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Die Farbe Grau dominierte, als sich am 12. November 1955 in Bonn eine ungewöhnliche Gruppe – die meisten trugen Zivil – in der mit dunklem Tuch ausgeschlagenen Reithalle einfand. Die Worte erklangen: "Wir tragen die Verantwortung gegenüber den uns künftig anvertrauten jungen Staatsbürgern in Uniform." Genau 101 Personen versammelten sich vor dem im feierlichen Stresemann gekleideten Bundesminister für Verteidigung, Theodor Blank. Er übergab den beiden höchsten Generälen, den Generalleutnanten Adolf Heusinger und Hans Speidel, den übrigen Offizieren und sechs Unteroffizieren ihre Ernennungsurkunden. Blank skizzierte das politische Profil einer "neuen Wehrmacht", die "ein gleichberechtigtes Glied der staatlichen Ordnung Deutschlands" sein solle. An der Frontseite der Halle prangte ein fast fünf Meter großes Eisernes Kreuz – Preußens Eisernes Kreuz, zuletzt das Ehrenzeichen der Wehrmacht. Fast alle Anwesenden hatten diesen Orden im Kriegseinsatz erhalten.

War das die Gründungsfeier, mit der alles begann? Es ließen sich durchaus andere Daten finden, 1955 aber ist das historische Jahr, das im Wesentlichen die drei charakteristischen Perspektiven der Bundeswehr entfaltete. Wie der anfänglich noch unbestimmte Name der Streitkräfte, "neue Wehrmacht", schon zeigt, war sie erstens mit der deutschen Geschichte aufs engste verbunden, namentlich mit der Geschichte der alten Wehrmacht. Deren Kapitulation im Jahr 1945 aber gab zweitens der Koalition der Siegermächte den Weg frei; diese begleiteten und kanalisierten auf Dauer die Entwicklung der Bundeswehr. Schließlich veranlasste drittens die Demokratisierung Deutschlands das Militär, sich den rechtsstaatlichen und freiheitlichen Normen des Grundgesetzes zu unterwerfen.

Die alte Militärelite hatte sich pragmatisch angepasst; für sie gab es keine "Stunde Null". Sie kooperierte mit dem Kanzler, der bis 1955 die Kompetenzen für Außenpolitik, Sicherheit und für die Kontakte zu den Besatzungsmächten ausübte. Zu seinem Berater in Sicherheitsfragen hatte Adenauer Anfang 1950 Gerhard Graf Schwerin berufen, nicht ohne sich vorher bei den Alliierten abgesichert zu haben. Der Panzergeneral war gegen alle Vorwürfe gefeit, da seine Familie am 20. Juli 1944 beteiligt war. Das Büro Schwerin wurde Monate später in Zentrale für Heimatdienst umbenannt: Sicherheitspolitik organisierte man damals verdeckt. Aus nichtigem Anlass wurde Schwerin von Adenauer entlassen und durch Theodor Blank ersetzt, damit dieser an der Geheimplanung weiterarbeite.

Daneben hielt sich Adenauer eine informelle Beratungsgruppe. Die Generäle Heusinger und Speidel rangierten ganz oben auf der Liste, gefolgt von Reinhard Gehlen, Erich von Manstein, Friedrich Ruge, Hermann Foertsch, Hasso von Manteuffel und anderen. Speidel, Manstein und Manteuffel galten als inoffizielle Sprecher der ehemaligen Generäle. Schwerin hatte den Anspruch dieser Gruppe sehr wohl erkannt, "als Keimzelle des Führungsstabes der neuen deutschen Wehrmacht zu gelten", ohne dass es eine Rolle spielen sollte, dass sich unter ihnen viele ehemalige Anhänger Adolf Hitlers befanden. Sie würden ausgerechnet diejenigen Offiziere "als Landesverräter diffamieren", die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet hatten, kritisierte er.

