Kürzlich sah ich in einer Fachzeitschrift folgende Überschrift: "Warum trinken die Deutschen so wenig süße Weine?" Das hätte ich auch gern gewusst und las weiter. Bekam aber keine Antwort, sondern nur Zahlen über den Pro-Kopf-Verbrauch von Wein in den verschiedenen Ländern. Die Antwort auf eine derart wichtige Frage muss man selber rausfinden, da hilft einem keiner. Fragt man den ersten besten in der U-Bahn, sagt der möglicherweise "Weil sie lieber Bier trinken".

Dann ist man an einen überzeugten Biertrinker geraten, der womöglich auch noch Recht hat.

Bevor man einen zweiten Klugscheißer fragt, warum die Deutschen so wenig süße Weine trinken, sollte man die Frage zuerst einmal genau untersuchen. Was heißt da "die Deutschen"? Trinken die Schweizer mehr süße Weine? Oder die Holländer? Keineswegs.

Sie alle – und das gilt auch für Spanier, Italiener und Franzosen – trinken sehr wenig süße Weine. Und ich weiß auch, warum: Weil süße Weine so teuer sind. (Ich nehme an, dass wir uns hier über wirklich gute Süßweine unterhalten, wie Auslesen oder Trockenbeerenauslesen.)

Ich kenne Winzer, bei denen kostet eine halbe Flasche von dem süßen Zeug 80 Euro und mehr. Im Restaurant kommt man locker auf einen doppelten oder dreifachen Preis. Edle Honigsüße, sagt dazu der Kenner. Nicht zum Preis, sondern zu Weinen, die so teuer sind, dass man an ihrer Stelle drei ausgewachsene Flaschen Riesling trinken kann, der alles andere ist als honigsüß, sondern eher sauer. Deshalb also trinken wir so wenig teure süße.

Es gibt noch einen zweiten Grund: Wein wird erfahrungsgemäß von Erwachsenen getrunken. Und Erwachsene mögen honigsüße Getränke nicht besonders. Weil diese den Durst nicht löschen, sondern ihn verstärken. Und nichts fürchten Erwachsene so sehr, wie mit honigverklebtem Mund dazusitzen und den Durst nicht löschen zu können, weil nichts auf dem Tisch steht als Süßwein.

Und es gibt noch einen dritten Grund. Wenn es um die beliebten Weinempfehlungen geht, die in jeder Provinzzeitung zu lesen sind, so sind sich alle Experten einig: Zur Foie gras passt nichts besser als ein süßer Wein.

Dazu möchte ich eine Weihnachtsgeschichte erzählen. Weil Weihnachten der Tag ist, an dem die erwähnte Foie gras tonnenweise in den Esszimmern der Gourmets verzehrt wird. Nicht die Gans, wie wir in unserer beschränkten Weltsicht vermuten, sondern ihre köstliche, zur Terrine verarbeitete Fettleber.

Auch ich hatte mir davon im Elsass einen stattlichen Block gekauft und richtete ihn vor den leuchtenden Augen der Tischgesellschaft auf der mit Kerzen und Tannenzweigen festlich geschmückten Tafel an. Dazu kredenzte ich eine Riesling-Trockenbeerenauslese, und zwar keine halbe Flasche, sondern eine ganze. (Fragen Sie nicht nach dem Preis! Ich habe auch nicht danach gefragt, als sie mir geschenkt wurde.)