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Wenn Deutschland nicht schon eh ruiniert wäre, dieser Mann mit seinem absurden Plan, den Wettbewerb zu stärken und die Bewirtschaftung aufzuheben, würde es gewiss fertig bringen. Gott schütze uns davor, dass dieser Mann einmal deutscher Wirtschaftsminister wird. Das wäre nach Hitler und der Zerstückelung des Landes die dritte Katastrophe", notierte sich im Sommer 1948 eine junge Journalistin aus Hamburg nach einer Pressekonferenz Ludwig Erhards. Die kluge junge Frau, die immerhin vor dem Weltkrieg in Basel Ökonomie studiert hatte, hieß – Marion Gräfin Dönhoff. Sie war später souverän genug, ihre schwere Fehleinschätzung preiszugeben.

Denn es kam ja alles ganz anders. Erhard wurde Wirtschaftsminister, wurde Vater des "Wirtschaftswunders" und Wahllokomotive der Union, wurde der "Dicke", dessen Zigarre so kontinuierlich rauchte wie die neu aufgebauten Schlote im Nachkriegsdeutschland. Heute berufen sich quer durch alle Parteien die Groß- und Kleinsprecher auf ihn, auf seine "soziale Marktwirtschaft". Doch was er wirklich wollte, wofür er kämpfte, stritt und einstand, woran er am Ende scheiterte – wer weiß das noch? Wer könnte heute definieren, was diese Wirtschaftsordnung für ihn hieß und meinte?

Das Buch von Alfred C. Mierzejewski, Professor an der Universität von Nordtexas, erscheint daher zur rechten Zeit, um Erhard nicht nur gegen Vereinnahmungen von links zu schützen. Erhard hat die allermeisten Sozialdemokraten fast bis zum Schluss, bis zu seinem Bündnis mit Karl Schiller, für wirtschaftspolitische Toren gehalten, hat eine Große Koalition stets abgelehnt und nie vergessen können, wie erbittert man auf Seiten der SPD seine Liberalisierungspolitik bekämpfte mit all den Misstrauensvoten in Wirtschaftsrat und Bundestag und auch den Aufruf des DGB zum einzigen Generalstreik in der deutschen Nachkriegsgeschichte im November 1948 gegen ihn, gegen seine Wirtschaftspolitik unterstützte.

Nein, die Einführung der Marktwirtschaft, die Abschaffung der Kriegsbezugsscheine und allermeisten Bewirtschaftungsregeln in Verbindung mit einer brutalen Währungsreform zur Beseitigung des Hitlerschen Schuldenberges war kein Zuckerschlecken. Die Arbeitslosenzahlen schossen in Richtung fünf Millionen. Selbst die Alliierten, vor allem die Amerikaner, wurden unruhig, wollten 1950/51 zur Bewirtschaftung zurückkehren. Adenauer erklärte im CDU-Vorstand, er sei kein prinzipieller Anhänger der Marktwirtschaft; wenn der Erfolg ausbleibe, müsse der Staat eingreifen. Im kleinen Kreis war er noch offener: Nicht ökonomischer Wettbewerb, harte Konkurrenz, bei der das schmerzlich-bittere Scheitern dazugehöre, sondern der mildtätige Geist der katholischen Soziallehre entspreche weit eher seinen Vorstellungen.

Hier liegt denn auch das eigentliche Kernthema von Mierzejewski, seine mehrfach variierte Kernthese: Erhard stand weitgehend allein gegen eine Front von Staatsinterventionisten oder: "Die Deutschen haben Erhard nicht verstanden", sie nahmen die immer weitere Ausweitung des Wohlfahrtstaates als Selbstverständlichkeit und nicht als Ergebnis harter Leistung hin: "Die Deutschen bekamen seit 1957 immer öfter das Gefühl, dass Wettbewerb schlecht, Armut unnötig und Ungleichheit falsch sei." Und: Dieser seltsam unpolitische Wirtschaftspolitiker Ludwig Erhard führte mit seinen wenigen Verbündeten etwa an der Spitze der Bank deutscher Länder seit 1948 einen mühevollen Abwehrkampf gegen die immer stärkere Überforderung der neuen Wirtschaftsordnung durch die kontinuierliche Ausweitung sozialer Absicherungen. Nicht umsonst bekannte er rückblickend: "Ich habe als Bundesminister 80 Prozent meiner Kraft dazu verwendet, gegen Unfug anzukämpfen."

Wofür stand Erhard? Nicht für den unbeschränkten freien Markt, das war "Freibeutertum" für ihn. Aber ganz eindeutig für eine Zurückdrängung der Rolle des Staates: Wettbewerbsregeln festlegen, deren Einhaltung überwachen, Rechtssicherheit und Infrastruktur garantieren, qualifizierte Ausbildung sichern, nicht jedoch soziale Gleichheit – das war’s. Erhards Grundüberzeugungen, wenn auch bisweilen etwas verschwurbelt vorgetragen, waren vergleichsweise einfach: Kein Staat, keine Partei, kein Politiker ist klüger, gerechter als – der Markt, der Wettbewerb. Jede Staatsintervention – etwa über Subventionen, Zölle, gesetzliche Beschränkungen – verzerrt, verfälscht, reduziert die Aussagekraft des Marktes.

