja, keine von ihnen hat ja einen schlechten Charakter. Das entspricht meiner Lebenserfahrung, und jeder, der ehrlich zu sich selbst ist, wird mir da zustimmen. Wir alle lieben Bösewichter, aber durch und durch schlechte Menschen sind doch wirklich sehr selten.

ZEIT: Wären Sie bei der Party gerne dabei?

Hornby: Eine gemeine Frage. Ich soll mich mit meinen Figuren unterhalten? Allesamt kommen sie ja aus mir heraus. Sie sind nicht eins zu eins autobiografisch, aber ich habe sie aufgrund eigener Erfahrungen erfunden. In meinem neuen Roman A Long Way Down gibt es beispielsweise einen prominenten Fernsehmoderator, und was mich an ihm interessiert hat, ist eine eigene Erfahrung: Wie geht man damit um, dass man auf der Straße erkannt wird? Mein Gesicht ist ja eher semiprominent…

ZEIT: …Sie kokettieren.

Hornby: …Nein, ich meine das ernst. Nehmen Sie J. K. Rowling, die Autorin von Harry Potter, die derzeit berühmteste Schriftstellerin der Welt. Ich glaube nicht, dass ihr Gesicht auch nur annähernd so bekannt ist wie ihre Bücher. Aber wenn Sie eine kleine Rolle in irgendeiner Seifenoper haben, rufen die Leute auf der Straße Ihren Namen. Diese Art von Gesichtsprominenz ist ein Phänomen unserer Zeit.

ZEIT: Sie haben mit Anfang zwanzig drei Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Wie war Nick Hornby im Unterricht?

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Hornby: Ich fühlte mich unglaublich jung, ich war 23, 24, zu jung, ehrlich gesagt…

ZEIT: Sie haben sich in Schülerinnen verliebt?

Hornby: Ständig! Ich meine, die waren 17 und ich 23, was erwarten Sie? Ich habe an einer sehr netten Schule gearbeitet, die Atmosphäre zwischen Lehrern und Schülern war entspannt, zu entspannt. Es endete damit, dass ich mich plötzlich in meinem Haus wiederfand, umgeben von meinen Schülern. Es waren chaotische Zeiten. Ich wurde außerdem panisch, weil ich immer schon diese Vorstellung im Kopf hatte, Schriftsteller zu werden, aber nichts in diese Richtung unternahm. Das ist wie mit dem Beschluss, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie denken jeden Tag daran aufzuhören, dabei ist es ganz simpel: Sie müssen eben aufhören zu rauchen.

ZEIT: Sie rauchen noch, oder?

Hornby: Ja, 4, 5…nein, Quatsch, 25 am Tag. Ich wollte eigentlich sagen: »eine Packung«, aber das wäre leider nicht ehrlich.

ZEIT: Wie haben Sie es dann doch geschafft, Schriftsteller zu werden?

Hornby: Die Zeit von meinem Studium bis zur Veröffentlichung meines ersten Buchs ist für mich ein zusammenhängendes Kapitel meines Lebens. Wenn Sie meine Eltern fragen würden, wäre ihre Antwort wahrscheinlich, dass ich auf sie nach meinem Studienabschluss völlig orientierungslos gewirkt habe. Es fing aber früher an.

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ZEIT: Sie waren ein unglücklicher Student?

Hornby: Oh nein, ich war ein sehr glücklicher Mensch in dieser Zeit – aber nicht als Student. Ich war auf einer staatlichen Schule, die keinen besonders guten Ruf hatte. Als ich die Chance bekam, mich durch Extraprüfungen für ein Studium in Cambridge zu qualifizieren, habe ich versucht, über diese Hürde zu springen.

ZEIT: Was Ihnen gelungen ist.

Hornby: Ich verbrachte dann die meiste Zeit damit, entweder Fußball zu spielen oder mir Spiele im Stadion anzusehen oder damit, Musik zu hören. Ich habe viel gelesen, aber nichts geschrieben. Ich habe mich an dieser Elite-Uni nie wohlgefühlt, überall liefen diese Hugh-Grant-Typen herum, unglaublich selbstbewusst, unglaublich siegessicher.

ZEIT: Es muss für Sie eine besondere Genugtuung gewesen sein, dass Hugh Grant in der Verfilmung ihres Romans About a Boy die Hauptrolle spielte…

Hornby: Es war großartig! Wobei das Absurde bei Hugh Grant darin besteht, dass er immer diese schüchternen, unsicheren Typen spielt, obwohl jeder weiß, dass ein Mann mit diesem Aussehen alles sein kann – nur nicht schüchtern.

