Watt willse machen – Seite 1

Die gehn nich hin. Datt is datt Schlimmste. Sagt mein Onkel Jürgen und meint die SPD-Wähler. Er selbst hat schon gewählt, per Briefwahl. SPD stand auf dem Wahlzettel ganz oben, spielt ja auch ne Rolle. Er bereitet sich innerlich auf das Schlimmste vor. Die Niederlage der SPD. Die erste. Nach 39 Jahren. Ansonsten gibt sich mein Onkel, SPD-Mitglied seitdem ich denken kann, gefasst. So gefasst, wie man sein kann, wenn sich die Ehefrau nach 39 Jahren glücklicher Ehe in die Arme eines anderen wirft. Bloß keine Tränen. Watt willse machen.

Hier, im Wahlbezirk Unna II, dem Wahlbezirk des Ministerpräsidenten, ist es natürlich besonders bitter, die triumphierenden Gesichter der Rivalen zu ertragen. Nicht weit vom Kamener Rathaus entfernt, hat Peer Steinbrück sein Wahlkreisbüro. In der Bahnhofstraße. Direkter Draht nach Düsseldorf. Hat seine Vorteile, sagt mein Onkel. Und er weiß, wovon er spricht, denn er war mal im Stadtrat. Bis ihm das zu viel wurde mit dem Herumsitzen in den Ausschüssen bis tief in die Nacht. Konnten sich die anderen Genossen leisten, nicht aber mein Onkel, der als Metallarbeiter morgens um fünf wieder am Band stehen musste.

Sicher, der Steinbrück sei ein Technokrat. Nichts für die Seele, so wie der Rau. Die Hand geschüttelt hat er ihm noch nie. Dazu muss man wissen, dass mein Onkel nicht nur den Papst aus der Nähe gesehen, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder die Hand geschüttelt, Helmut Kohl beim Einsteigen in den Hubschrauber beobachtet hat und von Gerhard Stoltenberg persönlich begrüßt wurde: Es war in Wyk auf Föhr, mein Onkel stand zufällig neben dem Kreisvorsitzenden, so ernst und würdig und dazugehörig blickend, dass Stoltenberg ihm die Hand reichte und mein Onkel sich mit den Worten vorstellte: Ich bin hier nur der Kurgast.

Kamen, das ist: 60 Prozent SPD. 25 Prozent CDU, allerhöchstens. Die Schwatten. Wenn die hier gewinnen, dann drehen die durch, sagt mein Onkel. Denn bis jetzt durfte die CDU in Kamen dank sozialdemokratischer Gnade höchstens mal den dritten Bürgermeister stellen: Stellvertreter des Stellvertreters. Den schickt man auf die Termine, wo keiner hin will, Karnickelzüchter und so, erklärte mir mein Onkel. Macht man so fürs Klima, sagte er. So wie man Wirtschaftsbosse auch mal in der Kanzlermaschine mitreisen lässt.

Wahlen im Ruhrgebiet – das war für mich als Kind so etwas wie die Menüfolge auf Familienfeiern. Es gab gemischte Fleischplatte und gemischte Gemüseplatte mit dem Blumenkohl in der Mitte, und seitdem ich denken konnte, wurde ich von der SPD regiert. Sie siegte bei jeder Wahl, bei der Landtagswahl, bei den Kommunalwahlen, und jedes Mal taten alle so, als sei der Sieg jetzt die große Überraschung gewesen. Denn schließlich gab es ja das Wahlgeheimnis. Es klang für mich wie: Geheimnis des Glaubens. Pompös und irgendwie scheinheilig. Wozu war es gut, voreinander zu verheimlichen, was man wählte, wenn ohnehin alle das Gleiche wählten? Ich fand, dass im Grunde kein Unterschied bestand zwischen dem Ruhrgebiet und der DDR, wo die SED auch immer gewann, mit 99,8 Prozent. Konnte mir doch keiner erzählen, dass Tante Ruth nicht weiß, was Onkel Heinz wählt.

