Bei der Weiterentwicklung des chirurgischen Nahtmaterials mischte vor allem die Chemieindustrie mit. Die Herstellung des ersten synthetischen Fadens gelang Anfang der dreißiger Jahre. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurden Perlon und Nylon entwickelt und nicht nur zu Strümpfen, sondern auch zu Nahtmitteln verarbeitet. Ende der sechziger Jahre kam der erste resorbierbare Faden aus Kunststoff auf den Markt und begann das klassische Katgut zu verdrängen. Im Jahr 2001 wurde der Naturfaden auf Empfehlung des wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Kommission vom Markt genommen, weil das Infektionsrisiko trotz verbesserter Sterilisationsverfahren immer noch höher war als bei den modernen Kunststofffäden.

Sterilisiert wird Nahtmaterial heute mit Gammastrahlen oder dem Gas Ethylenoxid. Die Strahlensterilisation dauert nicht so lange, schadet aber einigen Kunststoffen. Die Vicrylfäden müssen deshalb bei Ethicon für 44 Stunden ins Gasbad. Dabei stecken sie schon fix und fertig aufgewickelt in ihrer feuchtigkeitssicheren Aluverpackung; das Gas kann nur durch einen kleinen, mit Papier bedeckten Schlitz an der Seite eindringen. Wenn es wieder abgesaugt ist, wird die Verpackung zugestanzt und der Papierschlitz abgeschnitten: das Ende der "offenen Zeit". Jetzt noch die Abschlussprüfung. Ist die Verpackung wirklich dicht, nicht gefaltet, nicht geknickt? Dann können Nadel und Faden das Werk in Norderstedt verlassen, nach insgesamt 130 Kontrollen.

Wie es mit dem chirurgischen Nähzeug weitergeht, darüber denkt Chefentwickler Dieter Engel nach: "Es besteht immer die Möglichkeit, dass man irgendwann keine Naht mehr braucht. Dann würden wir nackt dastehen. Deshalb wollen wir die ersten sein, die Alternativen parat haben."

Da ist zum einen der Gewebekleber. Auf der Haut funktioniert er schon, im Körper noch nicht. "Außerdem sind große Wundverschlüsse nicht so flexibel, wenn man sie klebt", räumt Engel ein. Langfristig träumt der Entwickler davon, ganz vom Wundverschluss wegzukommen, hin zur Geweberegeneration. Dabei sollen in einem ersten Schritt Biomaterialien wie Kollagen, Fibrin und Thrombin helfen, kostengünstig hergestellt mit gentechnischen Methoden. In Gedanken ist Engel aber schon weiter, beim Chirurgen, der keine Spuren hinterlässt: "Optimal wäre es, wenn nach der Operation alles so wird, wie es vorher war."