Wenn Freunde eine neue Brille tragen und wenn Länder neue Regierungen bekommen, gilt in beiden Fällen: Man muss sich erst mal dran gewöhnen. Wenn Deutschland im Herbst eine neue Regierung bekommen sollte, wovon wir fortan in dieser Serie unseriöserweise ausgehen, müsste man sich auch an eine neue Brille gewöhnen: die rahmenlose. Stoiber, Westerwelle, Wulff, Rüttgers, von Klaeden – sie alle bevorzugen Modelle dieses Typs. Nun kann man sagen, eine Brille ist eine Brille. Aber diese hier ist eine Ankündigung. Die Rahmenlosen wollen sagen: Wir sind keine verkopften Intellektuellen, wir sind rationell und effizient. Denn die Brille verzichtet auf alles Überflüssige. Womöglich suggeriert sie, weil kein Rahmen das Blickfeld einschränkt: Wir haben die bessere Sicht auf die Probleme, die Verkrustungen, die Realitäten. Wer die Rahmenlose trägt, bekennt sich zu Innovation und Fortschritt. Denn die winzigen Löcher, die Steg und Bügel mit den Gläsern verbinden, sind eine ingenieurtechnische Leistung. Ganz bestimmt wird diese Brille die Politik verlassen, so wie einst das halbe Land die Herbert-Wehner-Brille trug. Bereits jetzt nennt das Kuratorium Gutes Sehen e. V. die rahmenlose Brille, die derzeit erst einen Marktanteil von 17,3 Prozent hat, den "Megatrend des Jahres". Somit ist bekannt, was die neue Regierung als Erstes streichen wird: das Brillengestell.

Matthias Stolz