Erhard war gegen die EU, die damals noch EWG hieß, weil sie ihm als bürokratisches Monster erschien, das zudem nicht zuletzt über den Agrarbereich zum Einfallstor für die Planwirtschaft ("planification") nach französischem Muster werden würde. Erhard war ein begeisterter Befürworter der Globalisierung, sah im weltweiten, friedlichen Freihandel das entscheidende Mittel für Wohlstand und Wachstum in allen Regionen der Erde. Ein solcher, von Rechtssicherheit begleiteter globaler freier Markt war für ihn "die sozial verantwortungsvollste Wirtschaftsform", jene Form, die, bei sorgsamer Pflege ihrer heiklen Mechanismen, Massenwohlstand in nie gekannter Fülle zu produzieren imstande sein, über diesen Umweg für sozialen Frieden sorgen würde.

Dass diese "reine Lehre" von Anfang an in der Bundesrepublik von einem erstaunlich hohen Maß an Staatsausgaben, staatlicher Intervention und Regulierung sowie staatlichem Industriebesitz von Eisenbahn, Post, Luftlinien bis zu Volkswagen begleitet war, Mierzejewski registriert es wie viele andere deutsche Seltsamkeiten mit dem verblüfften Blick des amerikanischen Wirtschaftshistorikers.

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So wurde das Fundament für eine stabile Demokratie gelegt

Was bekämpfte Ludwig Erhard? Kartelle, Monopole, die "Adenauersche Vorabbefriedigung der Interessengruppen und Lobbyisten" (Theodor Eschenburg), die den Wettbewerb zu umgehen, auszuhebeln trachteten. Das, nach rund 20 Fassungen, vom BDI 1957 entscheidend verwässerte Kartellgesetz – eine seiner bittersten Niederlagen, der Mierzejewski viele Seiten widmet. Es fiel zusammen mit der zweiten schweren Schlappe, der Einführung der Rentenreform, gegen die sich Erhard zusammen mit Finanzminister Fritz Schäffer bis zuletzt mit durchaus richtigen Argumenten gestemmt hatte, weil damit für ihn die immer abschüssigere Bahn in den Wohlfahrts- und Schuldenstaat betreten werde.

"Wenn das Sicherheits- und Rentendenken alle Schichten und Berufszweige erfasst hat, wenn jeder für jeden steuert, dann ist das Ende die staatliche Zwangsbürgerversorgung und der Untergang des Volkes in der fragwürdigen Harmonie wachsender Armut", prophezeite Erhard damals. Aber Adenauer wischte alle Einwände beiseite – "Kinder kriegen die Leute immer" –, die Briefträger brachten den Rentnern mehr Geld, und die Union gewann zum ersten und letzten Mal die absolute Mehrheit. Mierzejewskis Fazit an dieser Stelle: "Die Verabschiedung des Rentengesetzes mit den Stimmen von Union und oppositioneller SPD kann mit gutem Grund als das Ende der sozialen Marktwirtschaft angesehen werden."

Das geht sicherlich zu weit. Überhaupt schießt dieser Autor mitunter, bis hin zu seiner allzu positiven Beurteilung der kurzen, durchaus desaströsen Kanzlerschaft, in seinen Bewertungen übers gut gemeinte Ziel – die Popularisierung und "Erklärung" Ludwig Erhards – hinaus, haben sich auch einige Fehler und Irrtümer bei Wachstumsraten, Verschuldung, Mietrecht (es soll in der Bundesrepublik schon 1963 komplett liberalisiert und freigegeben worden sein) eingeschlichen.

Über Adenauer heißt es an einer Stelle, "seine Ideen konnten sich weder quantitativ noch qualitativ mit denen Erhards messen". Dem wird man deutlich widersprechen müssen: Adenauers Rückgewinnung der (Teil)Souveränität über Westbindung und -integration und Erhards Wirtschaftsreform, seine Wettbewerbspolitik sind zwei Seiten einer Medaille, ergeben gemeinsam in Verbindung mit einer überaus leistungswilligen und -starken Bevölkerung überhaupt erst das Fundament für die so erstaunliche demokratische Stabilisierung Westdeutschlands nach 1945.

Natürlich hat das Buch gerade jetzt durch den latenten Verfassungskonflikt zwischen dem eindeutig sozial-marktwirtschaftlich ausgerichteten Bundespräsidenten Köhler und der schwankenden, im Kern eher staatsinterventionistischen Lösungen zuneigenden Bundesregierung um Schröder/Müntefering ungemein an Aktualität gewonnen. Gerade in einer Zeit, wo die weltwirtschaftlich mächtige Kraft der Globalisierung in Verbindung mit der horrenden impliziten Staatsverschuldung von über 330 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – diese Zahl aus der Rede des Bundespräsidenten vom 15.März ist sofort und umfassend tabuisiert worden – landesweit Ängste und Wut weckt, ist eine Beschäftigung mit dem Fundamentaloptimisten Ludwig Erhard sinnvoll. Der Verlag sollte mindestens den SPD- und CDU-Vorstand mit Freiexemplaren versorgen. Vielleicht würde ja sogar die Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn zur marktwirtschaftlichen Schulung der beiden Volksparteien Mittel in dieses überaus sinnvolle Präsent investieren.