Als er nun dort einen Mann hingestreckt liegen sah, trat er zu ihm und fragte ihn, wer er sei und was ihm fehle. Cervantes, Don Quichotte

Da hockt einer, ein alter, bebrillter Mann, an einem trüben Oktobertag in der Hamburger Innenstadt, am Rand der belebten Spitalerstraße, in einem wetterfesten Schlafsack, und hat einen Zettel vor sich gelegt. Nicht: Invalide bittet um Ihre Hilfe. Nicht: Obdachloser braucht Notgroschen. Dieser Mann ist unbedürftig, er hat Großes vor: Sinnstudie! – Nicht stören und nichts spenden! heißt seine Parole. Dennoch lassen einige Passanten, weil sie die Erscheinung des Penners nicht anders zu deuten wissen, ein paar Cent oder Euro auf das Häuflein Elend fallen.

Wüssten sie, wie der Wegelagerer über ihr Almosen denkt, sie würden es bleiben lassen. Wüssten sie gar, wie er über sie selbst denkt, zumal wenn es sich um bekannte Schriftsteller handelt, dann machten sie einen weiten Bogen um den greisen Kauz. Was aber erst, wenn sie die Gedanken lesen könnten, die dem Alten auf dem Hamburger Pflaster durch den Kopf gehen, zum Beispiel so: "Im Hintergrund meines Kopfes habe ich vor einiger Zeit einen Posten aufgestellt, den ich Brainguard nenne. Seines Amtes ist es, auf Zeichen meiner Neugier zu achten… Falls die Aufsicht keinen Erkenntnis- oder auch nur Kenntnisbedarf ausmacht, hat sie Lizenz, mich in Bewegung zu halten." Ja, wenn da einer sich seinen eigenen Aufpasser erfindet, wenn einer sich so lustvoll selbst unter Kuratel stellt, dann gibt es doch nur einen möglichen Ausruf: "Hermann Kant, Sie! Was treiben Sie denn hier?!" Und es käme die heldenhafte Antwort: "Ich lebe in der Bundesrepublik heißt für mich: Ich lebe in ihr mein Leben zu Ende. Ende."

Ja, der große, alte Mann der DDR-Literatur, der einstige Präsident des Schriftstellerverbandes, der Chef-Ironiker des Honecker-Regimes, der die Linientreue mit seinen Arabesken zu umspielen liebte, dieser hochelastische Widerspruchsgeist hat sich noch einmal in den postideologischen Kampf geworfen wie ein Don Quichotte des 21. Jahrhunderts, hat statt der Rosinante einen Schlafsack mobilisiert, statt der Mancha eine Hamburger Fußgängerzone gewählt und nimmt nun nicht Windmühlen ins Visier, sondern Passanten, Konsumenten, Heilsarmee-Chöre, Bettlerinnen, Aufpasser jeglichen Kalibers, und sie alle fügen sich ihm zusammen zur Vision des berühmten falschen Lebens, zur Froschperspektive des Kapitalismus. Da liegt ein Mann von fast achtzig Jahren, der seine Vaterstadt Hamburg wieder bewohnen kann, aber sein Vaterland DDR verloren hat und nun, trotzig und auf dem Quivive, seinem abgelebten Rittertum Sozialismus nachhängt in Form einer polemischen Tirade gegen den Film, der sich vor seinen Augen abspielt. Kino heißt denn auch der kleine Roman, den Hermann Kant aus seiner Pflaster-Aventiure gemacht hat.

Zweihundert Seiten lang ist der Autor damit beschäftigt, seine Beobachtungen, seine nostalgische Bitterkeit in Humor zu verwandeln, in jenen kantischen Humor, der mit seiner durchtriebenen Sprödigkeit, mit seiner karikierenden Pedanterie früh schon auch eine gute Presse im Westen fand und ihm Lobsprüche wie "ein vorzüglicher Spaßmacher" (Reich-Ranicki) und "Feuerwerk der literarischen Einfälle" (Christoph Geiser) eingetragen hat. Auch unsereiner hat mehrfach den Spaß an List und Witz dieses Schriftstellers bekundet, aber doch schon vor dreißig Jahren den Eindruck gehabt, er agiere "wie ein Conferencier, der durch allerlei Zungenfertigkeit und Wortverdreherei das Publikum vergessen lassen will, dass die Bühne zusammengebrochen … und die Sängerin gestrauchelt ist". Nun, da die Bühne in der Tat zusammengebrochen ist, hat der Witz Kants nichts mehr, an dem er sich sprachlich abarbeiten könnte, und nun dreht er eher durch als auf, zersplittert jeden Vorgang in ein Kaleidoskop zeremoniöser Wortklauberei, sodass man dauernd versucht ist, die Sätze in Klartext umzuwandeln, so wie Karl Kraus "Übersetzungen" der gespreizten Formulierungen Maximilian Hardens besorgt hat.

Es gäbe nichts mehr, an dem Kant sich heute abarbeiten könnte? Aber die ganze Geschichte ist doch der Versuch des Autors, die neue Welt, die er nicht mehr versteht, wenigstens zu provozieren. Hermann Kant bastelt sich ein neues Schuldgefühl; ohne schlechtes Gewissen kommt er nicht in Gang, denn sonst hätte ja sein ganzes Sprach-Versteck-Spiel, sein humoristischer Geheimcode, keinen Sinn. Er erfindet sich nicht nur seinen Brainguard, er ist auch dauernd auf der Suche nach der höheren Instanz. Die ganze Verpackung ist nur der Versuch, das alte Heimatgefühl, das der permanenten "Übertretung" (so der Titel eines früheren Erzählungsbandes), wieder einmal auskosten zu können. Denn in einem Land, wo man selbst auf Ämtern offene Türen einrennt (wie wir lesen), ist nicht gut schreiben.

Man muss sich diese andere Republik so aufsichtsfreudig vorstellen, wie die alte war, man muss sich ihre Sicherheitskräfte so allgegenwärtig denken wie die von ehedem, man muss die Geheimen herausfordern, damit sie kenntlich und tröstlich werden: Habe ich’s nicht gesagt? Erst als verdächtiges Subjekt ist man wirklich Subjekt. Erst in solcher enthusiastischen Paranoia ist der Autor Hermann Kant ganz in seinem Element, erst so fühlt er sich daheim: "Von diesen von mir Ermittelten ließ sich auf andere Verdeckte schließen. Womöglich hatte der Bund weitere Schützen von der Freihafengrenze abgezogen und in der Spitalerstraße Posto fassen lassen. Wer wusste schon, wie viele fahndungshalber im Restaurant placierte Wischer-Gäste seit längerem zeitschindend in der Scholle stocherten. Oder woher sollte ich wissen, welcher der unzähligen Passanten zum wiederholten Mal über die Fliesen der Einkaufsstraße flanierte?"

Großes Kino: Unser Mann in Hamburg.