ZEIT: Hatten Sie jemals Ärger mit Freunden, die sich in ihren Romanen wiedererkannt haben?

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Hornby: Oft! Aber sie waren nie gemeint! Am schlimmsten war es bei High Fidelity. Sie glauben gar nicht, wie viele Leser ihre Plattenläden wiedererkannt haben. Dabei hatte ich ihn komplett erfunden. Das Deprimierende daran ist, dass wir alle weniger individuell sind, als wir glauben. Viele lasen High Fidelity und schrieben mir: Woher wissen Sie das über mich? Die Wahrheit ist, dass es von diesen Musikfans in England ungefähr 500000 gibt und genauso viele in Deutschland.

ZEIT: Die Uni-Zeit war Verschwendung?

Hornby: Sie hatte einen Nachteil, ich habe mir dort dieses akademische Schreiben angewöhnt, und als ich Literatur schreiben wollte, lasen sich alle meine Versuche wie schlechte Doktorarbeiten. Ich habe damals noch nicht gewusst, was man meint, wenn man sagt, dass ein Autor erst seine eigene Stimme finden muss. Ich dachte, Schreiben sei halt Schreiben, Punkt, aus.

ZEIT: Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Ich habe meine Stimme gefunden?

Hornby: Als ich zum ersten Mal Ann Tyler las.

ZEIT: Sie haben Ihre Stimme bei einer anderen Autorin entdeckt?

Hornby: Ja, ich war wie elektrisiert. Sie schrieb über normale Menschen, wechselte öfter den Tonfall, vor allem aber interessierte sie sich nicht für Sprache.

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ZEIT: Wie bitte? Und das fanden Sie gut?

Hornby: Ich interessiere mich nicht für Sprache an sich. Für mich dient Sprache dazu, ein Fenster in die Welt zu öffnen, Glas, durch das Sie die Welt betrachten können. Bei Schriftstellern wie Salman Rushdie geht es nur um das Glas selbst, nicht um die Welt. Diese Leute können gar nicht aufhören, irgendwelche Dinge zu beschreiben. Ich beschreibe nie. Ich kann das nicht.

ZEIT: Sind Sie manchmal neidisch auf Sätze von anderen Autoren?

Hornby: Nein, aber ich denke dann immer, dass ich den oder die gerne kennen lernen würde. Neidisch sind Schriftsteller, wenn Kollegen tolle Kritiken bekommen oder viele Bücher verkaufen.

ZEIT: Wann waren Sie das letzte Mal neidisch?

Hornby: Warten Sie mal…Ich will Ihnen anders darauf antworten. Ich bin sehr zufrieden darüber, wie ich in Amerika gesehen werde. Ich kann mich gar nicht beschweren, ich verdiene gutes Geld dort, aber man wird in England leichter als Literat ernst genommen, wenn man nicht ganz so viele Bücher verkauft.

ZEIT:Thomas Mann hat einmal gesagt, es gebe verschiedene Arten von Schriftstellern: Musiker, Architekten und Maler.

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Hornby: Ich muss einer aus der Musiker-Gruppe sein. Es kommt mir manchmal geradezu absurd vor, darüber zu reden, worum es in meinen Büchern geht, weil es am Ende doch die Gefühle sind, die unter den Wörtern liegen. In meinem neuen Roman spielt der Selbstmord eine große Rolle, aber wenn man mich nach meiner Meinung zu diesem Thema fragt, ist das ungefähr so, als wenn Sie Elvis Presley gefragt hätten, wie es für ihn in diesem Heartbreak Hotel gewesen ist.

ZEIT: Max Frisch hat einmal die Tragik beschrieben, dass er mit den Mitteln des Schreibens niemals ganz das ausdrücken kann, was er möchte.

Hornby: Das ist der Grund, warum man ein nächstes Buch schreiben möchte! Es geht weniger um Themen oder um Ideen, aber man merkt plötzlich, dass man in dieser oder jener Stelle unpräzise war – und das will man beim nächsten Mal unbedingt besser machen.

ZEIT: Was steht bei Ihnen am Anfang eines neuen Romans? Eine Melodie? Eine Idee?

Hornby: Das passiert auf zwei Ebenen. Ich hatte einen Zeitungsartikel über Beachy Head, einen Küstenabschnitt in England, gelesen, der als beliebter Ort für Selbstmörder gilt. Ich dachte mir, wie ist das eigentlich dort? Grüßen die sich untereinander? Sehen die sich in die Augen? Ich habe für mein Buch nur den Ort verändert, meine Selbstmordkandidaten treffen sich nicht an der Küste, sondern auf einem Dach eines Londoner Hochhauses. Ich wollte nicht, dass sie abhauen können. Wissen Sie, jeder gute Schriftsteller hat solche Ideen alle paar Wochen. Die meisten davon sind Unsinn.