Ich ahnte, dass es noch andere Parteien gab, glaubte aber nicht wirklich an ihre Existenz. Jedenfalls nicht im Ruhrgebiet, wo selbst die Straßen nach verdienten Genossen benannt waren, Tante Ruth wohnte in der Karl-Liebknecht-Straße, die von der August-Bebel-Straße abzweigte, und später kam der Willy-Brandt-Platz hinzu und die Herbert-Wehner-Straße, weil Wehner in der Waschkaue für den Erhalt der Zeche Monopol gekämpft hat, von der nichts anderes übrig ist als ein Förderturm, der aussieht wie ein ausgestopftes Tier.

Woanders also, im Schwarzwald vielleicht oder am Chiemsee, wo die Welt nicht aus jener Stadt bestand, die nicht aufhörte, sondern aus einer Landschaft, die aussah wie aus Marzipan gemacht, mit geranienberankten Herzwinkeln, da existierten sie vielleicht, die anderen Parteien. CDU oder so. Wir hatten die SPD. Und die wählten alle, Wahlgeheimnis hin oder her. Alle bis auf meinen Onkel Gerhard, der ebenso unbeirrbar wie hoffnungslos CDU wählte. Damit war er der einzige Bergmann in unserer Familie, der nicht SPD wählte, was ihn in meinen Augen suspekt machte. Wenn er wenigstens so’n bisschen christlich angehaucht wäre, dann könnt ich datt ja noch verstehen, sagte mein Onkel Jürgen, aber da is ja nix. Auf Familienfeiern dozierte Onkel Gerhard über das freie Unternehmertum und darüber, dass Arbeiterkinder nicht auf das Gymnasium gehörten, weshalb ich zu heulen anfing und aus Wut meine ablehnende Haltung gegenüber der Schule aufgab. Den Rest des Abends waren meine Tanten damit beschäftigt, die Onkel voneinander fern zu halten und mich zu ermahnen, mir das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen.

Die CDU stellte also für mich keine Alternative dar, wenngleich mich auch die Selbstgewissheit der SPD-Genossen befremdete, besonders wenn sie sich feierten, für den Bau der Hochstraße, des neuen Krankenhauses, des neuen Hallenbades, und ich ihnen als Aushilfskellnerin mit 15 Prozent Beteiligung am Umsatz in der Konzertaula die Herrengedecke servierte, Pils und Piccolo. Als ich das erste Mal wählen durfte, wählte ich FDP. Aus Protest. CDU ging ja nicht, wegen meines Onkels, SPD verbot sich von selbst, und die Grünen gab es noch nicht.

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Auf die ist mein Onkel natürlich überhaupt nicht gut zu sprechen. Seine Nachbarn wählen grün. Datt siehste schon am Garten, sagt mein Onkel. Die nennen datt nicht mehr Unkraut. Die sagen: Wildkräuter. Hat ja alles mit Arbeit zu tun.

Das gilt auch für die Grünen im Parlament. Radfahrer sind das, die Grünen. Wenn es gut gehe, dann sei das ihr Verdienst, und wenn es schlecht laufe, hätten sie nichts damit zu tun. Deutschland brauche ein Zweiparteiensystem, so wie in England, und dann wäre Schluss mit den Wildkräutern. Aber jetzt werde alles, was schief läuft, der SPD angekreidet. Die Arbeitslosigkeit, die unter Kohl so nebenhergelaufen sei, die fehlende Rentenerhöhung: Wie sollen denn die Renten erhöht werden, wenn nicht mal die Arbeiter eine Lohnerhöhung bekommen! Datt muss man doch verstehen, sagt mein Onkel. Aber nix. Die gehn einfach nich hin.

Auf jeden Fall sieht mein Onkel schwarz. Wenn es kommt, wie es kommt, dann geht die SPD auch im Bundestag über die Wupper. Und dann könne der Gerd nicht mehr in Gummistiefeln rumrennen, im Oderbruch, so wie kurz vor den letzten Wahlen. Datt sagen Genossen! Musse dir mal vorstellen. Und dann sagt meine Tante: Mensch Jürgen, jetzt hör mal auf, das Kaninchen wird kalt.