Bei Tageslicht besehen, unterscheidet sich das Radisson SAS es.Hotel kaum von dem Parkhaus, neben dem es gebaut wurde. Quadratische Waben, verglast, sechs Stockwerke hoch. Aber wer abends ankommt, der könnte das Hotel für ein Raumfahrzeug halten, das am falschen Platz abgestellt wurde. Denn nach Anbruch der Dämmerung beleuchten pinkfarbene, grüne, blaue und gelbe Neonröhren vom Boden jedes Zimmers aus die raumfüllenden Fensterfronten. Die Anordnung? Zufall. Der Effekt? Außerirdisch.

Roms Bahnhofsviertel Esquilin ist ein Quartier der Zugereisten. Inder, Chinesen und Osteuropäer wohnen hier. Reisende haben diese Gegend bislang gemieden. Doch das es.Hotel, dessen Name eine Abkürzung für Esquilino ist, hat die Szene angelockt. Diejenigen, die wegweisendes Design der Lage im historischen Zentrum, dort wo Romtouristen normalerweise nächtigen, vorziehen.

Der Anspruch der Architekten Riccardo Roselli und Jeremy King war nicht Heimeligkeit. Sie wollten einen "Ort der Zukunft" schaffen, steril und ungeheuer trendy. Durch eine Drehtür betritt der Gast das Foyer, in dessen Mitte ein weißes, von innen beleuchtetes, ringförmiges Luftkissen zu schweben scheint. Aus dem Kissen schallen Elektrobeats – es ist die Rezeption. Während schwarz befrackte Front-Office-Manager den magnetischen Zimmerschlüssel laden, gleitet der Blick vorbei an Säulen aus Beton, über Hartplastik-Sitzgruppen des italienischen Stardesigners Capellini und durch den Hof, neonbunt beschienen aus den Zimmerwaben. Am Boden schließlich bleibt der Blick hängen. Ein Mosaik aus Beton und hellgrauen Marmorscheiben, oval, die an Kieselsteine erinnern. "Ein Mosaik nach Art venezianischer Meister", erklärt Innenarchitektin Marzia Midulla Roscioli. Sie zeigt auf eine beleuchtete Baugrube am anderen Ende des Foyers, wo während der Arbeiten am Fundament ein Stück alter römischer Straße gefunden und ins Hotel integriert wurde. Zu sehen ist antikes Kopfsteinpflaster, kieselförmig.

Das Motiv wiederholt sich auf den Teppichen der Flure. Die Zimmertüren sind weiß, von unten angestrahlt, die Zimmernummern heben sich in weißen Lettern von der Wand ab. Es ist ihr Schatten, den man liest. Die Erkenntnis, dass selbst ein solch winziges Detail inszeniert ist, und die Tatsache, dass Marzia Midulla Roscioli zwei Jahre lang unterwegs war, um Möbel, Lampen und Accessoires für das Hotel in aller Welt zusammenzukaufen, macht die eine Hälfte seines Glamours aus. Die andere liefern die Stars, die sich dieses Ambientes bedienen – Teile des Films Ocean’s Twelve wurden auf der Dachterrasse gedreht, am Pool, der mit dunklem brasilianischen Holz umrahmt ist. Und es vergeht kaum eine Woche, in der das Hotel nicht Kulisse ist für ein Mode-Shooting oder den Dreh eines Musikvideos.

Und dennoch musste die Familie Roscioli, die das Hotel 2002 bauen ließ, als fünftes und größtes Haus ihres Unternehmens, es jetzt an Radisson SAS übergeben. Verwaltung und Instandhaltung der 235 Designer-Zimmer, zwei Restaurants, einer Lounge-Bar und dem Spa samt Fitness-Center, überforderten die Kräfte der Familie. Vielleicht ist es Ironie des Schicksals, dass der Hotellerie-Multi seine Wurzeln in Skandinavien hat. Das Radisson SAS-Stammhaus in Kopenhagen ist ein Arne-Jacobsen-Gesamtkunstwerk. Ein Musterbeispiel dafür, wie skandinavische Designer Form und Funktion aufs trefflichste vereinen. Italienisches Design dagegen, das beweist das es.Hotel, ist wunderschön, aber nur selten praktisch. In den Zimmern wurde alles bedingungslos der Form untergeordnet. Das offene Raumkonzept ohne Schränke und Trennwände schindet Eindruck und simuliert Größe. Aber zwei, die mehr als eine Nacht in einem Standardzimmer verbringen sollen, mit nur einer Schublade als Stauraum und ein paar Kleiderbügeln, die müssen sich sehr lieben.

Es dominiert die Farbe Weiß. Weiße Vorhänge schützen vor dem bunten Licht der Neonröhren, das nur schwach ins Innere abfärbt. Weiße Ballonlampen aus Segeltuch, die sich aufblasen, wenn man sie anschaltet, erleuchten, Monden gleich, den Raum. Die Zimmerböden sind aus PVC, unterfüttert mit elastischem Dämmstoff, der bei jedem Schritt ein wenig nachgibt, was sich barfuß wie eine sanfte Fußmassage anfühlt. Dunkelbraunes Holz umrahmt Betten und Nasszellen, so kostbar in der Anmutung, dass man sich schämt, beim Duschen in Wannen, für die es keine Vorhänge gibt, literweise Wasser darauf zu verspritzen. Die Armaturen und Wasserhähne, die Marzia Midulla Roscioli lange vor der Übergabe an Radisson für das Hotel gekauft hat, sind von Arne Jacobsen. Als hätte die Innenarchitektin schon damals gespürt, welchen Weg das es.Hotel noch nehmen würde.