Ein großes Fest mit annähernd tausend geladenen Gästen wird an diesem Donnerstag in der Frankfurter Paulskirche begangen, und die Granden aus Unterhaltungs- und Bewusstseinsindustrie werden, nachdem die letzten Töne der Schumannschen Novelletten verklungen sind, dem Allergrößten aller lebenden Literaturkritiker eine Geburtstagsrede halten. Derartiges ist noch nicht vorgekommen und wird sich aller Voraussicht nach auf diesem Planeten auch nie mehr wiederholen: Eine Nation verbeugt sich vor einem Rezensenten belletristischer Produkte.

Wir alle kennen ihn. Er ist der einflussreichste, vielfältigste, schulbildendste Kritiker, den Deutschland im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat. Wir alle kennen seine Werke, seine Kritiken zunächst in der ZEIT, später in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seine Bücher über Thomas Mann, Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Goethe, Grass, Walser, Koeppen, seinen Kanon deutschsprachiger Romane, Gedichte und Erzählungen. Seine Auftritte in der Arena des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und vor allem auf dem schwarzen Sofa des Literarischen Quartetts erreichten Hunderttausende. Seine Autobiografie war ein Massenerfolg. Jeder Taxifahrer in Deutschland kann ihn parodieren. Die Bücher, die seine Schüler über ihn verfasst oder herausgegeben haben, sind Legion. Wie ist dieses Wunder zu erklären?

Drei Dinge, denke ich, haben es hervorgebracht. Erstens seine Radikalität. Nie ließe er es zu, die Literatur irgendeinem anderen himmlischen oder irdischen Ereignis unterzuordnen, einer so genannten Debatte, einem Gelüst nach intellektueller Meinungsführerschaft oder belletristischer Lebensberatung.

Zweitens seine Unberechenbarkeit. Nie konnte man vorhersagen, wie sein Urteil ausfallen würde, kein Autor konnte sich je auf seine Gunst oder seinen Zorn verlassen. Er verfügt über die beinahe kindliche Gabe der Unvoreingenommenheit, deren beglückender Nebeneffekt die Unterhaltsamkeit, deren Schattenseite die schneidende Polemik ist, vor der Freund und Feind nicht sicher sein können.

Drittens und wichtigstens: seine Menschlichkeit. Sie ist das Maß seines Urteils und nur allzu oft von seinen Kritikern mit Borniertheit oder Engstirnigkeit verwechselt worden. "Ich glaube", hat er vor annähernd fünfzig Jahren einmal gesagt, "dass Schriftsteller sich nicht damit begnügen dürfen, das Leben mit reizvollen Arabesken zu schmücken und allerlei Ornamente beizusteuern." Darin hat sich nichts geändert: In der Literatur, wie er sie uns nahe gebracht hat, geht es nicht um Spleen oder Spiel. Die ästhetische Form, die unbestrittene Heroine jeder avancierten Ästhetik, hat er nie überschätzt. Sein untrüglicher Kompass im Labyrinth der Deutungen ist der Mensch.

Die große Feier zu seinem 85. Geburtstag am 2. Juni, hat er mir unlängst gestanden, freue und betrübe ihn. Denn selbstverständlich handele es sich auch um ein Abschiedsfest. Einem leidenschaftlichen Realisten kann man nichts vormachen. Den kann man nur preisen. Dem kann man nur gratulieren. Und danken.