ZEIT: Erzählen Sie!

Hornby: Also gut. Ich werde eine Idee nicht los, aber ich fürchte, sie reicht höchstens für eine Kurzgeschichte. Dank meiner Kinder sehe ich sehr viel Kinderfernsehen, und mir ist aufgefallen, dass in Zeichentrickserien oft Frauen die Rollen eines kleinen Jungen sprechen. Ich frage mich seitdem, wie sich dieser Job auf die Sexualität einer Frau auswirkt. Hier ist die Idee dazu: Ich erzähle eine Geschichte aus der Sicht eines Mannes, der eine sexuelle Beziehung mit einer Frau hat, die in einem Zeichentrickfilm eine Maus spricht… Hey, Sie lachen, vielleicht sollte ich sie doch aufschreiben?

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ZEIT: Haben Sie vor dem Schreiben ein Konzept?

Hornby: Nein, nie. Aber ich habe die Stimmung im Kopf, die den Schluss des Buchs ausmachen soll, das ist wichtig. Ich habe übrigens etwas dazugelernt: Ich habe mir früher zu lange den Kopf zerbrochen über die ersten Seiten eines Buchs, die kann man später immer noch ändern! Nachdem mein erster Roman Fever Pitch erschienen war, wollte ich sofort ein neues Buch schreiben, aber plötzlich wurde Fever Pitch ein Erfolg, ich bekam Einladungen, ging auf Lesereise, mit anderen Worten: Ich hatte keine Zeit mehr, ohne ständige Unterbrechungen zu schreiben. Ich war sehr frustriert. Seitdem habe ich eine Regel: Wenn ich ein Buch schreibe, brauche ich ein Jahr lang Zeit, und in dieser Phase ziehe ich mich völlig zurück.

ZEIT: Wenn diese Zeit beginnt, sind Sie da ein glücklicher Mensch?

Hornby: Keineswegs! Ich freue mich monatelang darauf, ich platze geradezu vor Einfällen, und dann merke ich nach zwei Tagen, dass mir nichts mehr einfällt und alle meine großartigen Ideen schon aufgebraucht sind. Und vor mir liegt noch die Strecke von 300 Seiten.

ZEIT: Wie sieht Ihr Alltag aus?

Hornby: Ich lebe um die Ecke von meinem Büro hier in London. Um zehn Uhr fange ich an zu arbeiten, und mein Traum ist es, vier Stunden lang konzentriert zu schreiben, damit ich mir den Nachmittag freinehmen kann. In Wirklichkeit schreibe ich konzentriert ungefähr zwei Minuten lang, mache zwei Minuten lang Pause, schreibe wieder für zwei Minuten… Es ist schrecklich. Ich habe mich aber gezwungen, keinen Fernseher im Büro zu haben, der mich ablenken könnte. Das Problem ist nur: Heutzutage ist das Internet die viel intensivere Zeitverschwendung, es ist so wunderbar unanstrengend, sich dort herumzutreiben.

ZEIT: Dabei haben Sie doch noch vor einiger Zeit erklärt, wie schrecklich kompliziert es sei, sich im Internet CDs zu bestellen.

»Ich denke viel Unsinn« – Seite 12

Hornby: Na ja, da muss ich mich korrigieren. Als ich es einmal versucht hatte, stellte es sich als ziemlich unkompliziert heraus. Heute kann ich mein Amazon-Konto mit einem Tastenklick erreichen, ein sehr teurer Klick auf die Dauer.

ZEIT: Können Sie sich leicht von alten Büchern und CDs trennen?

Hornby: Eigentlich nicht, aber ich bekomme so viele Bücher und CDs zugeschickt, dass ich gnadenlos geworden bin. Ich schätze es, zu Hause Platz zu haben, und eine große Plattensammlung kann jedes noch so großes Haus zumüllen. Ich bin deshalb ein Fan der Digitalisierung von Musik. Ich liebe die Vorstellung, meine gesamte Plattensammlung in diese kleine Box namens iPod zu packen!

ZEIT: Dabei gelten Sie als Melancholiker.

Hornby: Ach, ich habe auch dem Vinyl nie hinterhergeweint, als die CD aufkam.

ZEIT: Mister Hornby, Sie schreiben in Ihrem neuen Roman, es gehöre viel Mut dazu, sich zum schönsten Abend im Leben zu bekennen.

