Kinder und Jugendliche hüpfen von Stele zu Stele. Junge Mädchen rekeln sich auf den Steinquadern in der Sonne. Kinder lärmen durch den Stelenwald. Ein munteres Treiben am Holocaust-Mahnmal in Berlin. Ist das der richtige Umgang mit einem Denkmal, das errichtet wurde, um die Deutschen an ihre historische Schuld zu erinnern, sechs Millionen Juden während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet zu haben? Eine Verpflichtung per Besuchsordnung sich aus Respekt vor den Opfern, würdig und andächtig zu verhalten, kann es nicht geben. Indes wird diskutiert, ob eine Besuchsordnung gewisse Verhaltensweisen – wie das Stelenhüpfen - verbieten oder ob die Besucher für sich selbst entscheiden sollen, wie sie sich an einem solchen Ort mit der Vergangenheit auseinandersetzen wollen.

"In dem Feld kann sich jeder nach seinen Gefühlen verhalten, es sei denn, es stört jemanden", sagte Hans-Erhard Haverkampf, der Geschäftsführer der Denkmalstiftung. Die Stiftung bemüht sich um Gelassenheit. Es bleibe bei der Zahl der Aufsichtspersonen und ein Zaun werde auch nicht errichtet. Zum einen gebe es nicht mehr Geld, zum anderen müsse das Denkmal auch ohne hohen Sicherheitsaufwand funktionieren. Das entspricht ganz dem offenen Gestaltungsplan des Architekten. Peter Eisenman freut sich, über das lebendige Treiben. "Die Leute sitzen, stehen, springen auf allen Mahnmalen dieser Welt. Das ist doch ein Zeichen dafür, dass sie gerne dort sind."

"Die Leute nehmen das Stelenfeld nur als Event wahr", befindet Paul Spiegel dagegen. Der Präsident des Zentralrats der Juden sieht sich in seinen Befürchtungen bestätigt, dass die Menschen zu respektlos mit dem Mahnmal umgehen. Ohne den Ort der Information würde es deshalb seinen Sinn verfehlen. Er ist skeptisch, ob alle die Besucher, die auf den Stelen herumturnen, auch den Weg in die Ausstellung finden und schlägt die Errichtung an einer erklärenden Gedenktafel am Rande des Denkmals vor.

Isaak Behar, Gemeindeältester der Jüdischen Gemeinde, schlägt vor, dass zumindest temporär mehr Sicherheitskräfte eingesetzt werden. Für sehr wichtig hält er auch, dass Lehrer und Eltern Jugendliche besser auf den Besuch vorbereiten.

Aber wie gut wissen die Deutschen wirklich über die Judenvernichtung im Dritten Reich Bescheid? Deutschland, das sich einer besonders gelungenen Vergangenheitsbewältigung rühmt, vor allem wenn es um die didaktische Aufarbeitung in Schulen geht, ist Teil einer länderübergreifenden Studie zum Thema Umgang mit dem Holocaust. Die Studie vom American Jewish Committee hat in sieben Ländern - in den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Polen und Schweden mittels Telefonbefragungen je ca. 1000 als repräsentativ ausgesuchte, volljährige Bürger über ihre Einstellung zu Juden, Judenvernichtung und Israel befragt.

Die Ergebnisse können ebenso gut als Erfolg wie als Schmach für Deutschland gewertet werden. So wissen 77 Prozent der Deutschen, dass Auschwitz oder Treblinka Namen von Vernichtungslagern waren – oder wissen es doch – nur - 77 Prozent in dem Land, von dem die Judenvernichtung ausging? Währenddessen kennen gemäß der Umfrage in Schweden 91, in Österreich 88 und in Frankreich 78 Prozent der Befragten die Bedeutung dieser Unglücksstätten.

Knapp die Hälfte der befragten Deutschen wusste, dass unter den Nazi-Deutschen an die sechs Millionen Juden ermordet wurden. 30 Prozent der Deutschen gingen davon aus, dass die Zahl der ermordeten Juden deutlich geringer lag. 8 Prozent vermuteten dagegen sogar eine noch höhere Zahl.