Kann es denn wahr sein? Dass Berlusconi es wagt, ein Kabinett zu präsentieren – eine Frau und sonst nur Männer? Dass Direktoren eines angeblich so geistreichen Max-Planck-Instituts sich treffen – am Herrentisch? Dass die kleinsten Männer immer noch kleinere Frauen finden und die ältesten ganz junge? Dass die schönsten Frauen die hässlichsten Typen lieben, auch wenn die sie für sich putzen lassen? Dass es arme Menschen gibt und reiche, aber unter den ärmsten die Frauen immer in der Mehrzahl sind, überall? Die Frage nach der Gleichheit von Mann und Frau ist auf fatale Weise unerledigt, ein Ärgernis nach einem Jahrhundert der feministischen Diskussion, ja gerade angesichts kleinster und immerzu stockender Fortschritte ein ewiges Rätsel, weshalb der große französische Soziologe Pierre Bourdieu Anlass sah, der Sache vier Jahre vor seinem Tod ein eigenes Buch zu widmen: Die männliche Herrschaft, 1998 geschrieben, ist endlich auf Deutsch erschienen.

Was Bourdieu interessiert, ist dies: wie Herrschaft sich so scheinbar mühelos erhält. Unverrückbar ist, gegen allen Widerstand und Aufklärung. Wie dadurch der Anschein des von der Natur so Gewollten erweckt wird. In der Tat: Es mangelt nicht an Versuchen, in den Instinkten der Geschlechter genetische Ursachen vorzuschieben. Forscher verkünden medienwirksam, wie erotisierend es wirke, wenn Paare sich an gefährlichen Orten träfen, auf Türmen oder so, weniger gern thematisieren sie die Gefährlichkeit sexualisierter Machtverhältnisse. Finden es irgendwie unwichtig, weshalb die klügsten Frauen nicht aus Verhältnissen fliehen, die für sie nur die Rolle der Unterlegenen vorsehen. Bourdieu betreibt Gegenaufklärung. Er setzt sich auf die Spur der gesellschaftlich wirksamen Kräfte, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern stabilisieren. Er benennt sie als "symbolische Gewalt". Und meint jenen sanften, unsichtbaren Einfluss, der sich noch im Einverständnis der Unterlegenen offenbart, ja nicht selten im vorauseilenden Gehorsam der Frauen zeigt, sich der patriarchalen Welt anzudienen. Und darin eine als natürlich empfundene Bestätigung ihrer Weiblichkeit sehen!

Man ahnt es, dieses Buch spricht keineswegs nur von der Herrschaft des Mannes, sondern immer auch von Frauen. Es ist eine Kritik des Patriarchats, das Macht verteidigt, und eine des Feminismus, der darin gescheitert ist, diese Macht zu verschieben. Obwohl aus Frankreich die großen Theoretikerinnen kommen, Luce Irigaray oder Julia Kristeva, mit hochambitionierten Texten, welche nach dem Eigenen der Frau fragen, nachdem Simone de Beauvoir diese so umfassend als das Andere beschrieben hatte. Bourdieu geht weiter, er will eine "Revolution der Erkenntnis", eine Denkbewegung vorführen, die beide Geschlechter umrundet und sich selbst als Erste infrage stellt. Dabei ist es natürlich schon eine Revolution, dass ein Mann sich dieses Themas annimmt.

Endlich wirft sich ein Mann auf das Thema der Frauen

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten auf diesem Terrain, dass die Herrschaft der Männer immer ein Frauenthema war. Fleißig, wie die Mädels da geforscht und publiziert haben. Und so erfolgreich, wie die Männer dazu schwiegen. Vielleicht heute die Köpfe zusammenstecken, wo Frau Heike Maria Kunstmann Hauptgeschäftsführerin von Gesamtmetall geworden ist, dem wichtigsten Arbeitgeberverband. Aber die Boys werden, jede Wette, in kluger Allianz die Frage umschiffen, was all die Männer, also sie, in den Chefetagen treiben. "Die Macht der männlichen Ordnung zeigt sich in dem Umstand, daß sie der Rechtfertigung nicht bedarf", schreibt Bourdieu. Der Schwerpunkt der Macht liege gerade in der Nichtthematisierung, der Herstellung einer Oberfläche von Selbstverständlichem.

