Nach drei Tagen wünscht man sich schlechtes Wetter. Regen, Hagel, Schauerböen. Irgendetwas, das jeden Rummelplatz leert. Der Brezelverkäufer müsste dann seine "Berliner Hauptstadt Brezeln" ins Trockene bringen, der Eismann die Luke seines Wagens schließen, und bei Metzkes Deli auf der anderen Straßenseite würde sich die Caféterrasse leeren. Der Regen würde die Stadt verschleiern, und das Mahnmal läge wieder so verlassen da wie im Modell. Schlicht und grau und still. Nach einigen Minuten könnte dann wieder die Sonne scheinen.

Ein Waschgang für das Mahnmal. Danach sehnt sich, wer drei Tage am neuen Denkmal für die ermordeten Juden Europas verbracht hat, um dessen Inbesitznahme durch die Öffentlichkeit zu beobachten. Wobei das natürlich typisch deutsch ist: zu glauben, Gedenken müsse schlicht und grau und still sein. Muss es das nicht?

Der erste Tag, ein Freitag im Mai. Berlin riecht nach Bratwurst. Die Stadt gleißt in der Sonne, unter den Linden herrscht Cabriowetter, und die Mädchen gehen bauchfrei, auch hier, an der Cora-Berliner-Straße 1 zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, im Zentrum des Zentrums der Bundesrepublik. Wo einst die Dienstvilla des Joseph Goebbels stand und später NVA-Truppen den Todestreifen harkten, wo viel deutsche Vergangenheit in Schichten lagert, ist am 12. Mai das Holocaust-Mahnmal eröffnet worden, gebaut nach Plänen des amerikanischen Architekten Peter Eisenman. 2711 Stelen aus dunklem Beton, 41 Bäume, 19073 Quadratmeter Deutungsfläche. Eisenman hat alle Interpretationen offen gelassen. Manche sehen in seinem Entwurf einen jüdischen Friedhof, andere das Warschauer Ghetto, ein Labyrinth, ein Getreidefeld, ein Meer.

Für Berlins Taxifahrer ist es "das Holo".

Hier hat der bei diesem Thema sonst behutsam anleitende Staat seinen Bürgern die Erinnerung an den Völkermord überlassen, er hat sich vor drei Wochen zurückgezogen und nur vier schwarze Tafeln im Boden hinterlassen, auf denen die Besucherordnung für das Stelenfeld steht, eine Art Gebrauchsanweisung für den motorisch korrekten Umgang mit der deutschen Geschichte: "Das Stelenfeld darf grundsätzlich nur zu Fuß und im Schritt-Tempo durchquert werden." – "Für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer sind 13 gekennzeichnete Gänge geeignet. Diese Gänge haben ein max. Gefälle von 8 %." – "Nicht gestattet ist: Lärmen, lautes Rufen, das Benutzen von Musikinstrumenten sowie der Betrieb von Rundfunk- und Tonträgergeräten, soweit über den persönlichen Hörbereich hinausgehend, das Lagern im Stelenfeld, auf Stelen zu klettern, von Stele zu Stele zu springen und sich in Badebekleidung auf einer Stele zu sonnen, das Mitführen von Hunden, das Mitführen von Fahrrädern, Skateboards, Roller-Blades, Rollschuhen, Fahr- und Motorräder an den äußeren Stelen abzustellen, das Rauchen, der Genuss alkoholischer Getränke und Grillen, das Stelenfeld zu verunreinigen."

Am Himmel schwebt, in den Farben des Regenbogens, ein Werbeballon von Sat.1.

An diesem Tag bekommt es viel Besuch, das Mahnmal, von allen vier Seiten wird es erkundet. Der TV Brettorf, Abteilung Faustball, ist da. Väter führen Familienprozessionen ins Feld, schrauben an Objektiven und stellen ihre Kinder in Pose. Baumarktpublikum schätzt Höhen ab und streicht fachkundig über Beton. Amerikanische Damen lassen Schleppen von Parfüm zurück. Punks hüpfen von Stele zu Stele. Touristen breiten Stadtpläne aus. Familien machen Picknick. Reisegruppen lassen Sandalen fallen für die Fußmassage. Junge Mütter rufen "Kuck-kuck!". Zwischen den Stelen verliert man sich schnell aus den Augen, und fast jeder glaubt, für sich zu sein. Deshalb ist das Mahnmal ein guter Ort, um zu lauschen – dem, was Volkes Stimme sein könnte und nicht Sonntagsrede ist, fünfmal im Manuskript redigiert. Es gilt das gesprochene Wort: "Ich kann mit moderner Kunst ja sowieso nichts anfangen … bin schon froh, dass ich’s mal gesehen hab … Hannes? … hast du gesehen, wie Bayern Nürnberg geschlachtet hat? … meine Füße, ich kann nicht mehr … ich hasse ja die Lea Rosh … stell dich mal da hin, nicht ins Gegenlicht … ja, wo ist denn die Helena? … hab ich!"