Die Maschinen im Norderstedter Werk laufen rund um die Uhr, die 1400 Beschäftigen in der Produktion arbeiten in drei Schichten, auch samstags, sonntags, feiertags. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen gut 2400 Mitarbeiter. Vor 50 Jahren war die Fadenfirma noch ein Familienbetrieb mit 60 Beschäftigten. 1956 kaufte der US-Konzern Johnson & Johnson die Hamburger Katgut- und Arzneimittelfabrik und gliederte sie in sein Tochterunternehmen Ethicon ein. Das ist mittlerweile Weltmarktführer für OP-Nähzeug.

Zunächst muss das Rohmaterial aus den USA den Eingangstest bestehen. Eine Mitarbeiterin spannt den Fadenvorgänger in eine Maschine, die zieht ihn in die Länge, bis er reißt. "Das hier ist das dickste Rohmaterial, 40 Einzelfasern. Das muss fünf Newton Zugkraft abkönnen", erklärt Finnern. Ein Gewicht von einem halben Kilo sollte es also tragen. Der fertige Faden muss je nach Durchmesser bis zu zwölfmal soviel aushalten, und das am Knoten, der Schwachstelle einer Naht.

Um die Reißfestigkeit zu erhöhen, wird das Rohmaterial geflochten, mit Maschinen aus der Textilindustrie. Darin wirbeln Spulen mit dem Ausgangsstoff wie Hochgeschwindigkeits-Maitänzer um einen oder mehrere Rohmaterialstränge, die Fadenseele. In langen Reihen klappern die Flechtapparate unermüdlich vor sich hin; fast 400 Kilometer Garn produzieren sie täglich, das ist der Tagesbedarf Europas.

Unterläuft ihnen beim Flechten ein Fehler, kann das fatal sein. Eine winzige Schwachstelle kann das Nahtmaterial später reißen lassen – mit möglicherweise tödlichen Folgen. Deshalb wird der fertige Faden gleich zweifach geprüft. Zunächst zischt er mit einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern an einer Fotozelle vorbei. Bemerkt die einen Makel, etwa ein gebrochenes Filament, schneidet das Gerät die schadhafte Stelle heraus. Dann nimmt Hajrija Kuric noch einmal jeden Zentimeter in Augenschein, sie streicht mit der Hand über das auf einen Rahmen gespannte Garn wie über eine Harfe, ihre Finger gleiten den Faden entlang. Da! Eine leichte Unebenheit, mit dem Auge kaum zu erkennen.

Seit 25 Jahren ist Kuric dabei. Ihr halbes Leben. 80 weitere Mitarbeiter feiern in diesem Jahr ihr silbernes Betriebsjubiläum. "Uns ist wichtig, dass die Leute lange im Unternehmen bleiben. Bei den meisten Arbeiten kommt es hier auf Erfahrung an", sagt Finnern. Im Durchschnitt arbeiten die Beschäftigten seit 14,5 Jahren bei Ethicon.

Welches Nahtmaterial bei einer Operation zum Einsatz kommt, hängt in erster Linie vom Gewebe, der Operationstechnik und dem gewünschten Effekt ab: Wie viel muss der Faden aushalten, soll er sich auflösen oder nicht? Bei der Wahl des Herstellers spielen aber auch wirtschaftliche Faktoren und persönliche Vorlieben eine Rolle: "Das ist eine Mischung aus Preis und Psychologie", sagt der Hamburger Chirurgiechef Kußmann. Die Auswahl des Nahtmaterials habe viel mit Vertrauen und Selbstvertrauen zu tun. "Das ist wie bei einem Tennis- oder Golfspieler, der an sein Material gewöhnt und damit erfolgreich ist. Dem kann man auch nicht einfach mit einem anderen Schläger kommen." Deshalb blieben viele Chirurgen gern bei dem Nähzeug, mit dem sie ihr Handwerk gelernt haben.

Beim Faden selbst seien die meisten Hersteller mittlerweile gleichauf, die Nadel mache den Unterschied. Dauerhaft scharf und dabei bruchsicher soll sie sein, ein schwieriger Kompromiss: Richtig scharf ist sie nur, wenn der Stahl hart ist, dann aber bricht sie leicht. Die Legierung des Stahldrahts und die Temperatur beim Härten müssen deshalb fein abgestimmt sein. Ein Arbeiter fädelt den Draht in die Nadelmaschine, die schneidet das Metall zu, schleift und presst es je nach Nadeltyp: runde oder flache, scharfe oder stumpfe Spitze. Schließlich biegt das Gerät die Nadel zum Halbrund. Statt des klassischen Nadelöhrs bekommt sie am hinteren Ende ein Loch in Längsrichtung, in dem später der Faden befestigt wird. Die Bohrmaschine schafft allerdings nur Löcher von einem viertel Millimeter Durchmesser. Von den Mikronadeln, die kaum größer sind als eine Wimper, würde da nichts übrig bleiben. Hier muss der Laser ran. 95 Prozent der Winzignadeln von Ethicon werden in Norderstedt gefertigt. "Ethicon hat versucht, Mikronadeln auch an Standorten in anderen Ländern herzustellen, das hat aber nicht geklappt. Jetzt ist die Produktion wieder bei uns", sagt Finnern.