Dies ist ein Buch, das man gerne liest. Es schildert zwei Personen, die im 18. Jahrhundert Geschichte geschrieben haben, die einander auf das Blutigste bekriegten, sich von Herzen hassten, aber jede auf ihre Weise für ihr Land Großes vollbrachten: der preußische König Friedrich II. und die österreichische Kaiserin Maria Theresia. Geschrieben hat es der Kulturhistoriker Klaus Günzel, der vor wenigen Tagen, 69 Jahre alt, in seiner Heimatstadt Zittau gestorben ist.

Günzel, von Hause aus Bibliothekar, verstand es meisterhaft, Geschichte zu erzählen; Paul Sethe oder Friedrich Sieburg hätten dies nicht besser gekonnt. ZEIT- Leser wissen das, denn er schrieb viele Jahre lang auch für das Ressort Zeitläufte. Nicht an die gelehrten Fachhistoriker wenden sich seine Arbeiten – auch wenn sie viel von ihm lernen könnten, was klaren, einfachen Stil, Verdichtung, Atmosphäre, Spannung und Unterhaltung anbelangt –, sondern an den historisch interessierten "Laien". Der große Erfolg seiner Bücher zur Kulturgeschichte der deutschen Klassik und der Romantik, über Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann oder zum Wiener Kongress zeigt, wie sehr ihm das gelungen ist. Dabei schrieb Günzel keine anbiedernden historischen Romane mit nachempfundenen Dialogen und psychologisierenden Charakteristiken ohne wissenschaftliche Substanz. Er konnte stets alles belegen, die Fachliteratur ist von ihm verarbeitet, er zitiert aus Briefen und zeitgenössischen Berichten, er vermerkt die eine oder andere Anekdote. So gelang ihm auch in seiner letzten großen Arbeit, in seinem Buch über Friedrich II. und Maria Theresia, ein meisterliches Doppelporträt.

Da ist die unaufhörlich Gebärende: Sechzehnmal kam sie während ihrer Regierungszeit nieder, und auch als sie im Siebenjährigen Krieg gegen Friedrich wahrlich nichts zu lachen hatte, unterzog sie sich klaglos freudig ihren Mutterpflichten, ohne jeden Erziehungsurlaub. Und da ist Friedrich, den sie ob seines Rechtsbruchs, ihr Schlesien zu entreißen, zutiefst verachtete. Er blieb für sie bis an das Ende ihrer Tage der "böse Mensch" schlechthin, er hingegen verstand sich als Diener seines Staates, der für die österreichische Landesmutter und ihren barocken katholischen Lebensstil wahrlich nicht viel übrig hatte.

Nach der siegreichen Schlacht bei Mollwitz ließ er im Dankgottesdienst den Geistlichen über das Bibelwort predigen: "Einer Frau gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, dass sie sich über den Mann erhebe, sondern sie sei stille." Der Armen auf der Wiener Hofburg wurde diese Bosheit natürlich hinterbracht. Doch sie schlug sich wacker. Die junge Frau bekam ihr Vielvölkerreich in den Griff, auch wenn sie Schlesien ihrem Erbfeind überlassen musste.

Kurz nach dem Siebenjährigen Krieg kursierte das Gerücht, der Preußenkönig habe seiner Feindin einen Brief geschrieben. Die Kaiserin dementierte stante pede: "Kein Wort ist wahr. Ich bin dem König wohl obligieret, dass er mir nicht geschrieben hat, meine Feder hätte ihm niemals geantwortet. Mein Herz ist nicht dahin."

Einmal allerdings griff sie zur Feder, zu Beginn des Bayerischen Erbfolgekrieges. Hinter dem Rücken ihres Sohnes und Mitregenten Joseph schrieb sie an Friedrich: "Mein Herr Bruder und Vetter…" Um des lieben Friedens willen bat sie den Preußen, in Verhandlungen einzutreten, was diesem den Wind aus den Segeln nahm, und er sich schließlich mit Ansbach und Bayreuth zufrieden gab, während sie sich Braunau am Inn sicherte. Mit einem Tedeum im Wiener Stephansdom feierte die fromme Kaiserin die Rettung des Friedens.

Ein Jahr später, 1780, legte sie sich aufs Sterbebett. "Schlafe sanft, Du Größte Deines Stammes, weil Du die Menschlichste bist", dichtete Klopstock, und ihr ewiger Widersacher Friedrich, alt, abgeklärt, zwar nicht milder, gab sich ungewohnt nobel und verkniff sich alle Bosheiten. "Indes habe ich dennoch den Tod der Kaiserin-Königin bedauert; sie hat ihrem Thron und ihrem Geschlecht Ehre gemacht; ich habe mit ihr Kriege geführt, aber ich war nie ihr Feind", schrieb er dem Philosophen d’Alembert.

Der Freigeist Friedrich und die fromme Maria Theresia, zwei Menschen, zwei Regenten, die verschiedener nicht sein konnten. Wem von beiden des Autors Herz näher steht, die geneigten Leser mögen es entscheiden. Fragen können wir ihn, den großen Geschichte-Erzähler aus Sachsen, nun leider nicht mehr.