Bei allem Respekt vor dem Schicksal von Moni und Micha: Es bewegt mich nicht. Deshalb ist es mir rätselhaft, weshalb die beiden post mortem zu Medienstars avancieren. (Proll-TV, hergehört: Wie wäre es mit einem Casting für potenzielle Selbstmörder!?!) Im Abschiedsbrief schrieben die beiden: Lieber tot als arm. Welch ein Anachronismus, welch eine Anmaßung, die wohl nur in einer übersättigten Gesellschaft wie unserer als Motiv für einen Selbstmord geltend gemacht werden kann.

Waren Moni und Micha wirklich arm? - Nein, das waren sie nicht. Es waren Menschen, die professionelle psychiatrische Hilfe benötigten. Stattdessen werfen sie ihr Leben leichtfertig weg und geben unserer Gesellschaft samt Hartz IV die Schuld an ihrem Selbstmord. Jene von Elend und Tod bedrohten Menschen hierzulande und jenseits unserer Grenzen würden das absurde Statement von Moni und Micha wohl eher umkehren und sagen: Lieber arm als tot.

BURKHARD JUNGHANSS KRAUTHEIM/JAGST

Nein, die Stahls sind nicht fort. Sie leben in unserer Stadt, in unserer Straße, gleich um die Ecke. Ich glaube, es gibt noch viele, die sich mit dem Gedanken an eine Selbsttötung tragen, wenn sie über ihr Leben unter der Knute von Hartz IV nachdenken. Sie ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, denn sie können finanziell nicht mehr mithalten. Sie leben eingeigelt in ihren Wohnungen, aus denen sie bald ausziehen müssen, da das vertraute Umfeld laut Bescheid der BA nicht mehr angemessen ist. Sie meiden Familie und Freunde, denn sie fühlen sich minderwertig. Und wer sich noch nicht hinter einer Mauer von Selbstgerechtigkeit und Desinteresse verbarrikadiert hat, kann diese Menschen sehen und ihnen zumindest ihre Würde lassen.

Aber solange das Denken in Deutschland vorwiegend von finanziellen Nützlichkeitserwägungen bestimmt wird und das neue Credo Rendite heißt, wird es noch häufiger Todesanzeigen geben, hinter denen sich ähnliche Schicksale verbergen.

BARBARA LUERWEG, LIPPSTADT, ARBEITSLOS UND HARTZ-IV-EMPFÄNGERIN