Fast wie ein Satz aus diesen Tagen: "Ich gehe so weit zu behaupten, dass es eine noch heute nachwirkende Erblast der studentischen Protestbewegung gibt und dass unsere heutige Politik und Kultur auch daran leidet, dass nicht wenige aus der Generation der 68er heute in verantwortungsvollen Positionen tätig sind." Ein Nachwort zur Visa-Affäre – oder ein Vorauskommentar zur nächsten Bundestagswahl? Nein, als Kurt Sontheimer diesen Satz im Jahr 1993 schrieb – und zwar in der ZEIT –, da war weder an einen Kanzler Gerhard Schröder noch an einen Außenminister Joschka Fischer zu denken. Aber in jenem Jahr, dem Jahr seiner Emeritierung als Ordinarius für Politische Wissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, war Sontheimer schon auf sein letztes Trauma fixiert: auf das Elend der deutschen Intellektuellen und das elende Erbe der Studentenrevolte.

Kurt Sontheimer gehörte zu jener bedeutenden Gruppe der Politologen, die man unter dem Gesichtspunkt der Wissenschaft zu den Geisteswissenschaftlern und unter dem Aspekt der Politik zu den Realisten zu zählen hätte. Karl Dietrich Bracher, Theodor Eschenburg, Dolf Sternberger (und Wilhelm Hennis, fast der letzte Überlebende) – sie alle waren wie Kurt Sontheimer keine reinen Kathederwissenschaftler für Hörsäle und Fachzeitschriften, sondern stets auch Publizisten für das große und breite Publikum, also für die res publica. Und die ZEIT war oft ihr Forum.

Wäre das Wort aus der deutschen Zwischenkriegszeit nicht negativ besetzt, so könnte man Kurt Sontheimer einen dezidierten "Vernunftrepublikaner" nennen. Denn anders als in der Weimarer Episode, in der diese Bezeichnung jenen galt, welche die Demokratie nur wohl oder übel akzeptierten, trat Sontheimer mit all seiner Energie für die liberale Demokratie ein, weil sie das schlechterdings Vernünftige an möglicher politischer Ordnung bietet. Darin lag der Stolz seiner politischen Wissenschaft.

Aus diesem Geist hatte er bereits seine Habilitationsschrift über Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik verfasst – wohlgemerkt: über das antidemokratische Denken von rechts, denn die Weimarer Linke erschien ihm auf Dauer als nicht wirkmächtig genug. Doch schon das weitere Schicksal der verschiedenen Auflagen und Fassungen dieser Schrift deutete das heraufziehende letzte Großthema und die schließliche Tragik dieses nach eigenen Worten "durch 1933 traumatisierten Deutschen" an. Im Jahr 1968 war eine Studienausgabe des Buches erschienen, der ein Teil IV über das Antidemokratische Denken in der Bundesrepublik angefügt worden war – in den Jahren zuvor hatte der Einzug der NPD in verschiedene Landtage Besorgnis ausgelöst.

Doch kaum war die Studienausgabe ausgedruckt, nahm die Bewegung der 68er ihren Lauf, von der Sontheimer am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin auch die unerfreulichen Seiten zu sehen bekam. Zehn Jahre nach der Studienausgabe, im Jahr 1978, erschien eine Taschenbuchausgabe, in der jener Teil IV von 1968 wieder weggelassen wurde; dafür war zwei Jahre zuvor Das Elend unserer Intellektuellen, der Linken, erschienen, so recht ein Teil V seines Haupt- und Lebenswerkes. Doch so kann es zugehen, wenn die höchst berechtigte Sorge umschlägt in die unverhüllte Angst: Die Kritik am unpolitischen Ressentiment äußert sich dann bisweilen als politisches Ressentiment, das sogar einen luziden Liberalen wie Ralf Dahrendorf strafend treffen konnte.

Irgendwann wurde Sontheimers Realismus immer ruppiger, er vereinsamte wohl auch. Genau zwanzig Jahre vor seinem Tod an diesem Pfingstmontag antwortete er im FAZ- Bogen auf die Frage, wie er sterben wolle: "Im Frieden mit mir und meiner Umwelt." Da darf man dem badischen Protestanten mit freikirchlichem Hintergrund doch wünschen, dass er jedenfalls jetzt in Frieden ruhen möge.