Wer sich in der Eisenbahn vergnügen oder unterhalten will, setzt sich bekanntlich selbst als Nichtraucher ins Raucherabteil. Raucher sind gesellige Leute, freundlich und harmlos bis zur Naivität. Man hat ihre 20 Zigaretten so teuer wie ein Pfund Kaffee gemacht. Man hat die Zigarettenpackungen mit traurigen Sprüchen verunziert. Man hat sie aus beheizten Häusern in zugige Toreinfahrten verbannt. Jetzt wird die Zigarettenwerbung verboten, und im Internet stehen alle tausend Gifte einer Zigarette. Die Raucher aber grinsen und stecken sich eine an. Allenfalls sagen sie: "Demnächst verbieten sie auch noch Schokoladenzigaretten, hoho, hihi."

So arglos sind die Raucher! Schokoladenzigaretten sind, streng genommen, die schlimmsten Zigaretten. Sie sehen aus wie echte, haben sogar eine Art Steuermarke, aber keine auf die Gefahren des Rauchens hinweisende Banderole. Dabei wäre die Zielgruppe, die süßmäuligen Kinder, doch mindestens so dringend aufzuklären wie die Großen. Eine amerikanische Studie hat gezeigt, dass Menschen, die als Kinder Schokoladenzigaretten bekamen, später doppelt so häufig rauchen wie solche, die ohne diesen Spaß aufwuchsen. Und jeder 20. Raucher sagt: Die Schokozigarette war schuld. Wer sich hierzulande echte Feinde machen will, biete dem Kind einer Ökoladenkundin eine Schokoladenzigarette an: Verführung zum Rauchen! (Und, eventuell noch schlimmer: Schokolade!)

Perfiderweise heißen sie auch noch Pell Mell, Guitare oder Regent und imitieren das Logo der ähnlich klingenden Marke. Jonathan Klein von der Rochester School of Medicine hat im Jahr 2000 im British Journal of Medicine darauf hingewiesen, dass es doch auffällig sei, dass die sonst so heiklen Logoinhaber die Kopierer in der Süßwarenindustrie niemals rechtlich belangten. Sie halten die Schokozigaretten offenbar für eine willkommene Einstiegsdroge. Und darum ist deren Verbot eben kein Aberwitz und auch kein tauglicher Gegenstand von Stammtischgelächter, sondern demnächst Realität. In der Tobacco Convention der Weltgesundheitsorganisation WHO wird das Verbot empfohlen (Artikel 16.1). Der Rat der Europäischen Union hat ein Verbot 2002 ausdrücklich nahegelegt. Und 2003 erwog die Verbraucherschutzministerin Künast, den Tipp des Rates gesetzlich umzusetzen. Damals wurde sie noch landesweit verspottet. Doch inzwischen gilt auch für die Schokozigarette: Schluss mit lustig! Zu Recht wird es sie genauso treffen wie die Colafläschchen aus Weingummi, die Diabetes vorbereiten. Wie das Malzbier der Jungalkoholiker, die Wasserpistolen werdender Schwerverbrecher und die Spielzeugautos der künftigen Raser und Drängler.

Wie wachsam man sein muss, belegen Forschungen zum psychosozialen Hintergrund des Rauchens. Im Alter von zwei bis sechs Jahren lernen Kinder mit Vorliebe durch Imitation. Die Kinder von Rauchern spielen mit Schokoladenzigaretten, versteht sich. Doch sie stecken sich außerdem in imitierender Absicht Bleistifte in den Mund. Suchtrauchen durch Bleistifte – ein weiterer Fall für Renate Künast, EU und WHO.

Burkhard Strassmann