Wie machen Sie das?", fragt Miles Davis in einem Club in Paris den frei improvisierenden jungen Pianisten Keith Jarrett. "Was?" – "Aus dem Nichts zu spielen." – "Ich weiß nicht", sagte der, "ich mach es einfach." Natürlich ist das eine Lüge, natürlich ist das die Wahrheit. Es ist das Grundprinzip des Lebens, der Improvisation: sich erinnern, was gewesen ist, um weiterspielen zu können und es im selben Augenblick zu vergessen, um frei zu sein. Wer so spielt, wer versucht, die Formeln und Schablonen im Kopf und in den Händen zu vermeiden, der bewegt sich nahe am Abgrund, im ständigen Versuch, die Balance zu halten. Der Zusammenbruch Keith Jarretts Mitte der neunziger Jahre war nicht unerklärlich, das Chronisches Erschöpfungssyndrom, das selbst das Heben einer Teetasse zur ermüdenden Tagesarbeit machte, erschien wie die Kehrseite einer Kunst, die ständig unter Hochspannung stand. Als er 1999 schließlich wieder mit seinem Trio auftrat, war es die Neugeburt eines Mannes, der wieder zu spielen gelernt hat. Aber Solokonzerte? "Mit sich selbst zu tanzen?" Nie wieder.

Er kann nicht anders: 2002, nach siebenjähriger Pause, hatte er sich nun wieder allein auf die Bühne gewagt. In Osaka und Tokyo nahm er zwei Abende auf – Radiance: Prüfstein für einen Pianisten, der zu seinem eigenen Genre wurde wie Duke Ellington, Miles Davis oder Ornette Coleman. Was bleibt zu sagen, nach mehr als 20 Solokonzerten auf CD, nach 100 Platten, nach einem Werkverzeichnis, das von Bach bis Schostakowitsch, vom Basin Street Blues bis zur freien Improvisation reicht, von Charles Lloyd bis Jan Garbarek? Was hat der Jarrett-Junkie, der alle Solo- Sun-Bear-Concerts besitzt und gehört hat, von seinem Genie zu erwarten, das sich vor jedem Konzert in den Zustand der Unschuld versetzt? Erleuchtung, Wiederholung oder Apotheose? Radiance kann man als eine späte Zugabe hören, ein grandioses zweistündiges Encore. Inspiriert, vom selbst auferlegten Druck erlöst, widmet sich der Musiker allein dem Kern. Dann, wenn alles gesagt, gehört und geliebt wurde, dann kommen jene Momente, die sich von selbst ergeben, beinahe beiläufig, scheinbar unabsichtlich in ihrer Schönheit.

Das wahre Leben ist eine Zugabe. Also gliedert sich der Abend in Osaka, der hier vollständig vorliegt – um Ausschnitte aus Tokyo ergänzt –, in 13 Teile, die ihr eigenes Leben führen und doch ineinander greifen. Wo früher halbstündige Blöcke standen, verbinden sich jetzt Episoden von einer Minute Länge mit dreizehnminütigen Teilen, von Beifall, Stille oder Husten als Takteinheiten unterbrochen. Ohne tastenplaudernde Übergänge treten die Teile als Konzentrate auf. Da rollt die Linke bolerohaft zu einer Rechten, die den Rhythmus befeuert, da dominieren stenogrammgleiche Tanzfiguren im Cecil-Taylor-Duktus, da hämmern Inventionen im strengen Lennie-Tristano-Stil, da perlt Pointillistisches, als wolle er die Klanggemälde der Impressionisten kopieren, da laufen in purer Lust am Übermut die Boogie-Woogie-Figuren über die Tasten. Und man schmilzt dahin angesichts der Volksliedpoesie, mit der er Erinnerungen an die amerikanischen Populärkultur erweckt. Man möchte ihnen Titel geben, diesen Part 3 oder Part 6 genannten Teilen; Don’t Set Me Free etwa oder Love Of Mine, irgendetwas, um die Lieder an einen Namen zu binden.

"Keith ist ein Sänger", sagt Produzent und ECM-Verleger Manfred Eicher in einem Porträt, das unter dem Titel The Art Of Improvisation als DVD zum 60. Geburtstag Keith Jarretts erscheint. Es ist eine der ungewöhnlichsten Kooperationen der modernen Musikgeschichte, zwischen dem Kopf eines ehemals kleinen deutschen Plattenlabels und einem der größten amerikanische Musiker, ein Vertrag, der bis heute auf einem Handschlag beruht. "Gäbe es Manfred Eicher nicht, gäbe es keine Soloalben", stellt Keith Jarrett fest und bezieht sich auf das erste Album Facing You von 1971, auf das wagemutige Bremen/Lausanne- Doppelalbum, auf die ewige Hassliebe The Köln Concert von 1975, die ihm vier Millionen Mal eine Gemeinde schuf. Es ist der Sänger Keith Jarrett, der die Faszination erzeugt, der die Egomanie des Pianisten vergessen lässt. Der Körper hebt sich, wenn der Finger die Taste drückt, die Töne gehen nicht nur den Weg vom Kopf über den Körper in die Hände, sie kehren über die Finger in den Körper zurück. Als liefe ein Film rückwärts, bewegen sie den Körper bis sie schließlich den Mann zum Singen bringen. Oft hatte Keith Jarrett betont, wie sehr ihn Saxofonisten wie Sonny Rollins, Ornette Coleman oder John Coltrane beeinflusst hätten, ihre Stimmen, das Fließen ihrer Töne, viel mehr als das Orchestrale der Pianisten, die immer Begleiter und Solist zugleich, Melodiker, Harmoniker und Rhythmiker in einer Person sind, oft schwer erträglich in ihrer Allmacht.