Für die alte Militärelite gab es keine "Stunde Null"

Das offizielle Startzeichen für deutsch-alliierte Gespräche über die Aufrüstung wurde nach Beginn des Korea-Krieges am 29. August 1950 gegeben, als Adenauer dem amerikanischen Hohen Kommissar, John McCloy, zwei Denkschriften übergab, in denen das kardinale Junktim der Bundesregierung aufgestellt wurde: Gewährung der politischen Gleichberechtigung gegen Übernahme eines Beitrags zur westlichen Verteidigung. Die drei Außenminister der westlichen Alliierten sprachen sich am 19. September für eine deutsche Beteiligung an einer "integrierten Streitmacht zur Verteidigung der Freiheit" aus. Nun gab das Kanzleramt einigen hochrangigen Militärexperten den Planungsauftrag für die "neue Wehrmacht". Deren Denkschrift wurde am 6. Oktober 1950 in Himmerod fertig gestellt. Die Abgeschiedenheit der alten Zisterzienserabtei in der Eifel schien geeignet, die Geheimhaltung sicherzustellen.

Die Himmeroder Weichenstellung war sensationell: Die Militärelite des Ostfeldzugs konnte die Bewaffnung der westlichen Besatzungszonen konzipieren. Die operativen Maximen des Generalstabs der vierziger Jahre standen im Zentrum einer europaweiten "Gesamtverteidigung von den Dardanellen bis nach Skandinavien". Eine klassische Massenarmee modernen Typs, hoch motorisiert und technisiert, wurde entworfen, mobilisierbar zu drei operativen Armeen. Die Denkschrift sah eine Verteidigung "von vornherein offensiv" vor: Interventionen im Hinterland des Gegners, sogar mit Atombomben. Der Geist des Vernichtungskriegs ging wieder um, erweckte aber im Kalten Krieg keinen Verdacht, vergangenheitsbelastet oder gar außenpolitisch revisionistisch zu sein.

Die alte Militärelite legte in Himmerod auch die Linien der Vergangenheitspolitik fest. Sie verlangte die "Einstellung der Diffamierung" der Wehrmacht und der Waffen-SS, um stattdessen durch eine politische Ehrenerklärung den deutschen Soldaten zu rehabilitieren. Alte Sprachfiguren wie Wehrwille, Wehrkraft und wahres Soldatentum wurden bemüht. Das war der Preis, der für die Bereitschaft der Hitler-Generäle zur Mitarbeit gezahlt werden sollte.

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Die Denkschrift formulierte auch Normen der Militärreform. Als Anwalt einer demokratischen Verfassung hatte Schwerin den ehemaligen Offizier Wolf Graf von Baudissin (1907 bis 1993) in die Beratung geschickt. Hatte die versammelte Runde im Kloster zunächst seinem Ansinnen Beifall gezollt, die "neue Wehrmacht" in die preußische Tradition zu stellen, folgte abrupt Ernüchterung, weil Baudissin für die liberal-demokratische Reform des Militärs der Bonner Republik den alten programmatischen Begriff vom "Staatsbürger in Uniform" aufgriff, damit Staats- und Gesellschaftsverfassung auch im Militär Geltung fänden. Der Vorsitzende des Ausschusses von Himmerod konnte kaum Gefallen daran finden. In seinem Bekennerbuch – Die Wehrmacht im nationalsozialistischen Staat – hatte er selbst der Reichswehr den Weg ins NS-Regime gewiesen, den Eid des "unbedingten Gehorsams" auf die Person des "Führers" formuliert und seit 1942 das "Innere Gefüge" der Wehrmacht geformt. Hermann Foertsch, Infanteriegeneral, war keineswegs gewillt, sich von einem Major i. G. etwas sagen zu lassen. Erst die Drohung Baudissins, das Dokument nicht zu unterzeichnen, erzwang das Zugeständnis, den Text an wenigen Stellen zu ergänzen. So etwa, dass "ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht heute grundlegend Neues zu schaffen" sei, und: "Das deutsche Kontingent darf nicht ›Staat im Staate‹ werden." Das also war der Gründungskompromiss der Bundeswehr, der die unvereinbaren Positionen der Reformer und Traditionalisten vordergründig zusammenführte. Diese Front sollte in der Geschichte der Bundeswehr seither immer wieder geräuschvoll hervortreten.

