Falls er daran denke, ein Kinderbuch zu schreiben, um sich danach der "ernsten" Literatur zuzuwenden, dann könne er sein Manuskript gleich wieder einpacken. Sagte der norddeutsche Verleger Friedrich Oetinger zum süddeutschen Autor Paul Maar. Der hatte es einer Buchhändlerin gegeben, die hatte es weitergeleitet, und so fuhr der 30-Jährige aus dem fränkischen Schweinfurt ins hanseatische Hamburg. Natürlich hatte sich der junge Poet, der Freie Malerei studierte, eher der Boheme verpflichtet gefühlt als der schreibenden Hausfrauenzunft, und so besaß auch sein erstes Kinderbuch Der tätowierte Hund mehr von der Fabulierfreude E.T.A. Hoffmanns als vom Abenteuergefühl Enid Blytons. Dass das Buch 1969 zum Beginn einer Karriere wurde, dass er seit 1973 mit den Geschichten vom Sams zum Millionenseller-Verfasser wurde und mit Theaterstücken für Kinder zum meistgespielten lebenden Autor in Deutschland, das verblüfft den 1937 geborenen Träumer bis heute. Die Jugend war steinig. Erwischte ihn sein Vater mit einem Buch, nahm er es ihm und schickte ihn mit einem Besen auf den Hof: "Kehr mal die Blätter weg." Maars Mutter – die "Himmelmama" – war bei Pauls Geburt gestorben.

Vielleicht berühren deshalb Paul Maars Vater-Sohn-Beziehungen so besonders, wo Mann und Kind sich’s eingerichtet haben und doch davon leben, dass da irgendwie und -wo eine neue Nachbarin einzieht, die als Dritte im Bunde dem Junggesellenhaushalt Liebe einhaucht. Obwohl sie eigentlich ganz gut zu zweit zurechtkommen, Taschenbier und das Sams oder – in Paul Maars neuem Roman – Sternheim und sein Sohn Max, der nur einen Wunsch hat: einen eigenen Hund. Bello heißt die Mischung, die ihm schließlich zuläuft und ihm das Gesicht abschleckt. Doch ganz plötzlich wird sie zu einem Herrn Bello, kurz nachdem sie jenen mysteriösen blauen Saft getrunken hat, den eine seltsame alte Frau in Sternheims Apotheke abgegeben hatte. "Bello ist ein Mönsch", erklärt der verwandelte Hund, steht aufrecht und nackt vor dem staunenden Max und wundert sich, warum der sich wundert. "Hunde sprechen hundlich, Mönschen sprechen mönschlich. Bello ist ein Mönsch."

Man findet sich schnell ab bei Paul Maar mit dem Einbruch des Wunderbaren in die Welt der Wirklichkeit, Zauber bedeutet höchstens, dass man ein Fläschchen verwechselt hat. Da existiert keine Parallelwelt neben der sichtbaren, da steigt keiner durchs Gemälde oder in ein Buch nach Fantasien, die Magie ist nur ein kleiner, zauberhafter Dreh, um die Realität sichtbarer und spannender zu machen. Was tun, wenn Herr Bello anderen Hunden nachläuft, im Sandkasten zur Freude der Kinder wie ein Hund durch die Beine buddelt, wenn er sich in die Nachbarin mit dem leuchtenden Namen Verena Lichtblau verliebt, ihr treuherzig den Kopf auf den Schoß legt und einen stinkenden Hundeknochen als Liebesgabe überreicht? Was tun, wenn der Mensch tierische Züge zeigt? Was mönschlich ist am Menschen, das lässt sich dann wie nebenbei bemerken: enge Kleider und unbequeme Schuhe tragen, sich die Hand schütteln, statt das Gesicht abzulecken, aus dem Glas zu trinken, statt das Spülwasser auszuschlabbern, nicht im Konzert vor Begeisterung mitzusingen – Umgangsformen also. Würde man streng über Definitionen nachdenken, die Schlussfolgerungen wären nicht schmeichelhaft für die Menschheit.

