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Brüssel

Flugs das Polohemd gegen Kragen und Krawatte getauscht, und dann ab vor die Kameras. Von seinem Ferienquartier in der Toskana aus verkündete Großbritanniens Premierminister Tony Blair (ganz verantwortungsbewusster europäischer Staatsmann und bar jeder Schadenfreude): Nun sei eine "Phase der Reflexion" geboten, über das soziale Modell für Europa und über die richtige Antwort auf die Globalisierung. Da war das non im französischen Referendum zum europäischen Verfassungsvertrag noch keinen Tag alt. Ende des offiziellen Auftritts, und zurück ins Grüne.

Hinter vorgehaltener Hand flüsterte derweil daheim in Westminster jeder aus Blairs Kabinett: Die europäische Verfassung ist tot. Da ist es ganz egal, was Jacques Chirac oder Gerhard Schröder erklären. "Absurd" wäre es, sagt ein Berater des Premiers, den Ratifizierungsprozess nach einem doppelten Nein in Frankreich und Holland voranzutreiben, als wäre nichts geschehen. Darin sind sich in Großbritannien alle einig, entschiedene Proeuropäer wie der frühere konservative Schatzkanzler Kenneth Clarke ebenso wie Blairs designierter Nachfolger Gordon Brown. Der hatte verlauten lassen, er könne "gut ohne die Verfassung leben".

Die Schwere der europäischen Krise leugnet seit Sonntagnacht niemand. Doch welchen Reim genau soll man sich auf das französische non machen? Ein Drittel der Wähler träumte von einer Neuverhandlung des Verfassungsvertrages. Jeder Vierte war um Frankreichs Unabhängigkeit besorgt. Der eine stimmte sozial und links, der andere national und stramm rechts ab. Wir, Europas Bürger, wissen einfach nicht, was Europa bedeuten will, sagen die einen und merken gar nicht, welcher logische Unsinn in ihrer Formulierung steckt. Wir, Europas Bürger, fürchten dieses Europa und wünschen ein anderes. Diese Haltung weist keinen Weg, wenn dieses irgendwie andere Europa nur in allen vier Himmelsrichtungen zugleich zu finden ist.

Als ob ein paar Info-Broschüren das Problem aus der Welt schaffen könnten

Ähnlich wie Tony Blair denken (und jubeln) der tschechische Präsident Václav Klaus in der Prager Burg oder der liberale polnische Oppositionsführer Jan Rokita, womöglich der nächste Regierungschef seines Landes. Auch in ihren Ländern sollten in den nächsten Monaten die Bürger über den Verfassungsvertrag abstimmen. Den Urnengang, sagen beide Politiker, könne man sich jetzt getrost sparen, die Vorlage sei nur noch Makulatur. Sollten da Champagnerkorken knallen? Jedenfalls sitzen in der Runde der Abbrecher die Verfassungsfeinde und Euroskeptiker in großer Zahl.

Von Abbruch dagegen keine Rede ist in den Niederlanden. Dort suchte Regierungschef Jan Peter Balkenende in letzter Sekunde seine Landsleute für die Verfassung zu gewinnen: Man solle sich beim eigenen Votum nicht von den Franzosen beeindrucken lassen, sondern sich eine eigene Meinung bilden. Spät, zu spät kam der gute Rat, wenn man den Umfragen in Holland glauben darf: Bei Redaktionsschluss deutete jedenfalls alles auf eine Ablehnung des Vertrags hin.

Dieses nee bringt die Unentwegten aus dem Lager der Weitermacher erst recht in die Bredouille. Zu dieser Richtung zählen der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der noch amtierende polnische Premier Marek Belka (ein Sozialdemokrat), der spanische Regierungschef José Luis Zapatero (ein Sozialist). Selbst Anders Fogh Rasmussen, der liberale Chef der traditionell europaskeptischen Dänen, predigte nach der heißen Nacht an der Bastille erst einmal ruhig Blut: "Die Situation ist wie 1992, als Dänemark nach einem Nein zum Euro seinen europäischen Partnern empfahl, mit der Ratifizierung einfach fortzufahren. Damals fanden wir schließlich auch eine Lösung." Damals entschieden sich die Dänen gegen den Euro. Und bezahlen bis heute in Kronen.

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Brüssel ist perplex. Abwarten. Nachdenken. Auf Zeit spielen. Irgendwie scheinen die meisten Eurokraten in der EU-Kommission darauf zu bauen, dass die Schockwelle sie und ihr gläsernes Berlaymont-Gebäude unversehrt lässt. "Die europäischen Chefs müssen besser erklären, um was es eigentlich geht", sagt José Manuel Barroso, halb fahrig, halb markig in der Nacht nach dem Nein – als ob ein paar Infobroschüren das Problem aus der Welt argumentieren könnten, als ob er selbst in den vergangenen Wochen die rechten Worte für die große Sache gefunden hätte.

Am Tag danach wendet sich Brüssel dem "Schutz von Masthähnchen" zu

Am Morgen danach und seither bei jeder Gelegenheit lässt der Präsident der EU-Kommission seine Sprecherin geschäftsmäßig das immer Gleiche wiederholen: "Die Ratifizierung der Verfassung geht weiter." Das sei Europa seinen Bürgern schuldig, das werde dauern. Hernach geht die Sprecherin gewöhnlich – stellvertretend für alle Eurokraten – zum Tagesgeschäft über: Microsofts Streit mit der EU, chinesische Textilexporte, der Zwist zwischen Airbus und Boeing. Oder sie lässt Vorschläge für "Rechtsvorschriften zum besseren Schutz von Masthähnchen" auslegen. So arbeitet die Brüsseler Behörde emsig für den Bürger und beweist sich selbst: Europa lebt!