Die Himmeroder Denkschrift wurde im Kanzleramt als streng geheimer Masterplan für die Aufrüstung gehandelt. Dieses verdeckte, am Parlament vorbei geschmiedete Bündnis der Exekutive – Politik und Militär – ist keineswegs eine Bagatelle der parlamentarischen Geschichte der Bonner Republik.

Die Alliierten hatten ihre Lektion aus Weimar allerdings gelernt: Die mit Bedacht wegen des Nato-Beitritts der Deutschen im Oktober 1954 aufgebaute integrierte Kommandostruktur garantierte, dass die Bundeswehr alle ihre einsatzfähigen Truppen dem Bündnis unterstellte und nicht durch deutsche Offiziere eigenständig geführt werden konnte. Die Deutschen durften auch keinen Generalstab bilden; die Befehls- und Kommandogewalt verblieb in angloamerikanischer Hand, wie das Umlaufverfahren geheimer Akten mit dem Label "For American Eyes Only" zeigte.

Die binnenstaatliche Kodifizierung des Primats von Parlament und Politik wiederum gelang in der Wehrgesetzgebung der jungen Republik. Die Einordnung der Bundeswehr in das republikanische Regierungssystem von Bonn übertrug die Wertordnung des Grundgesetzes auf das Militär.

Auf diesem Weg ist bis zum Jubiläumsjahr 2005 eine neue Armee entstanden, in der Zivilität, Internationalität und demokratische Konformität Beachtung finden. Doch im System von Militär und Ministerium gibt es nach wie vor Widerstand gegen Reformen, jetzt auch gegen solche, die entlang der neuen Aufgaben in der Zeit nach dem Kalten Krieg entworfen werden. Die Armee ist von Interessenkonflikten durchzogen, beispielsweise zwischen den Teilstreitkräften (Heer, Marine, Luftwaffe) und, innerhalb derselben, zwischen den Waffengattungen. Ob Kämpferkult oder rechtslastige Vorbildpflege im militärischen Milieu auftauchen, ob das Profil des Berufes oder die Offenheit zur Gesellschaft zur Debatte steht, Identität wird immer wieder über den Mythos von der sauberen Wehrmacht gesucht.

Ein altes Motiv kehrt wieder: Soldaten als Werkzeuge staatlicher Macht

Bis heute hat die Armee keine vollständige Klarheit über sich selbst gefunden.

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Und die Bundeswehr von heute braucht wieder eine innere Reform. Wer die "Transformation" der Armee betreibt, damit sie den neuen politischen Herausforderungen gerecht wird, muss zum einen die Pluralität der Gesellschaft auch im Militär wollen (beispielsweise in der Personal- und Rekrutierungspolitik), zum anderen das militäreigene Bildungswesen von Grund auf reformieren und, schließlich, die Werte der "Inneren Führung" überall in der Truppe durchsetzen.

Zudem müssen Legalität und Legitimität der internationalen Rolle der Armee diskutiert und geklärt werden.

Deutlich wird zurzeit wieder ein Leitmotiv bundesdeutscher Militärpolitik: ihr machtpolitischer Charakter. Schon Adenauer suchte 1950 mit Hilfe der militärischen Option die Handlungspotenziale Deutschlands zu erweitern. Diente die Bundeswehr 1950 in Himmerod und 1955 in Bonn dazu, Einfluss und Macht des Staates zu erweitern, so gilt das für die Berliner Republik von 2005 ebenfalls.

Der Autor arbeitet als Historiker in München und ist Autor des soeben erschienenen Buches "Die Bundeswehr – Eine kritische Geschichte" (Verlag C. H. Beck, München 2005; 232 S., 12,90 €)