Der lindgrensche Härtetest: Was sich nicht laut lesen lässt, taugt nicht

Die Kinder leben als Realisten bei Paul Maar, die Erwachsenen sind voll unerfüllter Hoffnungen, sind verträumt oder verliebt. Kein Wunder, dass Apotheker Sternheim, Max’ Vater, der Maler werden wollte, besonderen Wert auf die Farben seiner Arzneien legt, dass Bauer Edgar, sein Freund, der Mathematiker werden wollte, eher über das proportionale Verhältnis des Nasenlöcherabstands bei Schweinen zu ihrer Gewichtszunahme nachdenkt, als sich um den Ertrag der Felder zu kümmern. Kein Wunder, dass Max’ Mutter, die das Abenteuer genießt, lieber mit einem Krokodiljäger in Australien verschwunden ist. Also muss Max aufpassen, dass der schwerstvergnügliche Herr Bello und das blaue Wunder zu einem guten Ende findet, und so schreibt sich Paul Maar nicht nur in die – auch anarchistischen – Wünsche der Kinder hinein, er sieht die Erwachsenen mit den sehr klaren Augen der Kinder.

"Was ist nur los / mit dem Gedicht? / Die letzte Zeile / reimt sich kaum", steht als Missratenes Gedicht in Paul Maars gesammelten Geschichten und Gedichten, in Kreuz und Rüben, Kraut und quer, einer Paul-Maar-Anthologie. Sie enthält jene Art von Texten, die den lindgrenschen Härtetest bestehen: Was sich nicht laut lesen lässt und auf der Zunge wie Bonbon flupscht, das taugt nicht für Kinder. Das hat nichts mit kurzen Sätzen und einfacher Wortwahl zu tun, das betrifft die Nähe zum Mündlichen, das Ineinanderfließen von Erzählung und direkter Rede. Und das beherrscht Paul Maar meisterhaft, in gleicher Weise Gedichtedrechsler wie Theaterautor.

"Wartet eine Schlange lange, wird aus ihr ’ne Warteschlange". Wer sich durch Kreuz und Rüben liest und blättert, an den feinen Illustrationen von Verena Ballhaus entlang, quer durch Wortverdrehungen und Lügengeschichten, durch Bilderrätsel und die wunderbaren Comic-Dialoge zwischen Buchstaben, alle miteinander von Paul Maar gezeichnet, der bekommt eine Ahnung von der Vielseitigkeit dieses Mannes, der seinen verbeamteten Kunsterzieherberuf aufgab, um zu schreiben. Doch zwischen Ausschnitten aus dem Sams oder dem Erfolgsstück Kikerikiste stehen jene Kapitel, die den Autor zum berührenden Dichter machen. Da erzählt er in autobiografisch anmutenden Anekdoten von Kartoffelkäferszeiten, von Flucht, von Kindern, die bei ihren Großeltern aufwuchsen und wieder heimgeholt werden – Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern. Da schreibt Paul Maar ganz nahe an den Autoren, die er sich heimlich aus der Bibliothek des Amerikahauses in Schweinfurt geholt hatte, an Hemingway, an Faulkner, all denen, die nur ein paar Dialoge und sparsame Bewegungen brauchen, um eine Stimmung zu beschwören.

In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt vertrat Paul Maar einmal die Theorie, dass Kinderbuchautoren eine extreme Kindheit hatten: "Entweder waren sie so wohlbehütet wie Astrid Lindgren, die von dieser sonnigen Kindheit zehrte. Oder aber sie hatten es schwer und erfinden sich später die Kindheit, die sie nicht gehabt hatten. Ich zähle mich zu den Zweiten." Friedrich Oetinger hatte gut daran getan, den jungen Schriftsteller aufs Kinderbuch zu verpflichten. Ein großer Erzähler wäre er aber auch auf der anderen Seite der Straße geworden.

Paul Maar: Herr Bello und das blaue Wunder
Mit Zeichnungen von Ute Krause; F. Oetinger Verlag, Hamburg 2005; 224 S., 10,90 € (ab 8 Jahren)
Das große Paul Maar Buch: Kreuz und Rüben; Kraut und quer
Mit Zeichnungen vom Autor und Verena Ballhaus; F. Oetinger Verlag, 2004; 272 S., 15,90 € (ab 8 Jahren)