1972 lief das erste der roten Kinderautos in Franken vom Band, seitdem drehen Millionen Kinder auf dem "Rutschauto" ihre Runden. Der Kinder-Volkswagen rollt und rollt und rollt – mittlerweile wurden über 16 Millionen Stück gebaut. Damit ist das BIG Bobbycar mit Abstand das meistverkaufte Kinderauto der Welt. Vater des kleinen Flitzers mit den freundlichen Augen ist der Ingenieur Ernst A. Bettag, Gründer der BIG-Spielwarenfabrik mit dem unkaputtbaren Büffel im Logo. Nach seinem Tod 2003 wurde das Unternehmen in die Fürther Simba-Dickie-Group integriert. Das Prinzip der Plastikautos wurde von vielen Herstellern kopiert, neben Spielzeugherstellern locken vor allem die großen Automobilhersteller mit einer Kopie von Papas Boliden für den Nachwuchs. Doch eine spontane Umfrage auf dem Spielplatz zeigt: Das BIG Bobbycar entspricht in erster Linie den kindlichen Proportionen, die Autofahrer von morgen geben das Lenkrad mit der nervenden Quietscheentchen-Hupe nicht so schnell aus der Hand. Und wenn Papa sich für seinen Wagen noch einen chicen Spoiler gönnt, darf auch Junior sein Auto aufrüsten: Anhänger für Spielzeuglasten, Verkehrsschilder und natürlich der eigene Werkzeugkoffer locken im Spielwarengeschäft. Eltern dagegen statten das Mobil gerne mit "Flüsterrädern" aus, die das typische ratatatatata Fahrgeräusch abmildern und würden es natürlich gerne sehen, wenn die lieben Kleinen die extra von BIG entwickelten Schuhschoner auch benutzen würden – denn so kostet jeder Tag auf dem Bobbycar eine Schuhkappe. Die Sorge mit den durchgewetzten Schuhen teilen die kleinen Fahranfänger mit erwachsenen Männern – und auch ein paar Frauen – die auf ihren getunten Bobbycars um Landesmeisterschaften rasen und wichtige Punkte für die DM sammeln. Saisonauftakt ist jedes Jahr im beschaulichen Sauerland beim großen Preis von "Silbergstone" in Silberg bei Kirchhundem. Während am ersten Renntag die Amateure mit jeder Menge Spaß noch um drei mit Bier gefüllte Bollerwagen fahren, startet am zweiten Tag für die volljährigen Profis das erste von zehn Rennen um die DM. Die Bobbycars, auf denen sie unterwegs sind, erinnern nur noch entfernt an das Kindergefährt. Das einzige, was gemäß dem Reglement des Deutschen Bobby Car Clubs nicht verändert werden darf, ist der Plastikkörper des Cars, der nicht in Einzelteile zerlegt oder künstlich verlängert oder verbreitert werden darf. Flüsterräder sind bei den Rennen nicht mehr angesagt, auf der bis zu 1.000 Meter langen, mit Strohballen gesicherten Strecke dominieren Luftreifen, Kugellager, Kardanlenkung und eigenwillige Karosseriebauten. Entscheidend für das optimale Renncar ist neben den Rädern vor allem die Höhe des Lenkrads, das in der Originalversion für Erwachsene zu niedrig ist, und natürlich ein breiter Rennsitz. Auf der Suche nach den richtigen Tuning-Materialien und Rädern stöbern die Fahrer in Baumärkten, Sanitätsfachgeschäften oder auch im Babymarkt – luftbereifte Kinderwagenreifen machen so manches Car zum ganz heißen Flitzer.Auch optisch werden die Spielzeugautos herausgeputzt und den echten PS-starken Rennwagen von Ferrari & Co angepasst: Mit Airbrush-Technik und Lack erhält jedes sein individuelles Outfit, außerdem müssen natürlich die Logos der Sponsoren – vom örtlichen Klempner bis zur Brauerei Krombacher - an prominenter Stelle angebracht werden.Das entsprechende Tuning übersteigt das Taschengeldbudget bei Weitem – bis aus dem Kinderauto für rund 30 Euro bis ein echtes Renncar geworden ist, sind schnell 1.000 Euro investiert. Dazu kommt noch das richtige Outfit für den Fahrer: Motorradhelm und Lederbekleidung sind für die Profis Pflicht, außerdem darf erst nach dem Rennen zum Bier gegriffen werden. Auf den aufgemotzten Flitzern erreichen die Fahrer bei den Downhill-Rennen bis zu 100 km/h – ohne Motor oder andere Hilfsantriebe. Gestartet wird paarweise von einer Rampe aus, die weitere Beschleunigung erhält das Bobbycar durch das Gefälle der Strecke. Die Rennpiste ist bis zu 1.000 Meter lang und asphaltiert, die Fahrer dürfen sich nicht mit den Füßen abstoßen um mehr Schwung zu erhalten. So entscheiden Taktik, Fahrkünste und eine möglichst aerodynamische Haltung über die Plätze auf dem Siegertreppchen. Ähnlich wie beim Rennrodeln liegen die Beine der "Pampers-Piloten" parallel zum Lenkrad auf, der Körper wird so flach wie möglich nach hinten gestreckt. Wer auf der abschüssigen Strecke bremst, verliert – nicht nur die Sohlen der Schuhe leiden unter dem Abrieb, das kleine Geschoss wird schwer lenkbar und befördert seinen Fahrer geradewegs Richtung Strohballen. Begonnen hat alles vor 12 Jahren als – wie könnte es anders sein – Schnapsidee. Uwe Wagner, Vorsitzender des Bobby Car Club Deutschland , erzählt: "Am Vatertag haben wir mal die Autos der Kinder ausprobiert, und nachdem wir uns Mut angetrunken haben, sind wir in Kirchhundem den Silberg runtergerauscht." Damit war die Idee geboren, durch einen Auftritt in der Fernsehshow "Geld oder Liebe" wurde der Funsport populär und der Club, der die Rennen ausrichtet und über die Einhaltung des Reglements wacht, gegründet. Rund 600 Fahrer haben den Spaß an der Formel 1 für Jedermann ohne Motorenlärm und Benzingeruch für sich entdeckt, um den Nachwuchs muss sich der Club keine Sorgen machen – bei den Rennen gibt es auch Pisten und Parcours für die eigentliche Bobbycar-Zielgruppe auf den unmodifizierten Cars. Wer anstelle von Nürburgring und Monaco als Zuschauer Rennatmosphäre mit Lokalmatadoren zum Anfassen schnuppern möchte, stellt sich in den weltbekannten Bobbycar-Hochburgen Silberg, Coburg oder Rüsswihl an die Piste. Als nächste Herausforderung lockt der Große Preis der Mittel Mosel in Bernkastel-Kues vom 10. bis 12. Juni.