Führung täte diesem Europa jetzt gut, auf Neudeutsch Leadership, ein oder auch zwei produktive Vordenker und Vormacher, Aufmunterer und Antreiber. Ein, zwei, viele Junckers. Der derzeitige Ratspräsident weiß wohl, dass das Großherzogtum Luxemburg für eine solche Herkulesarbeit zu klein ist. Bloß – andernorts ist überhaupt kein Juncker in Sicht.

In Berlin regiert ein Kanzler auf Abruf, in Frankreich liegt "Europas Dinosaurier" (Newsweek) ermattet am Boden, in Italien steckt Silvio Berlusconi in eigenen Nöten, in Polen harren Präsident und Regierung in der Abendröte ihres Mandats der Nachfolger. Und in Brüssel wagt niemand, den Namen des EU-Kommissionspräsidenten zu nennen, wer will sich schon blamieren. Im europäischen Ensemble der Blinden ist darum Tony Blair, der Einäugige, unbestrittener König. Obwohl bei den Parlamentswahlen angezählt, kann er mit stabiler parlamentarischer Mehrheit regieren. Und die trotz allem immer noch hervorragende Wirtschaftslage seines Landes ist sein wichtigster Trumpf.

Früher, ja früher. Da hätte in einer solchen Krise die deutsch-französische Stunde geschlagen. Doch kritisch bewerten längst nicht mehr nur Briten, Polen oder Niederländer die beiden Großen in Berlin und Paris. Alfred Grosser etwa, der Doyen der französischen Politikwissenschaft und unermüdliche Akteur in den deutsch-französischen Beziehungen, betrachtet so manches zwischen Chirac und Schröder mit nur wenig Wohlgefallen: "Bei allen Verdiensten um die deutsch-französischen Beziehungen eint beide auch eine gewisse Komplizenschaft, die Europa zuweilen geschadet hat. Es war ein Bündnis der Delinquenten, die einander, etwa beim Stabilitätspakt, beim Regelverstoß deckten."

Siegen lernen vom FC Liverpool – auch wenn es aussichtslos scheint

Durch das Nein werde Frankreich jetzt europapolitisch auf unbestimmte Zeit ausfallen, meint Alfred Grosser. Das sehen die meisten in Brüssel ebenso, jedenfalls solange der Präsident Jacques Chirac heißt. Der wird mit seiner verfehlten Politik inzwischen in vielerlei Hinsicht zur Last. In Paris fürchten sie schon um die Olympia-Kandidatur 2012: Die Konkurrenten in Madrid und – ausgerechnet! – London könnten das abschreckende Bild eines unberechenbaren Frankreichs malen, weltoffen wie eine geschlossene Auster.

Schlägt darum jetzt Tony Blairs Stunde? Vom 1. Juli an führt der Premier als Ratspräsident die EU-Geschäfte. Dann möchte Blair sich nicht nur mit dem "Schlamassel" nach dem gescheiterten Referendum befassen. Ihm ist mehr an "längst überfälligen ökonomischen Reformen" in Europa gelegen – die Verfassung braucht er dafür nicht. Blair wird alles daransetzen, das britische Modell als Mittelweg zu empfehlen zwischen amerikanischem Kapitalismus und europäischem Sozialmodell, das freilich unbezahlbar geworden sei. Den Kritikern des "herzlosen angelsächsischen Weges", die in Frankreich eben noch die Trommel schlugen, kann er die beachtliche Umverteilung entgegenhalten, die in acht Jahren Regierungszeit zugunsten der Ärmeren gelang. Die neuen Mitgliedsstaaten im Osten Europas weiß Blair auf seiner Seite. Während der "polnische Klempner" in Frankreich zur Schreckfigur aufgebaut wurde (ein französischer TV-Sender kam beim Nachzählen auf 150 Handwerker), gilt der Zustrom von rund 180000 Polen seit der Erweiterung in Großbritannien als Gewinn.

So besehen, geht es zwischen den beiden Denkschulen nicht nur um die Alternative Weitermachen oder Abbrechen, sondern um die Macht im künftigen Europa. Blairs zweiter Frühling, dazu der Liberale Nicolas Sarkozy als französischer Präsident, Angela Merkel als deutsche Kanzlerin – und schon sähe die Führungsfrage in Europa ganz anders aus. Hoffnung macht den Europäern darum der FC Liverpool. Von ihm lernen heißt siegen lernen, in aussichtsloser Position, mit dem letzten Schuss. Vielleicht sollten Europas Politiker in Liverpool ihr Trainingslager aufschlagen.