Mein Leben lässt sich grob in vier Phasen gliedern: In der ersten wusste ich noch nichts von Mercedes. In der zweiten liebte ich Mercedes. In der dritten fand ich Mercedes schrecklich. Und in der vierten befinde ich mich heute.

Phase zwei: Ohne Mühen kann ich sämtliche Mercedes-Fahrten meiner Kindheit aufzählen, ich weiß auch, welches Modell die Eltern meiner mir ansonsten völlig aus dem Gedächtnis entschwundenen ehemaligen Mitschülerin Tanja B. fuhren (200D, dunkelgrün). Dann wurde ich älter (Phase drei) und konnte den Mercedes-Autos nicht mehr ganz so unreflektiert hinterherschauen. Ich studierte Umweltschutztechnik in Stuttgart und fand diese Autos das Allerletzte. An meinem WG-Zimmer führte die B27 vorbei, jene Straße, auf der man, wie die Leute dort sagen, zum Daimler kommt. Geweckt wurde ich morgens, wenn der Berufsverkehr unsere Fenster vibrieren ließ, mit meinem Fahrrad fuhr ich sicherheitshalber auf dem Gehweg. Ich sagte sehr gerne: "Diese Stadt wurde für Mercedes gebaut, für das Auto, nicht für den Menschen."

Nun ist auch diese Zeit vorbei. Ich wohne lange nicht mehr in Stuttgart und nähere mich wieder meiner kindlichen Mercedes-Verehrung. Wenn ich eine selbstaufblasende Isomatte brauche, die erlauben soll, dass ich mich nach einer durchzelteten Nacht an mich selbst erinnere, frage ich den Verkäufer: "Sagen Sie mir doch bitte, welches ist der Mercedes unter den selbstaufblasenden Isomatten? Und verkaufen Sie mir bloß nicht den Porsche oder den Bentley. Ich will nur den Mercedes. Nicht mehr und nicht weniger." Meine Freundin hat sich später eine Nicht-Mercedes-Isomatte gekauft. Wir haben inzwischen getauscht, denn ihre Wirbelsäule ist empfindlicher als meine. Also gehört zu meinem Mercedes-Prinzip: Bevor ich mir den Mercedes nicht leisten kann, kaufe ich mir lieber gar nichts. Ich habe auch kein Auto. Nicht weil ich Autos als solche immer noch hasste. Sondern weil ich mir zwar gerade so den Mercedes unter den Isomatten leisten kann, vielleicht auch den unter den Fahrrädern, aber gewiss nicht den Mercedes unter den Autos.

Allerdings praktiziere ich dieses Prinzip in völliger Unkenntnis, ob ein Mercedes überhaupt als Vorbild taugt. Wie schön ist es da, dass ich den Mercedes unter den Mercedessen testen darf, die E-Klasse – die zweitteuerste Baureihe nach der S-Klasse. Wenn ich diese fahre, will ich eigentlich die Antwort auf die Frage finden: Warte ich wirklich auf das richtige Auto, eines, das ich mir vielleicht nie werde kaufen können?

Eins kann ich gleich sagen: Ich fühlte mich wie im Taxi, dem angenehmsten Auto, das ich kenne. Nicht weil fast jedes Taxis noch immer ein Mercedes ist. Sondern weil ich in der E-Klasse wirklich das Gefühl habe, gefahren zu werden.

Meine Fahrgäste? Ebenfalls alle sehr angetan. N. bat mich, an einem Dienstag um Mitternacht, sie noch einmal quer durch die Stadt nach Hause zu fahren. H. und S., die wenige Tage zuvor in Stuttgart geheiratet hatten (ohne Mercedes) und jetzt Berlin besuchten, schlugen mein Angebot, sie zum Hotel zu fahren, nicht aus. Sie saßen hinten, ich steuerte, und auf den Rücksitzen war sehr verliebte Ruhe. Alle meine Freunde stiegen bedenkenlos ein, es waren insgesamt sieben in zwei Wochen, und niemand mokierte sich, niemand sagte etwas Abfälliges über den Mercedes, sondern eher Bewunderndes: das Leder, der Platz, die Lichter, alles! Es schien, als habe der Mercedes als Feindbild ausgedient. Dachte ich.

Manche, die nicht mitfahren durften, reagierten gereizt. Ich sah zum ersten Mal Stinkefinger beim Autofahren, es geschah auf Rügen, als ich mit Tempo 10 an einem Café vorbeifuhr, um auszukundschaften, ob es geöffnet war. Man hört oft davon, dass Mercedes-Fahrer zu schnell fahren auf der Autobahn, darüber regen sich viele auf. Aber noch viel ärgerlicher ist offenbar ein zu langsamer Mercedes.

Und eines Morgens wollte ich zum Auto, aber das stand nicht mehr dort, wo ich es am Abend zuvor hingestellt hatte. Stattdessen war dort ein Umzugslaster. Die Umzugsmänner begrüßten mich: "Sind Sie das mit dem schwarzen Mercedes?" Da rief auch schon eine Nachbarin aus dem Fenster: "Unverschämtheit, wie der da geparkt hat!" Es entbrannte eine Diskussion darüber, ob ich hätte sehen müssen, dass hier ein Umzug geplant war und ob denn das kostenpflichtige Umparken des Autos unbedingt vonnöten war, eine Diskussion, in der ich überschaubar viele Freunde und Unterstützer fand. Als ich bedröppelt zum umgeparkten Auto ging, um zur Arbeit zu fahren, mir das aber nicht gelang, weil sich die Wegfahrsperre eingeschaltet hatte, und ich einigermaßen verzweifelt versuchte, den Anweisungen der Mercedes-Hotline-Stimme am Handy zu folgen, immer wieder ein- und aussteigend, weil das angeblich helfen sollte, hatte sich eine nicht kleine Zahl von Umzugsmännern zum Frühstück auf der Laderampe des Umzugsautos versammelt, und sie lächelten sehr zufrieden in meine Richtung.