Konigsberg, oder Königsperg, Künigsperg, Kunigsberg, Kinsberg, Kinzperg, Lat. Regiomontium … , Fr. Royalmont, Poln. Crolewiec oder Kroleffski, Krolowgorod, Krolowgrod , ist die Haupt= Stadt des Königreichs Preußen und eine von denen größten, reichsten und schönsten Städten in Europa…" So beginnt ein Eintrag im Zedler, der großen Enzyklopädie der deutschen Aufklärung. Es ist nur ein Lexikonartikel, aber er liest sich wie eine Liebeserklärung, eine Huldigung an den Geist einer Stadt, die verschwunden ist in den Jahren nach 1945. Und die doch weiterlebt, heute, im Jahre 750 nach ihrer Gründung, in neuem Gewand und ausgerechnet unter dem Namen eines russischen Revolutionärs, der zum stalinistischen Funktionär verkam: Kaliningrad.

Erinnerungen an Königsberg, Streifzüge durch die Stadt und ihre Geschichten, könnten aber auch ganz anders beginnen. Ganz preußisch nüchtern, ganz prosaisch. Da trifft, irgendwann in den zwanziger Jahren, der preußische Landwirtschaftsminister auf seiner ersten Dienstreise nach Königsberg im Zug auf zwei gestandene Landwirte. "Ich bin zum erstenmal in Ostpreußen", gesteht er etwas eingeschüchtert. "Was muß ich denn unbedingt wissen?" Die Antwort: "Erstens müssen Se wissen dem Hengst Tempelhüter. Zweitens müssen Se wissen dem Bullen Anton. Drittens müssen Se wissen dem Kant." Dann nach einer Weile: "Wenn Se aber noch wissen dem Hengst Pythagoras, dann brauchen Se sich dem Kant gar nicht zu merken."

Doch wie man auch beginnen mag, poetisch oder prosaisch, mit dem weltläufigen oder dem provinziellen Königsberg – für die Kaliningrader ist beides Geschichte. Anton und Tempelhüter sind ihnen unbekannte Wesen, auch wenn dieser, in Bronze gegossen, vor einem landwirtschaftlichen Institut in Moskau steht und von der Schönheit der Trakehner Pferde zeugt.

Nur Kant, Immanuel, 1724 bis 1804, dem wissen auch sie. Er ist so etwas wie ein Pop-Idol der Stadt, ihr Schutzpatron. Sein Grabdenkmal am Dom, 1924 von dem Industriellen Hugo Stinnes gestiftet, hat wie durch ein Wunder den Krieg unversehrt überstanden. Immer liegen Blumen davor, Brautpaare lassen sich hier fotografieren. In diesen Tagen soll auch die Universität den Namen des großen Aufklärers erhalten. "Wenn ihr denn meint, Leutchen", scheint Kant, den Dreispitz in der Hand, die andere leicht erhoben, von seinem Sockel herab zu murmeln. Der große Rauch entwarf dieses Denkmal aus Bronze, seit 1992 steht ein Nachguss wieder vor der Universität. Grün leuchten die Kastanien.

Die Russen scheinen schon immer ein Faible für Königsberg gehabt zu haben. Während des Siebenjährigen Krieges zogen sie nach der Schlacht bei Jägersdorf in die Stadt ein. Es war ein schöner klarer Januartag im Jahr 1758. Alles säumte die Straßen, und die Honoratioren nebst dem Adel machten dem neuen Herrn ihre Aufwartung und fanden nichts Verwerfliches daran, der Zarin Treue zu schwören, just am Geburtstag des preußischen Königs. Der russische Adler ersetzte fortan den preußischen; Friedrich der Große aber war über die Illoyalität seiner Ostpreußen so indigniert, dass er zeitlebens Königsberg mied.

Der neue Gouverneur, ein Baron Korff, brachte Leben in die beschauliche Stadt, sein Dolmetscher, Leutnant Andrej Balatow, wusste davon anschaulich zu berichten. "Von überall her reisten die besten Musikanten heran; fast für jeden neuen Ball wurden neue Musikanten und Tänze vorgeführt. Kurz gesagt, alles Neue und Gute musste man bei uns gesehen haben, und man kann mit Gewissheit sagen, dass die preußischen Einwohner seit den Anfängen ihres Königtums in ihrer Hauptstadt niemals Prunk, Spaß und Vergnügen in solchem Ausmaß gesehen haben und kaum jemals wieder sehen sollten."

Die Sitten lockerten sich, es wurde viel Punsch getrunken, auf der Straße geraucht, und die Damen zeigten Dekolleté. "Die pedantische Prüderie des pietistischen Lebensstils", berichtet Kurt Stavenhagen 1949 in seinem Büchlein Kant und Königsberg , "wurde zerbrochen und wich einem freieren Anstandston. Man hat mit Recht von einer Emanzipation der bisher klösterlich eingeengten Frauenwelt der Stadt gesprochen. Man sah jetzt junge Damen, die sich bisher nicht am Fenster und nicht sans cortège einer älteren Begleiterin auf der Straße zeigen durften, unter Schellengeläut im Schlitten und dem hinter ihr auf dem Trittbrett stehenden Kavalier causierend und coquettierend im östlichen Tempo [in gestrecktem Galopp] den Steindamm [heute Leninprospekt] herauf- und herunterjagen. Man sah die Damen im Auditorium maximum der Albertina zu den öffentlichen Sitzungen und, was die Alten besonders echauffierte, in der Comedie und sogar auf Maskeraden mit Offizieren erscheinen. Natürlich ergaben sich dabei Affairen, die Stoff für die chronique scandaleuse waren."

Die Ehescheidungen nahmen zu, und manch eine Schöne folgte ihrem Gardeoffizier nach St.Petersburg. Der Rubel rollte, im eigentlichen Sinne des Wortes, die Kaufleute verdienten gut an den Heereslieferungen. Etwa fünf Jahre währte die Russenzeit, bis zum Tod der Zarin 1762. Es waren goldene Jahre! Selbst die Universität florierte. In Kants Vorlesungen saßen russische Offiziere. Die Hörgelder flossen. Der vielseitige Aufklärer las über Festungsbau und Pyrotechnik. Auch Edelleute aus dem Zarenreich schrieben sich in der Albertina ein, wesentlich mehr als in den Jahren vor dem Krieg.

Seit zwei Jahren steht am westlichsten Punkt des heutigen Russland, in Baltijsk (das früher Pillau hieß und Königsbergs vorgelagerter Hafen war), ein Denkmal: eine Riesin auf einem mächtigen Ross, Zarin Elisabeth. Zu ihren Lebzeiten ist sie nie in Königsberg gewesen. Doch während ihrer Regentschaft wurde die preußische Stadt das Tor zum Westen für die einen, das Tor zum Osten für die anderen. Ein historischer Moment, an den Kaliningrad gern wieder anknüpfen möchte.