Brüssel ist perplex. Abwarten. Nachdenken. Auf Zeit spielen. Irgendwie scheinen die meisten Eurokraten in der EU-Kommission darauf zu bauen, dass die Schockwelle sie und ihr gläsernes Berlaymont-Gebäude unversehrt lässt. "Die europäischen Chefs müssen besser erklären, um was es eigentlich geht", sagt José Manuel Barroso, halb fahrig, halb markig in der Nacht nach dem Nein – als ob ein paar Infobroschüren das Problem aus der Welt argumentieren könnten, als ob er selbst in den vergangenen Wochen die rechten Worte für die große Sache gefunden hätte.

Am Tag danach wendet sich Brüssel dem "Schutz von Masthähnchen" zu

Am Morgen danach und seither bei jeder Gelegenheit lässt der Präsident der EU-Kommission seine Sprecherin geschäftsmäßig das immer Gleiche wiederholen: "Die Ratifizierung der Verfassung geht weiter." Das sei Europa seinen Bürgern schuldig, das werde dauern. Hernach geht die Sprecherin gewöhnlich – stellvertretend für alle Eurokraten – zum Tagesgeschäft über: Microsofts Streit mit der EU, chinesische Textilexporte, der Zwist zwischen Airbus und Boeing. Oder sie lässt Vorschläge für "Rechtsvorschriften zum besseren Schutz von Masthähnchen" auslegen. So arbeitet die Brüsseler Behörde emsig für den Bürger und beweist sich selbst: Europa lebt!

Das politische Geschäft führen andere. Ein angeschlagener Jean-Claude Juncker empfängt seit Montagmorgen die ersten Regierungschefs, einen nach dem anderen, drei pro Tag, am Mittwoch etwa standen die Kollegen aus der Slowakei, aus Portugal und Österreich bei ihm Schlange. Eigentlich wollte der meist vergnügt lächelnde Luxemburger mit seinen Kollegen einen ganz normalen Gipfel für Mitte Juni vorbereiten. Den umstrittenen Haushalt der Union für die Jahre 2007 bis 2013 verabschieden zu können, das wäre die Krönung einer erfolgreichen EU-Präsidentschaft gewesen. Stattdessen muss Juncker nun Scherben kehren.

Am Morgen danach, quer durch die Ardennen aus Brüssel zurückgekehrt ins heimische Luxemburg, macht der Premier sich und seinem Gesprächspartner am Telefon Mut. "Wir brauchen in Frankreich eine Phase der Abkühlung und in den anderen Ländern eine hitzige Debatte über Europa."

Hübsch gesagt. Doch wie weiter bei einem zweiten oder dritten Nein?

Trotzige Antwort: "Dann werden wir so lange beraten, bis wir zu Potte kommen."