Das politische Geschäft führen andere. Ein angeschlagener Jean-Claude Juncker empfängt seit Montagmorgen die ersten Regierungschefs, einen nach dem anderen, drei pro Tag, am Mittwoch etwa standen die Kollegen aus der Slowakei, aus Portugal und Österreich bei ihm Schlange. Eigentlich wollte der meist vergnügt lächelnde Luxemburger mit seinen Kollegen einen ganz normalen Gipfel für Mitte Juni vorbereiten. Den umstrittenen Haushalt der Union für die Jahre 2007 bis 2013 verabschieden zu können, das wäre die Krönung einer erfolgreichen EU-Präsidentschaft gewesen. Stattdessen muss Juncker nun Scherben kehren.

Am Morgen danach, quer durch die Ardennen aus Brüssel zurückgekehrt ins heimische Luxemburg, macht der Premier sich und seinem Gesprächspartner am Telefon Mut. "Wir brauchen in Frankreich eine Phase der Abkühlung und in den anderen Ländern eine hitzige Debatte über Europa."

Hübsch gesagt. Doch wie weiter bei einem zweiten oder dritten Nein?

Trotzige Antwort: "Dann werden wir so lange beraten, bis wir zu Potte kommen."

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Führung täte diesem Europa jetzt gut, auf Neudeutsch Leadership, ein oder auch zwei produktive Vordenker und Vormacher, Aufmunterer und Antreiber. Ein, zwei, viele Junckers. Der derzeitige Ratspräsident weiß wohl, dass das Großherzogtum Luxemburg für eine solche Herkulesarbeit zu klein ist. Bloß – andernorts ist überhaupt kein Juncker in Sicht.

In Berlin regiert ein Kanzler auf Abruf, in Frankreich liegt "Europas Dinosaurier" (Newsweek) ermattet am Boden, in Italien steckt Silvio Berlusconi in eigenen Nöten, in Polen harren Präsident und Regierung in der Abendröte ihres Mandats der Nachfolger. Und in Brüssel wagt niemand, den Namen des EU-Kommissionspräsidenten zu nennen, wer will sich schon blamieren. Im europäischen Ensemble der Blinden ist darum Tony Blair, der Einäugige, unbestrittener König. Obwohl bei den Parlamentswahlen angezählt, kann er mit stabiler parlamentarischer Mehrheit regieren. Und die trotz allem immer noch hervorragende Wirtschaftslage seines Landes ist sein wichtigster Trumpf.

Früher, ja früher. Da hätte in einer solchen Krise die deutsch-französische Stunde geschlagen. Doch kritisch bewerten längst nicht mehr nur Briten, Polen oder Niederländer die beiden Großen in Berlin und Paris. Alfred Grosser etwa, der Doyen der französischen Politikwissenschaft und unermüdliche Akteur in den deutsch-französischen Beziehungen, betrachtet so manches zwischen Chirac und Schröder mit nur wenig Wohlgefallen: "Bei allen Verdiensten um die deutsch-französischen Beziehungen eint beide auch eine gewisse Komplizenschaft, die Europa zuweilen geschadet hat. Es war ein Bündnis der Delinquenten, die einander, etwa beim Stabilitätspakt, beim Regelverstoß deckten."

Siegen lernen vom FC Liverpool – auch wenn es aussichtslos scheint

Durch das Nein werde Frankreich jetzt europapolitisch auf unbestimmte Zeit ausfallen, meint Alfred Grosser. Das sehen die meisten in Brüssel ebenso, jedenfalls solange der Präsident Jacques Chirac heißt. Der wird mit seiner verfehlten Politik inzwischen in vielerlei Hinsicht zur Last. In Paris fürchten sie schon um die Olympia-Kandidatur 2012: Die Konkurrenten in Madrid und – ausgerechnet! – London könnten das abschreckende Bild eines unberechenbaren Frankreichs malen, weltoffen wie eine geschlossene Auster.

Schlägt darum jetzt Tony Blairs Stunde? Vom 1. Juli an führt der Premier als Ratspräsident die EU-Geschäfte. Dann möchte Blair sich nicht nur mit dem "Schlamassel" nach dem gescheiterten Referendum befassen. Ihm ist mehr an "längst überfälligen ökonomischen Reformen" in Europa gelegen – die Verfassung braucht er dafür nicht. Blair wird alles daransetzen, das britische Modell als Mittelweg zu empfehlen zwischen amerikanischem Kapitalismus und europäischem Sozialmodell, das freilich unbezahlbar geworden sei. Den Kritikern des "herzlosen angelsächsischen Weges", die in Frankreich eben noch die Trommel schlugen, kann er die beachtliche Umverteilung entgegenhalten, die in acht Jahren Regierungszeit zugunsten der Ärmeren gelang. Die neuen Mitgliedsstaaten im Osten Europas weiß Blair auf seiner Seite. Während der "polnische Klempner" in Frankreich zur Schreckfigur aufgebaut wurde (ein französischer TV-Sender kam beim Nachzählen auf 150 Handwerker), gilt der Zustrom von rund 180000 Polen seit der Erweiterung in Großbritannien als Gewinn.

So besehen, geht es zwischen den beiden Denkschulen nicht nur um die Alternative Weitermachen oder Abbrechen, sondern um die Macht im künftigen Europa. Blairs zweiter Frühling, dazu der Liberale Nicolas Sarkozy als französischer Präsident, Angela Merkel als deutsche Kanzlerin – und schon sähe die Führungsfrage in Europa ganz anders aus. Hoffnung macht den Europäern darum der FC Liverpool. Von ihm lernen heißt siegen lernen, in aussichtsloser Position, mit dem letzten Schuss. Vielleicht sollten Europas Politiker in Liverpool ihr Trainingslager aufschlagen.

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