Christian Heinrich Spieß:

Biographien der Selbstmörder

Auswahl, hrsg. v. Alexander Kosenina - Wallstein Verlag, Göttingen 2005 - 271 S., Abb., 29,90 e

Es ist seit der Romantik alter schlechter Brauch, die deutsche Aufklärung als verzopfte Vernunftbeterei, als moralisches Geschwätz zu beplärren.

Kenntnisfreier Mumpitz. Denn nichts interessierte die Zeitgenossen Lessings und Lichtenbergs mehr als der Mensch, wie er ist. Dieser Erkenntnisdrang führte zum Beispiel 1783 zur Gründung der ersten individualpsychologischen Zeitschrift der Weltkulturgeschichte, dem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, durch Karl Philipp Moritz. Es trieb aber auch seltsame Blüten wie diese teils kuriose, teils monströse Sammlung von Selbstmörderbiografien, die der Schriftsteller Christian Heinrich Spieß (1755 bis 1799) in vier Bänden zwischen 1785 und 1789 aufgeschrieben hat. Halb Krimi, halb Reportage, mit reichlich Sturm-und-Drang-Sound abgemischt, bedienen seine Novellen in Pillenform, wie manche bizarre Peeptalkshow heute, beides: das Unterhaltungsbedürfnis und das Interesse an der wahren menschlichen Natur.

Ob wir nun von Antonette, der Selbstmörderin aus Liebe, lesen oder von Moretin, dem Selbstmörder aus Amtsverlust, oder von Eleonore Dalheim, der Selbstmörderin aus heiliger Schwärmerey - immer steckt in der Moritat auch die Seelenstudie, in der Moral eine Einsicht über den Menschen, das rätselhafte Tier. Das einzige eben, das die Verzweiflung - wider alle Vernunft - in den Selbstmord treiben kann.