"Wenn am einen Abend die Bayern gewinnen, müssen am nächsten Tag die Finnen siegen." Mit dieser Wunschprognose lag Mercedes-Fan Thomas Gottschalk beim Nürburgringrennen nur beinahe richtig. Denn nach einem insgesamt eher unspektakulärem Autorennen fuhr Fernando Alonso (Renault F1) zum vierten Mal in dieser Saison auf den ersten Platz. Diesen verdankte er dem in der allerletzten Runde durch einen Reifenschaden ausgeschiedenen Mercedesfahrer Kimi Raikkönnen. Vor allem Lokalheld Nick Heidfeld begeisterte Fans sowie sein BMW Williams-Team mit seiner Pole Position-Premiere und einem schließlich zweiten Podestplatz vor Rubens Barrichello (Ferrari).

Bei 24 Grad versammelten sich 112.000 Zuschauer an der Eifelstrecke, darunter der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, Tennisstar Boris Becker und Moderatorin Verona Pooth (ehemalige Feldbusch). Für Boris Becker zählt stets die letzte Viertelstunde vor einem Start zu den "schönsten Momenten", weil alle herumflitzen und die Stimmung auf dem absoluten Siedepunkt sei. Wie auch Thomas Gottschalk favorisierte Becker den Mercedesfahrer Kimi Raikkönnen, der vom zweiten Platz an den Start ging. Die privat BMW-fahrende Verona Pooth drückte unterstützt von den meisten Fans dem derzeit besten deutschen Fahrer die Daumen: Quick Nick Heidfeld.

Startkarambolagen und andere Ausrutscher

Dieser verlor jedoch die erste Frontplatzierung seiner Laufbahn direkt in der Startkurve an den schnelleren Kimi Raikönnen. Nach einer kleinen Massenkarambolage zwischen Fernando Alonso und Juan Pablo Montoya (McLaren Mercedes) schied Mark Webber (BMW-Williams) aus und Ralf Schumachers Toyota musste sich bei einem unplanmäßigen Boxenstopp einen neuen Frontspoiler holen; außerdem verlor er dabei seinen 8. Platz. Sein Bruder Michael Schumacher startete von Platz zwölf und rangierte bedingt durch die Crashs mit seinem Ferrari zeitweise sogar nur im hinteren Mittelfeld auf Platz siebzehn.

Nach der Aufregung am Start bot das Rennen viele Ausrutscher in Kiesbetten, über Streckenbegrenzungen sowie über Gras. Da nach geändertem Regelement nur noch mit einem Reifensatz pro Qualifying und Rennen gefahren werden darf, wurden die Reifen während der heißen Asphalttemperaturen von bis zu 50 Grad äußerst stark beansprucht. Doch während alle Drehungen und unfreiwilligen Umwege lediglich Sekundenverluste bedeuteten, kämpfte Kimi Raikkönnen als Spitzenfahrer die Hälfte des Rennens mit einem Bremsplatten am Vorderrad, den er sich durch einen Ausflug ins Kiesbett holte. Ralf Schumacher "Wir hatten Probleme damit seit 30 Runden", erklärte McLarens Teamchef Ron Dennis, "wir dachten, wir bekommen das hin."
Leider platzte ausgerechnet in der letzten Runde und damit fünf Kilometer vor dem Ziel der rechte Vorderreifen, der jedoch dank Sicherungskette nicht durch die Luft geschleudert wurde. Aber Kimi Raikkönnen verlor wichtige zehn Siegpunkte, um auf Fernando Alonso aufzuschließen. Mercedes-Sportchef Norbert Haug sagte nach dem Rennen: "Ein Sieg wäre gerecht gewesen, es war ein grandioses Rennen von Kimi. Aber so ist der Rennsport. Natürlich kann es sein, dass so eine Geschichte am Ende die WM entscheidet." Trotz Sicherheitsbefestigung der Reifen bedeutet der Bremsplatten und die gerissene Radaufhängung eine unberechenbare Gefahr für Raikkönnen. Bei Tempo 250 krachte er direkt vor der Mercedestribüne in die Absperrung. Nur bei erheblicher Reifenbeschädigung darf das Team einen neuen Reifensatz aufziehen. "Wir haben uns bei der FIA erkundigt, ob wird Reifen wechseln dürfen. Aber das Regelbuch besagt, dass es nicht erlaubt ist."
Durch den tragischen Ausfall des Mercedesfahrers konnte sich Fernando Alonso über seinen vierten Sieg freuen. Zur letzten Umrundung des Nürburgringparcours schilderte er "Ich war direkt hinter Kimi, als es passierte. Ich musste aufpassen, weil viele kleine Teile auf der Straße lagen. Aber danach war ich natürlich glücklich."

Boxenstop-Strategien und Bruderzwist

Auf der 5,1 Km langen Strecke war neben den Reifenbedingungen auch die Boxenstopstrategie der Rennställe von elementarer Punktebedeutung. Die meisten Teams verließen sich darauf, mit wenig Sprit zu beginnen und mit Hilfe von zwei Stops durchzufahren. Das Red Bull Racing-Team setzte mit ihrer Dreistopstrategie bei David Coulthard genau richtig und sicherte so einen vierten Rang. Auch die Scuderia Ferrari katapultierte Rubens Barrichello mit ihren drei Boxenstops auf einen erfreulichen dritten Podiumsplatz. Der weniger erfolgreiche Ferrarifahrer Michal Schumacher (2-Stops) konnte sich zumindest zwei wichtige Punkte mit einem errungenen Platz Fünf sichern. Doch wird er es in dieser Saison lange nicht mehr so leicht haben, wie er es in den vergangenen Jahren gewohnt war. Sein Bruder und er trennen mittlerweile klar zwischen Punkten und Blutsverwandtschaft und schenken sich keine Zehntelsekunden mehr im Rennwagen. Auch Ferrariteamkollege Rubens Barrichello sieht nicht mehr ein, warum er die ewige Nummer zwei sein sollte. "Nach dem Zwischenfall von Monte Carlo brauche ich ihn nicht mehr als Teamkollegen zu betrachten", erklärt Barrichello zum Überholmanöver von Schumacher, dass Barrichello auf den achten Platz verdrängte. "Ich weiß jetzt, dass er meine Rennlinie nicht respektiert und werde mich dementsprechend verhalten."