Der Cutter ist ein unsichtbarer Mensch. Er ist der heimliche Arrangeur und Rhythmisierer, der einen Film völlig zerstören, aber auch retten und zur Vollendung bringen kann. Seine Kunst ist die der "größenwahnsinnigen Zurückhaltung" (Jean-Luc Godard). Der Cutter hat die größte Macht und muss sie doch in stiller Dialektik fortwährend zum Verschwinden bringen.

Insofern ist dieses Buch ein Sprung aus dem Schatten, ein Coming-out, ein großer Auftritt. Walter Murch, einer der besten Cutter der Welt, hat sich von dem Schriftsteller Michael Ondaatje aus der Deckung locken lassen. Murch hat unter anderem Francis Ford Coppolas Apocalypse Now geschnitten und die drei Teile des Paten, er arbeitete mit George Lucas, Steven Soderbergh und Anthony Minghella. In dem Gesprächsbuch Die Kunst des Filmschnitts lässt er sich befragen zu einem Handwerk, das aus einzelnen Takes und Tausenden von Hintergrundgeräuschen, aus scheinbar unbedeutenden Schnipseln, Überhängen, Verlangsamungen und Rhythmuswechseln den Fluss und den "moralischen Ton" (Murch) eines Films entstehen lässt. Gemeinsam mit dem manchmal etwas selbstgefälligen Ondaatje und seinem ungemein bescheidenen Gesprächspartner flaniert man durch drei Jahrzehnte des amerikanischen Autorenkinos, aber auch durch andere, scheinbar entlegene Wissensfelder. Man erfährt, wie Beethovens orchestrale Struktur und rhythmische Dynamik die Grammatik des Films – Überblendungen, Totalen, Großaufnahmen – vorwegnahmen. Man wandelt durch Thomas Edisons Erfinderwerkstatt, durch William S. Burroughs’ halluzinogene Assoziationsketten und die Anfänge von Francis Ford Coppolas Produktionsfirma Zoetrope – und landet immer wieder in Murchs Schneideraum, in dem heute ein Avid-Computer steht.

Man möchte sofort ins Kino stürzen und sich die Bastelei ansehen

So gebildet, philosophiegesättigt und elaboriert Murchs ästhetische Exkurse sind, so bescheiden bricht er den Filmschnitt doch immer wieder auf eine große Tüftelei herunter. Wie verschleiert man als Cutter, dass die zentrale Szene des Films beim Dreh einfach vergessen wurde? Wie bügelt man aus, dass Marlon Brando während der Dreharbeiten von Apocalypse Now seine Figur plötzlich in Colonel Kurtz umtaufte, obwohl schon Dialoge gedreht waren, in denen sie mit einem völlig anderen Namen bezeichnet wurde?

Es mag eine Binsenweisheit sein, dass die Kunst des Filmschnitts darin besteht, das Wesentliche nicht zu zeigen. Und doch gehören die Passagen, in denen Murch erzählt, wie er dieses Wesentliche immer wieder vom Bild auf die Tonspur bannte, zu den erleuchtendsten des Buches. So möchte man nach der Lektüre sofort ins Kino stürzen, um Murchs große Basteleien noch einmal zu sehen. Etwa eine Szene aus dem Paten, in der Al Pacino in einem italienischen Restaurant in Brooklyn zwei Männer erschießt. Ganz diskret steigerte Murch die Spannung, indem er das Geräusch der vorbeifahrenden Hochbahn und das Ploppen des Korkens unwirklich verstärkte. Oder die erst später eingefügte Plantagenszene in Apocalypse Now, in der sich Murch elegant über die fehlenden Einstiegsbilder hinwegmogelte.

Die Faszination dieses Gesprächsbuchs mag auch darin bestehen, dass die entscheidende Wissenslücke des Cutters Walter Murch ausgerechnet die Filmgeschichte ist. Murch, das wird schnell klar, ist ein Meister seines Fachs, weil er über das Kino hinausblickt. Auf Bienenköniginnen und Planetenbahnen, Musik, Literatur und Physik, auf all die schönen und seltsamen, klaren und undurchschaubaren Strukturen, die in die Kunstwerke dieses "Renaissance-Menschen am Schneidetisch" (Ondaatje) einfließen.