Eigentlich braucht man nicht mehr als einen Stein, um die Geschichte des Arnhemlandes und seiner Bewohner zu erzählen. Glatt und schwer liegt er in der Hand, zwei Seiten zu einer messerscharfen Klinge geschlagen, grob und fein zugleich. Er schmiegt sich in den Handballen, und die Finger umschließen ihn, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Welten entfernt ist man in diesem Augenblick vom Australien der Wolkenkratzer, der Olympischen Spiele und des Wirtschaftsbooms – und doch in seinem Herzen angekommen. Es ist das Ende einer langen Fahrt, die im Norden der Northern Territories begann, im Outback-Kaff Katherine, wo die Bars Last Chance heißen und wo die Aborigines auf dem begrünten Mittelstreifen der vierspurigen Hauptstraße ihren Rausch ausschlafen. Und es ist der Beginn einer langen Reise.

Dicht gedrängt sitzen wir auf der Rückbank des Geländewagens, der breit und schwer ist wie ein Panzer. Am Steuer François Giner, ein Franzose, der mitten im Arnhemland lebt und dort sein Bodeidei Camp aufgebaut hat. Er trägt nur Shorts und Lederschuhe mit Gamaschen über den Knöcheln, um die Hüfte eine 44er Magnum und am Gürtel ein Messer. Auf der Nase sitzt eine schmale Lesebrille. Er ist 62, aber das sieht man ihm nicht an.

Neben uns schaukeln der Proviant für die nächste Woche und fünf Aborigines, die Giner in Katherine aufgelesen hat, " sick of town ", wie einer von ihnen rief. Zusammen fahren wir den Central Arnhem Highway hinauf, noch weiter in den Norden. Krumme Eukalyptusbäume und Büsche stehen am Straßenrand, erst gelb und grau, später dann tiefgrün. Eine Herde von Wildpferden grast am Straßenrand. Als wir uns nähern, galoppieren sie aufgeschreckt davon.

Kaum ein Auto kommt uns entgegen. Das Arnhemland ist nur an den Rändern besiedelt und in seinem Inneren undurchdringlich und menschenleer. Hier wird nichts angebaut und nichts hergestellt, die einzige Industrie sind ein paar Bauxitminen an der Küste. Bis dorthin erstreckt sich ein Sandsteinplateau über 80000 Quadratkilometer, unzählige Regenzeiten haben tiefe Schluchten aus ihm gewaschen, es ist übersät mit jahrtausendealten Felszeichnungen, Höhlen und heiligen Plätzen. Eine Welt, in der man das beklemmende Gefühl hat, ein Eindringling zu sein, denn sie gehört den Aborigines. Rund 20000 von ihnen leben hier wieder, seit die australische Regierung sie 1976 als Eigentümer des Landes anerkannt hat. Sie sind zurückgekehrt aus den Städten und von den Rinderfarmen, auf die man sie zum Arbeiten gebracht hatte. Es ist das größte zusammenhängende Gebiet im Besitz der Ureinwohner. Und ohne Genehmigung darf kein Fremder hinein.

Wir biegen von der Hauptstraße ab, der schmale Asphaltstrich geht in ein Stück festgestampfter roter Erde über, bald darauf passieren wir den letzten Laden mit zwei verrosteten Zapfsäulen, dahinter rinnt ein Bach über die Straße. Wir fahren hindurch und haben, ohne es zu bemerken, die Grenze zum Arnhemland überschritten. Immer weiter geht es, die Schlaglöcher werden immer tiefer und das Gras wird immer höher, dann sind wir da: angekommen an der "Quelle", in Bodeidei.

Dicht stehen Eukalyptusbäume, Palmen und Akazien, weit herab senken sich ihre Äste, zwischen den Stämmen ist das Gras kopfhoch geschossen. Es scheint, als hätte sich die Natur wie ein grüner Kokon um das Camp gesponnen. Fast unsichtbar wirken die offenen Zelte mit ihren Fliegengittern und im Wind wehenden Vorhängen, begrenzt nur durch einen kniehohen Saum aus Sandstein. Man könnte meinen, ein Jahrtausende währender Evolutionsprozess hätte sie so perfekt ihrer Umgebung angepasst. In der Nacht verwischen die Grenzen zwischen drinnen und draußen. Der warme Wind streicht über die Haut, irgendwo schreit ein wilder Esel, und in den Ecken des Zeltes starren Frösche stumm den Mond an. Fledermäuse gleiten durch die Dunkelheit, kurz und heftig prasselt der Regen aufs Dach, am Morgen weckt uns die Hitze.

" Magique " ist das Lieblingswort von Giner, und es gibt vielleicht wirklich kein besseres Wort für diesen Platz. Man flüstert es in sich hinein, wenn man beim Aufwachen, ohne den Kopf zu heben, einen Kakaduschwarm in den Baumkronen herumhüpfen sieht. Wenn man den Kopf ein bisschen wendet und an den Sandsteinmauern die Bilder von Geckos und Schlangen, Kängurus und Schildkröten tanzen sieht, die Menschen auf der Jagd, mit Speeren und am Lagerfeuer. Gemalt in Ocker und Blutrot, Schwarz und Weiß. Es sind die Farben der Aborigines. Sie haben alle Wände des Camps mit den Tieren ihrer Traumzeit bemalt wie früher die heiligen Plätze in Höhlen und an Felsen. Manche der Bilder sind ein wenig verblasst unter der brennenden Sonne, andere leuchten so frisch und klar, als wäre eben erst der letzte Pinselstrich getrocknet. Dies ist nicht nur Dekoration, sondern Zeugnis einer uralten Kultur – und einer besonderen Freundschaft.