Parallel zeigt sich die Ohnmacht der Unterlegenen, mit welcher kindlichen Zuversicht sie jeden kleinsten Fortschritt bejubeln, schon wieder irgendwo eine erste Frau! Ein Vorbote endgültiger Veränderungen! Die nie eintreten, wie Bourdieu klug zeigt, weil sich die Distanzen zwischen den Geschlechtern einfach verschieben – rücken Frauen vor, kriegen sie weniger Gehalt. Werden es mehr Frauen, bremst man sie aus. Machen sie sich breit, deklassiert man die ganze Chose als Frauenjob. Der Rest ist Klagen, Beschuldigen, Ermahnen. Weiter führt es aber, die innere Mechanik dieser Machtmaschine offen zu legen. Nicht nur immer an der Oberfläche alles umzudrehen, wo augenfällig eine Dichotomie von Mann/Frau die Phänomene in Oppositionen wie stark/schwach oder rau/zart und energisch/sanft geordnet hat, sondern in Tiefe zu sondieren, wie unsere Denkmuster jene Herrschaftsverhältnisse immer neu hervorbringen, aus denen sie hervorgegangen sind: in zwanghaften "zirkulären Kausalbeziehungen". Bourdieu: "Die soziale Ordnung funktioniert wie eine gigantische symbolische Maschine zur Ratifizierung der männlichen Herrschaft, auf der sie gründet." Weil sich unsere Wahrnehmung jener Kategorien bedient, die von den Machtverhältnissen selber hervorgebracht werden, wird Erkenntnis zur Unterwerfung unter genau diese Zusammenhänge. Sie dient der Tarnung "eines Glaubens, der sich nicht als solchen weiß".

Heimtückisch. Unsichtbar. Spontan. Hoffnungslos. Die Psychoanalyse kennt die Raffinesse, mit der Unbewusstes in den Alltag greift, als Erröten, Herzklopfen, Zurückweichen, Vorwärtsdrängen. Es sind Gesetze, nicht einholbar von Willen oder Bewusstsein, weil unsere Körper die Komplizen der Macht sind. Nun, Bourdieu nimmt für sich in Anspruch, die Spirale der Erkenntnis eine Windung höher getrieben zu haben, von wo aus ein weit gestellter Blick auf die Verschränkungen von Politik und Körper, Psyche und Macht geht. Man könnte das als männliche Hybris belächeln. Aber der Ansatz ist doch ungemein nützlich, um zu sehen, was so abläuft.

Warum das Eindringen einer Frau in eine Männerdomäne – sei dies Gesamtmetall oder die professorale C4-Riege – so skandalös wirkt, erklärt sich eben nicht allein daraus, dass Jungs lieber unter sich sind, was schon als Form der Homophilie beschrieben ist. Die geradezu instinkthaft hervorbrechende Abwehr einer falschen (weiblichen) Tonlage oder abweichender Argumentationsmuster verrät, dass der Einbruch einer Frau immer auch ein grundsätzlicher Angriff auf Männlichkeit ist, die sich in der Männergruppe konstituiert als "basale Vorstellung von sich selbst als Männern", wie Bourdieu es sagt – deshalb, und nicht nur, weil es Spaß macht, überhört man sie, schneidet ihr das Wort ab, wertet ihre Forderungen als Launen. Weshalb Frauen, die nach oben wollen, gut daran tun, durch Business-Suit und Kinderferne ihre Weiblichkeit zu vertuschen, oder: durch hochgezüchtete Weiblichkeit Schwäche vorzutäuschen.