Es gibt viele Mittel, einen Menschen totzuschlagen. Bewährt hat sich, ihn so zu erhöhen, dass er nur noch fallen kann. Eine Heiligenlegende überlebt kein Sterblicher.

So ergeht es jetzt Anna Seghers. Die Erinnerungen an meine Mutter des Physikers Pierre Radvanyi, 1926 in Berlin geboren, bringt der einst – zu Recht – berühmte Verlag der DDR ohne jeglichen Kommentar unter dem Titel Jenseits des Stroms auf den Markt . Gerade mal, dass der (wie immer gute) Übersetzer aus dem Französischen genannt wird: Manfred Flügge. Doch wie heißt der ursprüngliche Titel, unter dem der Naturwissenschaftler die Erinnerungen an meine Mutter geschrieben hat? Und wann hat der nun auf die Achtzig zugehende Herr, den eine innige Beziehung zur Mutter prägt, seine Notizen gemacht? Und wer sind all die Leute, denen die Autorin im Exil, erst in Frankreich, dann in Mexiko begegnet und von denen hier die Rede ist? Antifaschisten – oder Gläubige der Roten Kirche? Widerständler – oder Opportunisten? Als ob er wahr machen wollte, was die Mutter in einem der letzten Briefe 1969 schreibt: "Furchtbar müde" kippt der alte Sohn aus vergilbten Kladden die Namen in sein Buch – "zu nennen wären auch…"

Schade auch, dass der Sohn heute, nach dem Kalten Krieg, wo jedes Wort missverstanden werden konnte, kein Wort für die seltsame Komplizenschaft seiner Mutter mit dem neuen Unrechtsregime findet, dem die Emigrantin als Gallionsfigur willkommen war. Das konnte doch, bei einer großen Erzählerin, die ein Buch des Widerstands wie Das Siebte Kreuz geschrieben hat, nicht abgehen ohne tiefe seelische Wunden. Auch wenn Anna Seghers bis zum Schluss bekannt hat: "Ich glaube weiterhin an den Sozialismus." Weshalb fragt der Sohn, weshalb fragt kein Herausgeber danach, wie sich dieser Glaube verträgt mit der Huldigung für den Niederschlag des Aufstands der Arbeiter am 17. Juni 1953?

Nach manchen schönen Erinnerungen des Sohnes (er, der kleine Flüchtling zu Fuß, muss doch tatsächlich einem Panzerkommandanten der französischen Armee die Landkarte reichen, damit der weiß, wo er ist) bleiben nur die nie zu überprüfenden Momente einer Heiligenlegende, die besagt, dass Anna Seghers, die selten ihre Machtstellung als Staatsautorin für verfolgte Kollegen genutzt hat, gestorben sein soll im Jahr der Ausbürgerung des Sänger-Dichters mit den Worten "Biermann, Biermann …"