Hornby: Okay, ich versuche es mal. Der Abend, an dem hier in London das Buch Speaking With The Angel vorgestellt wurde, war sehr nahe dran.

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ZEIT: Sie hatten Schriftstellerkollegen gebeten, je eine Kurzgeschichte für diesen Band zu schreiben. Mit den Einnahmen wurde der Grundstock für eine Schule für behinderte Kinder gelegt.

Hornby: Für Dannys Schule, ja. Tolle Schauspieler lasen die Geschichten vor. Eine meiner Lieblingsbands, Teenage Fanclub, trat auf. Meine Freundin und meine Exfrau verstanden sich prima. Sie merken schon, sich für eine einzigen Abend zu entscheiden klingt dämlich. Natürlich hätte ich auch den Tag nennen können, als Arsenal 1999 die Meisterschaft gewann, die reine Freude. Jeder in meiner Nachbarschaft drehte durch! Es war nur ein Spiel, aber es war großartig!

ZEIT: Mister Hornby, Sie galten in den Neunzigern als einer der Prototypen von »Cool Britannia«, einem Slogan, mit dem Tony Blair an die Macht kam. Sind Sie heute politischer als in Ihrer Jugend?

Hornby: Im Gegenteil, seit Blair ist mein Interesse gesunken. In den Achtzigern, als Maggie Thatcher regierte, gab es einen klar definierten Gegner. In England fanden große politische Umwälzungen statt, die Streiks, die sinkende Macht der Gewerkschaften. Von Blair bin ich enttäuscht, weil ich feststellen musste, dass es bei Regierungen weniger um links oder rechts geht, sondern darum, wiedergewählt zu werden. Gewählt habe ich ihn trotzdem.

ZEIT: Sie sind Jahrgang 1957, Ihr 50.Geburtstag rückt näher. Haben Sie Angst davor?

Hornby: Nein. Nichts kann schlimmer sein, als 30 zu werden.

ZEIT: Nicht einmal der 40. Geburtstag?

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Hornby: Den habe ich gar nicht groß gefeiert. Im Nachhinein rückte damals die Scheidung näher. Ich spürte eine innere Trennung.

ZEIT: In A Long Way Down gibt es eine Stelle, da heißt es, wenn man jung ist, gibt es manchmal einen Morgen, da wacht man auf, und die Welt ist eine andere. Wenn man älter wird, gibt es diese Momente nicht mehr.

Hornby: Ja, die gibt es nur mit 16, 18 oder 20.

ZEIT: Wären Sie lieber jung geblieben?

Hornby: Nein, ich bin glücklicher heute. Aber ich vermisse das Feuer. Heute spüre ich es nur noch gelegentlich, jedes Mal, wenn ich anfange, ein neues Buch zu schreiben, zum Beispiel.

ZEIT: Zum Schluss haben wir eine Frage, die sich mit dem Älterwerden und Ihrem Äußeren beschäftigt.

Hornby: Ich kann mir die Frage in etwa vorstellen. Bestimmt kommen Sie jetzt auf meine Glatze zu sprechen.

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ZEIT: Wann begannen Ihre Haare auszufallen? Ist die Glatze ein Problem?

Hornby: Ich war in meinen späten Zwanzigern, aber es war kein Drama.

ZEIT: Sie haben nie Mittelchen gekauft?

Hornby: Oh doch, ich habe eine Zeit lang den halben Bodyshop um die Ecke leer geräumt. Ich habe mich eine Zeit lang gefragt, warum immer über meine Glatze geschrieben wird. Dann erzählte mir der Mann meiner Schwester, der bekannte Schriftsteller Robert Harris, dass in Porträts über ihn steht, er habe zwar ein wunderschönes Haus, aber daneben sei eine Eisenbahnlinie. Ich glaube, dass wir alle immer auf der Suche sind, bei scheinbar glücklichen, erfolgreichen Menschen das Unglück zu suchen. Bei Robert die Eisenbahn, bei mir die Glatze.

ZEIT: Das Thema scheint Sie doch zu beschäftigen.

Hornby: Ich bitte Sie, natürlich bin ich eitel. Als mir die Haare ausfielen, hatte ich Angst, dass mich nie wieder eine Frau ansehen würde. Also machte ich den Test, und ich hatte Glück. Nach ein paar Wochen hatte ich noch weniger Haare. Ich dachte, okay, aber klappt es immer noch? Also wiederholte ich den Test, und ich hatte wieder Glück. Ach, das waren wirklich gute Zeiten.

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Das Gespräch führten Christoph Amend und Stephan Lebert

* Mitte Mai erscheint bei Kiepenheuer & Witsch Nick Hornbys neuer Roman »A Long Way Down«