Manchmal wird man geheilt und wusste gar nicht, dass man krank war; manchmal ist man krank, möchte aber nicht geheilt werden. Der Mensch neigt zum lustvollen Unglücklichsein, das muss so sein, denn wäre er nur glücklich, gäbe es womöglich keine Gedichte, keine Musik, keine verrätselten Bilder. So kommt es wohl darauf an, mit dem Unglücklichsein gekonnt umzugehen: Man haust sich ein in seiner Existenz und träumt von besseren Zeiten und einem besseren Ich. Dafür kann man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, etwa aus der Zunft der Psychotherapeuten, die erstaunliche Dinge auf dem Hoheitsgebiet der Seele entdecken.

Der Held vertut seine Zeit auf den Prager Herrentoiletten

In seinem Roman Am Fuß des Gebirgs erzählt der amerikanische Autor Benjamin Anastas (Jahrgang 1969) von einer Therapie, die auf weit mehr abzielt als die Wiederherstellung beeinträchtigter Subjektivität; auch das Umfeld rückt Anastas in den Blick, ja eine ganze aufgestörte Welt, die aus den Fugen gerät. Held des Romans ist der junge Arno Singer, der sich als Jude im Prag der dreißiger Jahre in psychoanalytische Behandlung begibt. Arno sammelt Schmetterlinge und arbeitet tagsüber als Ingenieur. Eigentlich ist er nicht sonderlich verhaltensauffällig; ihm setzen nur einige belastende Kindheitsimpressionen zu, die ihn so nervös werden lassen, dass er sich einen Waschzwang zugelegt hat, der ihn mehr Zeit auf den Prager Herrentoiletten zubringen lässt, als ihm lieb ist.

Die Wohnung teilt Arno mit Mutter und Schwester, die seine Nervosität noch zu steigern wissen, indem sie an ihm herumerziehen, wohlmeinend, hilflos und von der vagen Hoffnung geleitet, dass wieder gut wird, was noch nie gut war. Denn die Zeiten sind schwer, nicht nur in Prag: Die Nazis bereiten, unter den teilnahmslosen Blicken der Öffentlichkeit, ihren Kriegskurs vor, der Antisemitismus ist salonfähig geworden, die Bedenkenträger tragen Bedenken vor, die kaum einer hören will. Eigentlich ist es wie immer: Gemessen an der Weltlage, hat der Einzelne wenig Grund zum Klagen, was ihm aber nicht einleuchten will, und so lässt er sich halt behandeln. Arnos Psychoanalytikerin, die »nach der Methode des Dr.Freud« praktiziert, ist eine deutsche Emigrantin mit Namen Ochs; in einem muffigen Zimmer legt sie ihre Patienten auf die Couch und bittet sie, auf ein einmal erteiltes Stichwort hin, um freies Assoziieren.

Arno gibt sich redliche Mühe, in die Kindheit abzusteigen, aber befriedigend ist das nicht, zumal seine Kindheit so schrecklich nicht war, wie es die Symptome, unter denen er leidet, anzuzeigen scheinen. So schläft er denn auch schon mal auf der Couch ein oder erträumt sich kleinere Liebesabenteuer, die umso spannender anmuten, als er noch gar nicht weiß, was die Liebe ist. Eine Himmelsmacht, wie er aus Gründen beeinträchtigter Wohlerzogenheit meinen möchte, oder ein Gefühlschaos, angerichtet von einer geheimnisvollen Triebhaftigkeit, mit der weder Dr. Freud noch Frau Ochs fertig werden?

Arnos fades Leben gerät in Schwung, als ihn seine Therapeutin im Sommer 1936 mit ins Salzkammergut nimmt. Dort, am Grundlsee, liegt die Villa des Ehepaars Dr. Schwarzwald, das alljährlich Gäste aus ganz Europa bei sich versammelt und ihnen ein besonderes Programm bietet. Es ist eine Art Wellness für den Geist, die dort offeriert wird; in einem verwunschenen Sommer findet man sich zusammen, räsoniert, geht wandern und schwimmen, schwelgt von vergangenen Zeiten und eigenen Glanztaten, die in keiner Chronik verzeichnet sind, oder trifft sich zu anspielungsreichen Kostümfesten und Spieleabenden.

Vorwiegend Intellektuelle und Künstler verbringen den Sommer am Grundlsee, darunter auch Prominente wie der Biologe Julian Huxley und der Schauspieler und Schriftsteller Egon Friedell. Sie alle nehmen den Sommer an, als könnte er ihr letzter sein, unter einer milden Sonne, die nicht mitzubekommen scheint, wie sich die Welt unter ihr zu verfinstern beginnt. Arno Singer findet das Treiben in der Villa Schwarzwald so faszinierend, dass er seine Ängste und Marotten zu vergessen scheint. Schließlich kommt noch ein Gast hinzu, der ihn endgültig auf andere, recht eindeutige Gedanken bringt: Eine junge amerikanische Schriftstellerin quartiert sich für einige Wochen in der Villa Schwarzwald ein. May Sarton heißt sie, ist merkwürdig unkompliziert und lebensfroh, sodass sie fast allen Gästen den Kopf verdreht. Auch Arno erliegt ihrem Charme. Durch May lernt er die Liebe kennen; sie ist, seinem Naturell und seiner Vorgeschichte entsprechend, weniger auf Verwirklichung angelegt als auf sehnsüchtiges Verlangen, dem man besser mit den Mitteln des Tagtraums und des ergebenen Nachsinnens begegnet.

Als der Sommer des Jahres 1936 zu Ende geht, ist Arno endgültig erwachsen geworden. Mit May, die ihm vor ihrer Abreise nach Amerika noch anvertraut hat, dass sie, wenn überhaupt, wohl eher Frauen als Männer liebt, schreibt er sich Briefe. Er hofft, sie wiederzusehen, wenn er in die USA emigriert. Ja, auch entschlossen ist der verträumte Arno Singer geworden: Er weiß, dass die offizielle Politik auf eine Katastrophe zusteuert und dass er sich absetzen muss.