Im Frühjahr 1933 berief Präsident Roosevelt überraschend den Historiker William Edward Dodd (1869 bis 1940) zum Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin. Der liberale Gelehrte aus Chicago besaß zwar keine Erfahrung als Diplomat, galt dafür aber als guter Kenner Deutschlands, wo er vor dem Ersten Weltkrieg studiert und seinen Doktor gemacht hatte. Auf seiner schwierigen Mission begleiteten ihn nicht nur Frau und Sohn, sondern auch seine 24jährige Tochter Martha, die damals als Literaturkritikerin für die Chicago Tribune arbeitete.

Vier Jahre, von Juli 1933 bis zur Abberufung ihres Vaters im Dezember 1937, verbrachte Martha Dodd in Nazideutschland. Darüber berichtete sie in ihrem Buch Through Embassy Eyes, das im Frühjahr 1939 (gleichzeitig in England unter dem Titel My Years in Germany) herauskam und rasch zum Bestseller wurde. Eine französische Ausgabe erschien im Januar 1940, nur wenige Monate vor Besetzung des Landes durch die Wehrmacht. 1946 veröffentlichte der Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Ost-Berlin eine allerdings stark gekürzte und zensierte deutsche Fassung. Nun, Jahrzehnte später, wird das Werk erstmals in einer vollständigen deutschen Übersetzung präsentiert.

Der Verlag preist es als ein "einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte" an, und Oliver Lubrich hat sich in seinem Nachwort eifrig bemüht, dieser Ankündigung zu entsprechen. Doch etwas weniger Emphase wäre durchaus am Platze gewesen. Denn hier handelt es sich nicht um tiefschürfende Analysen aus dem Innenleben der NS-Diktatur vor 1939, wie sie etwa Sebastian Haffner in Germany: Jekyll & Hyde (1940) bietet, sondern um pointierte Impressionen, mit denen die Autorin ihr literarisches Talent unter Beweis stellen wollte.

Vieles erzählt Martha Dodd nicht aus eigener Anschauung, sondern vom bloßen Hörensagen. So werden Gerüchte, für die totalitäre Systeme mit gelenkter Presse immer einen idealen Nährboden abgeben, nicht selten für bare Münze genommen. Umso unbegreiflicher ist es, dass der Verlag den Text unkommentiert gelassen hat. Nicht einmal die gröbsten Fehler und Irrtümer werden richtig gestellt. Bei Eichborn hat man offenbar aus dem Desaster mit der Tagebuch-Edition der "Anonyma" nichts gelernt.

Dennoch bleibt Martha Dodds Bericht interessant – wenn man ihn daraufhin liest, wie eine junge, politisch naive Amerikanerin die Anfangsjahre des "Dritten Reiches" erlebte und interpretierte. Offen bekennt sie, zunächst von der Aufbruchstimmung der Menschen und der Massenbegeisterung für Hitler mitgerissen worden zu sein. "Die Erregung der Leute war ansteckend, und ich schrie so heftig ›Heil Hitler‹ wie nur irgend ein Nazi." Ein Erlebnis während einer Reise nach Süddeutschland im August 1933 sorgt für eine erste Abkühlung ihrer Begeisterung: In Nürnberg beobachtet sie, wie eine Frau mit kahl geschorenem Kopf und einem Schild um den Hals "Ich habe mich einem Juden hingegeben" durch die Straßen getrieben und von der Menge verhöhnt wird. Noch ist die Diplomatentochter geneigt, das beschämende Schauspiel als einen Einzelfall abzutun. Doch allmählich erschließt sich ihr die wahre Natur des Regimes hinter der beschwingten Fassade der "Volksgemeinschaft" – die Brutalitäten gegen politische Gegner, überhaupt gegen alle Abweichler, die alltägliche Bespitzelung, die kulturelle Verödung.

Das hinderte Martha Dodd freilich nicht daran, weiterhin nicht nur mit Hitler-Gegnern – zu ihren besten Freundinnen zählte Mildred Harnack, die später mit ihrem Mann Arvid hingerichtete Widerstandskämpferin von der Roten Kapelle –, sondern auch mit Nazis Umgang zu pflegen. Auf ihren Partys fand sich eine sehr gemischte Gesellschaft ein – Journalisten, Wehrmachtoffiziere, Diplomaten, Geheimdienstleute. Der attraktiven Amerikanerin ging der Ruf voraus, männlichen Avancen gegenüber sehr zugänglich zu sein, doch wenn im Nachwort von ihrer "promiskuitiven Sexualität" gesprochen wird, ist Skepsis angebracht. Gesichert ist lediglich, dass sie eine heftige Affäre mit Boris Winogradow, dem Ersten Sekretär der sowjetischen Botschaft, hatte. Der überredete sie offenbar dazu, Informationen für den sowjetischen Geheimdienst zu liefern. Und wohl auch auf seine Anregung hin unternahm sie im August 1934 eine Reise in die Sowjetunion, über die sie in ihrem Buch ähnlich naiv berichtet wie über ihre ersten Eindrücke in Nazideutschland.

Zu ihrem engeren Bekanntenkreis zählten noch andere zwielichtige Figuren, darunter Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo, von dessen sinistrem Charme sich seine Begleiterin besonders angezogen fühlte, und Ernst ("Putzi") Hanfstaengl, der Leiter des Auslandspresseamts der NSDAP. Er war es auch, der ein Treffen zwischen Hitler und Martha Dodd im Kaiserhof arrangierte, angeblich mit den Worten: "Hitler braucht eine Frau… Martha, Sie sind die Frau!"

Hitler erschien der Amerikanerin als bescheidener, etwas befangener Mann, von "eigenartiger Zartheit und ansprechender Hilflosigkeit". "Nur in den verrückten, brennenden Augen konnte man die schreckliche Zukunft Deutschlands sehen." Später registriert die Autorin allerdings die Verwandlung Hitlers in einen großspurigen Diktator, "der umherstolziert, als habe er die Erde unter seinen Füßen geschaffen". Seine antisemitischen Obsessionen führt sie einmal zurück auf einen "akuten Kastrationskomplex", ein anderes Mal auf einen "verqueren Mutterkomplex", der ihm ein normales Ausleben seiner Sexualität unmöglich mache. Derlei vulgärpsychologische Ableitungen mögen seinerzeit ein amerikanisches Publikum angesprochen haben, wirken aber heute nur noch erheiternd. Auch die Porträts anderer Nazigrößen, darunter Göring, Goebbels und Ribbentrop, bieten kaum mehr als Klischees.