Die Mittagssonne brennt, der Schweiß juckt im Nacken. Wir biegen in einen Feldweg ein, steigen noch einmal kräftig in die Pedale, den Hügel hoch, dann ist Picknickpause. Unter dem Vordach der kleinen Kapelle São Marcos hat Martin schon auf dem Steinbänkchen die Pappteller arrangiert: ein halbes Dutzend Käsesorten von Schaf, Ziege und Kuh, Schinkenröllchen, eine Schüssel mit Salat, Weißbrot, Rotwein aus der Region. Mit einem Glas Portwein als Aperitif stoßen wir an. Zum Wohl! Kaum einer redet, man isst und trinkt und genießt den beschaulichen Rastplatz, den Blick auf die Bauernhäuser mit ihren roten Dachziegeln, das weinüberrankte, zerfallene Mäuerchen, das Grün der Wiesen und Hügel.

Nachher wollen wir noch zur Burg von Évoramonte hinauf. Ausnahmsweise zu Fuß, der Weg ist so beschwerlich. Eigentlich sind wir zum Radfahren in den Alentejo gekommen. "Eine Reise leichter bis mittlerer Anforderung" heißt es im Katalog, 22 Kilometer ist die kürzeste, 43 die längste Tagesetappe. Wir, das sind 13 Damen und Herren im besten Alter zwischen 50 und 70, fünf Ehepaare, drei Partnerlose. Martin und Julia begleiten uns, beide aus Tirol, beide jung und fesch. Martin ist für Radtechnik und Pannenhilfe zuständig, steuert das Begleitfahrzeug mit Hänger, auf das die Räder abends verladen werden. Julia, die Reiseleiterin, bringt uns Landschaft und Kultur nahe.

Vorgestern noch waren wir in Lissabon. Lissabon light ist der Prolog unserer Radtour mit dem Veranstalter Rotalis. Wir spazieren durch die schachbrettartig angelegte Baixa, die Unterstadt, rattern wie alle Touristen in der Eléctrico 28 die verwinkelte Alfama rauf und runter, werfen schließlich einen Blick in die mächtige Kathedrale. Dann bringt uns die Fähre über den Tejo und ein Kleinbus über die Autobahn in das Land jenseits des Tejo, além-Tejo.

Die Räder, die wir in Santiago do Escoural in Empfang nehmen, überzeugen auf den ersten Blick: Sieben-Gang-Nabenschaltung mit Rücktrittbremse, bruchsichere Edelstahlfelgen. Alle Räder unterscheiden sich farblich voneinander, obendrein verteilt Martin bunte Gepäcktaschen und Stoffüberzüge für den Sattel, damit jeder sein Gefährt wiedererkennt. Nur eine einzige Radlerin trägt sicherheitshalber einen Sturzhelm. "Boa viagem", gute Reise, wünscht uns ein alter Mann am Straßenrand und zieht zum Gruß seine Schirmmütze. 207 Kilometer liegen vor uns.

Julia radelt im Rotalis-Tempo, gefühlten zwölf Kilometern pro Stunde, vorneweg. Auf ruhigen Asphaltsträßchen geht es leicht auf und ab und zügig voran. Weite Ebenen und sanfte Hügel prägen den Landstrich zwischen Lissabon und der spanischen Grenze. Weizenfelder, im Frühling von Mohnblumen rot, wechseln mit erodierten Brachflächen, unter den immergrünen, steinalten Korkeichen weiden Rinder- und Schafherden, dazwischen schieben sich Olivenhaine und kleine Weingärten, zunehmend auch Eukalyptuswälder, hässlich anzuschauen, aber profitabel für die Papierbarone, die diesen schnell wachsenden Rohstoff schätzen. Der Alentejo ist ein karges Agrarland, die größte, ärmste und am dünnsten besiedelte Region Portugals; der Alentejaner gilt als hart wie der Boden und die Natur seiner Heimat.

Das Museumsstädtchen Évora ist die Kapitale des Alentejo. Zu der von einer Ringmauer umgebenen mittelalterlichen Altstadt passt das Kopfsteinpflaster, auf dem wir durch die Gassen holpern. Nach 30 Tageskilometern sind wir reif fürs Kloster. Die Pousada dos Lóios ist ein ehemaliger Konvent aus dem 15. Jahrhundert. Martin hat die Koffer schon in die kühlen, mit schwerem Nussbaummobiliar ausgestatteten Mönchszellen gebracht. Deckenfresken und Gobelins, Granittreppen mit Marmorgeländer und blau-weiße azulejos zieren das Hotel-Kloster. Frisch geduscht, dinieren wir im Kerzenschein, der aus schweren Kandelabern auf die lange Tafel im Kreuzgang fällt.

Es ist der Vorabend des 25. April, des portugiesischen Nationalfeiertags zum Gedenken an die Nelkenrevolution, die 1974 die Diktatur beendete. Einige Radler spazieren zum arkadengesäumten Giraldo-Platz, auf dem halb Évora feiert. Unter dem Tribünendach singt João Afonso herzzerreißende Balladen. Als ein Chor um 23.59 Uhr das Lied Grândola vila morena, die Hymne der Revolution, anstimmt, viele Zuschauer ergriffen mitsingen und dabei rote Nelken hochrecken, als dann ein Feuerwerk den Nachthimmel verzaubert, da liegen die Radler schon selig in den Klosterbetten.

Die verflixte Weihrauchallergie! Einer der Radler flüchtet aus der romanisch-gotischen Kathedrale mit der Statue der schwangeren Maria. Im Zeitraffer rast unsere Stadtführerin durch die Évora-Geschichte. Auf Römer folgten Westgoten, auf die Mauren die Reconquista durch den Raubritter Geraldo Sem-Pavor, Gerhard Ohnefurcht, später kamen spanische Belagerer und französische Invasoren. Vor allem bleibt die Capela dos Ossos im Gedächtnis haften, das Beinhaus des einstigen Franziskaner-Gotteshauses, "wir Knochen warten auf die euren" steht einladend über dem Eingang. Drinnen dekorieren 5000 Gebeine und Totenschädel die Wände, Türen und Säulen.