Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, hat es auf den Titel des Time Magazine geschafft. Er ist der dynamische, gut aussehende Held einer Riege europäischer Bürgermeister, die angeblich "neue Visionen eines urbanen Lebens" in die Hauptstädte bringen. Wowereit wird als the glamour guy gepriesen, als zupackender Reformer mit Savoir-vivre, der den Berlinern neues Selbstbewusstsein gegeben habe.

Man reibt sich die Augen. Ist das derselbe Wowereit, der hierzulande als einer der peinlichsten Politiker gilt? Meinen die wirklich unseren "Wowi", der gerade wieder einmal durch die Veröffentlichung seiner Essgewohnheiten den Hauptstadtboulevard beherrscht ("WowerLight" – "Zehn Kilo runter durch die Wowi-Blitz-Diät")?

Ja, sie meinen ihn: Zwei Wochen vor der Time- Geschichte war Wowereit bereits der Held eines langen Stücks in der Herald Tribune, wiederum als unkonventioneller Visionär, der sich tapfer der "gargantuesken Aufgabe" stellt, Berlin zu einem "intellektuellen Zentrum" zu machen. Und auch beim großen Metropolenkongress, der Mitte Mai über 100 Bürgermeister aus aller Welt nach Berlin führte, kam Wowereit gut an. Mit einigem Befremden nimmt die deutsche Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass der knutschende Klaus, der "Regierende Partymeister", ein im Ausland durchaus geschätzter Repräsentant Berlins ist. Es könnte allerdings sein, dass dieser Mann mehr von Berlin profitiert als die Stadt von ihm.

Wowereit ist seit Juni 2001 im Amt. Er hat die durch die Banken-Affäre diskreditierte Große Koalition Eberhard Diepgens zu Fall gebracht, in der er selbst als Fraktionsvorsitzender eine tragende Rolle gespielt hatte. Aus den Trümmern des alten Systems, dem er an führender Stelle gedient hatte, ist er seltsam unbelastet hervorgegangen, um dann gleich einen "Mentalitätswechsel" zu fordern. Sein Coming-out ("Ich bin schwul, und das ist gut so") brachte ihm zu Recht viel Sympathie ein. Man nahm es als Zeichen von Mut und Charakter, dass hier einer endlich die Heimlichtuerei der homosexuellen Mandatsträger in Deutschland beendete. Wowereit begründete sein Outing damit, dass er das Thema hinter sich bringen wolle, um sich ungehindert dem Amt widmen zu können.

Von wegen. Der "Mentalitätswechsel" entpuppte sich bald als Lizenz zur Takt- und Formlosigkeit. Die systematische Verwischung der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem wurde Wowereits Spezialität. Es fing damit an, dass er sich während der ersten harten Sparrunden in Feierpose mit einem Damenschuh und einer Flasche Champagner fotografieren ließ. Als Protest laut wurde, solche Bilder vertrügen sich nicht gut mit Sozialkürzungen, verteidigte sich Wowereit mit dem unsterblichen Satz: "Ich habe nur gepost!"

Küsse bei der Gala, Grüße aus Mexiko

Damit lieferte er selbst das geheime Motto seiner Amtszeit. Das Posen wurde zur Kernkompetenz des Berliner Regierungschefs. Wowereit zeigte einen unwiderstehlichen Hang zu celebrities , gern auch des Trash-Fernsehens. Während der Berliner Aids-Gala ließ er sich beim Zungenkuss mit der Dschungelcamp-Bewohnerin Desirée Nick fotografieren. Die Boulevardpresse beutete seine Selbstinszenierung dankbar aus und fragte: "Wowi nicht mehr schwul?" Wowi aber kofferte scheinheilig entrüstet in den Talkshows zurück, diese Frage zu stellen sei diskriminierend. Ein bisschen "Oh, lá lá", eine Prise moralische Gratiserregung, geile Fotos – fertig ist das perfekte Non-Event. Wowereits Amtszeit ist eine Kette solcher zunehmend geschmacklos inszenierter Nichtereignisse. Selbst seine Verdienste – der erste ernsthafte Versuch zur Sanierung des Landeshaushalts, der tapfere Konfrontationskurs mit den Gewerkschaften – drohen darin unterzugehen.

Unvergessen das "mexikanische Tagebuch", das er während einer Dienstreise in Bild veröffentlichte, um seine Meinung zu Mariachi-Musik, Corona-Bier und Azteken-Pyramiden kundzutun, bebildert mit den unvermeidlichen Sombrero-Fotos. Auf einer Konferenz in Thailand stand er im hellen Anzug vor internationalen Wirtschaftsführern und hielt eine geistlose Rede über Berliner Dinge. Bei einem seiner Auftritte in einer Promi-Gameshow bei RTL konnte er Rechenaufgaben für Erstklässler nicht lösen, das Wort "Rhythmus" nicht fehlerfrei buchstabieren und sich partout nicht daran erinnern, im welchem Jahr der Zweite Weltkrieg begonnen hatte. Wenn derselbe Mann sich dann zum 8. Mai am Brandenburger Tor einfindet, um am 60. Jahrestag des Kriegsendes Lehren aus der deutschen Geschichte zu ziehen, wendet man sich lieber vorsorglich ab.